Maria besucht ihre Kusine Elisabeth 

„Gegrüßet seist Du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus, den Du, o Jungfrau, zu Elisabeth getragen hast“.

Nur wenige Tage nach der Verkündigung bricht Maria auf, um ihre Kusine Elisabeth zu besuchen. Gerade erst hat sie selbst ein aufwühlendes Ereignis von wahrhaft kosmischem Ausmaß erlebt, und schon ist sie wie selbstverständlich unterwegs, um ihrer Verwandten zu helfen. Von Maria sind nur wenige wörtliche Zitate überliefert; aber wir können viel über sie aus ihrem Verhalten erfahren. Ihre Fürsorge zum Beispiel für eine Frau, die es mit einer Schwangerschaft in vorgerücktem Alter nicht leicht hatte. Maria bleibt gleich drei Monate, also vermutlich bis zur Niederkunft Elisabeths[1].

Wir erleben auch eine sehr couragierte junge Frau, die es versteht, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen. So eine Reise „ins Bergland von Judäa“ war für sie keine Kleinigkeit; wir wissen, dass  Reisen damals gefährlich sein konnte. Ist sie allein unterwegs gewesen? Hat sie sich einer Reisegruppe angeschlossen? Wir wissen es nicht. Aber das Entscheidende wissen wir: sie hat nicht gezögert und das Richtige getan, sie hat nach ihrem Herzen gehandelt.

Die Freude der beiden Frauen ist groß, ist zutiefst menschlich, aber mit einem besonderen spirituellen, einem überirdischen „Touch“[2]. Eine buchstäblich ansteckende Freude. Dieses Beisammensein der beiden Frauen spiegelt wahrhaft göttliche Tugenden: Glaube, Liebe, Hoffnung. Überlegen wir uns, wo auch wir solche Tugenden leben können – einen lange verschobenen Besuch machen, einen einsamen Menschen überraschen, weit entfernt lebende oder entfremdete Freunde wieder anrufen, Anderen unsere Hilfe im Alltag anbieten…?

An keiner anderen Stelle des Neuen Testaments hören wir so viele Worte aus dem Munde der Gottesmutter – und was für wundervolle! Ihr Lob- und Freudengesang, das „Magnificat“[3], ist zum Gebet der Kirche und der Gläubigen durch alle Jahrhunderte geworden. Selbst für Nichtchristen ist dieser wundervolle Gesang bemerkenswert, auch wenn man ihn nur als eines der schönsten und ergreifendsten Zeugnisse antiker Dichtkunst versteht. Es ist aber vor allem verdichtete Theologie, Poesie gewordenen Offenbarung.

Bild: Giotto die Bondone


[1]Elisabeth war bei der Verkündigung an Maria schon im sechsten Monat schwanger: Lk. 1, 36.

[2]In den begeisterten Grußworten der Elisabeth klingt unser „Ave Maria“ an: „Gesegnet bist Du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht Deines Leibes“.

[3]Magnificat anima mea Dominum… (Meine Seele preist den Herrn…). Lk. 1, 46-55