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(Bild: Concorde)

Filmische Qualität:   5 / 5
Regie:Jean-Pierre Améris
Darsteller:Ariana Rivoire, Isabelle Carré, Brigitte Catillon, Noémie Churlet, Gilles Treton, Laure Duthilleul
Land, Jahr:Frankreich 2014
Laufzeit:98 Minuten
Genre:Dramen
Publikum:ab 12 Jahren
Einschränkungen:
im Kino:1/2015
Auf DVD:5/2015

Auf realen Ereignissen im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts basierend, erzählt Regisseur Jean-Pierre Améris im französischen Spielfilm „“Die Sprache des Herzens – – Das Leben der Marie Heurtin““, der auf dem diesjährigen Filmfestival in Locarno uraufgeführt, dort mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, und nun im regulären Kinoprogramm anläuft, von der blindtauben Marie Heurtin (Ariana Rivoire).

Der Zuschauer sieht sie erstmals in völlig verwahrlostem Zustand mit zerzaustem Haar, als ihr Vater an einem Strick die 14-Jährige zum Institut Larnay in der Nähe von Poitiers bringt, wo sich Nonnen um taube junge Frauen kümmern. Die echte Marie Heurtin war erst zehn, als sie 1895 nach Larnay kam, aber Regisseur Améris und sein Drehbuch-Mitautor Philippe Blasband erhöhen aus verständlichen Gründen das Alter des Kindes: Eine Zehnjährige für diese Rolle zu finden wäre fast unmöglich gewesen.

Das Institut Larnay war 1835 von den „Schwestern der Weisheit“ gegründet worden. Die Schwestern brachten dort tauben Mädchen eine Gebärdensprache bei. Die eine oder andere ist dann selbst in die Kommunität eingetreten. So sieht der Zuschauer Schwester Marguerite (Isabelle Carré) zum ersten Mal, als sie sich in dieser Zeichensprache mit einer stummen Nonne unterhält.

Weil Regisseur Améris den Standpunkt von Marie als taube Blinde wohl kaum visualisieren konnte, erzählt er „Die Sprache des Herzens“ aus der Sicht von Schwester Marguerite. Dazu setzt er immer wieder Abschnitte aus ihrem (ebenfalls authentischen) Tagebuch ein. Die dadurch entstandene Verdoppelung von Bildern und Sprache wirkt hier keineswegs ermüdend.

Auf die Verzweiflung über vergebliche Versuche folgt die Freude über jeden Fortschritt von Marie und die Hoffnung, das Mädchen aus ihrem „Gefängnis“ herauszuführen. Denn als blind und taubstumm war Marie jeder Art von Kommunikation unfähig. Ihre Fortschritte finden einen emotionalen Höhepunkt im Besuch von Maries Eltern (Gilles Treton, Laure Duthilleul), als sie erstmals in ihrem Leben mit ihrer Tochter kommunizieren können.

„Die Sprache des Herzens“ schildert nicht nur die Verwandlung der Marie Heurtin von einem „wilden Tier“, das auf Bäume klettert, um sich schlägt und beißt, und bis auf ein verschlissenes Nachthemd keine Kleidung verträgt. Mit seinem Film setzt Jean-Pierre Améris ein filmisches Denkmal einer Ordensschwester, die kränklich ist – sie wird sehr jung sterben –, aber eine außergewöhnliche Kraft entwickelt, auch gegen den anfänglichen Widerstand der Mutter Oberin (Brigitte Catillon), die Marie für hoffnungslos hält und sich wegen ihres aggressiven Verhaltens um den Frieden in Kloster und Schule sorgt.

Schwester Marguerite lehrte Marie Zeichen durch Ertasten. Sie bedient sich der Vorliebe des Mädchens für ein Taschenmesser, um diesen Gegenstand durch eine Geste zu bezeichnen: Sie nimmt Maries Hände, legt sie übereinander und tut so, als würde eine Hand die andere schneiden. Diese Bewegung heißt „Messer“. Anhand konkreter Objekte bringt die Nonne dem Kind den Zusammenhang zwischen dem Gegenstand und dem entsprechenden Zeichen des Alphabets bei.

So lernte Marie nach und nach auf ihrer Handfläche eine neue Sprache. Damit eröffnet sie Marie eine neue Welt. Im Verlauf mehrerer Jahre öffnet Schwester Marguerite Stück für Stück für Marie die Tür des Wissens und der Kommunikation. Es dauerte nur vier Jahre, bis Marie nicht nur die konkrete, sie umgebende Welt, verstand, sondern auch die nicht greifbare.

Améris zeigt in einer kurzen Szene, wie Schwester Marguerite Marie zum ersten Mal von Gott erzählt. Was in „Die Sprache des Herzens“ lediglich eine kurze Episode darstellt, hatte eine besondere Bedeutung: Für den Erfolg von Maries Ausbildung war das Verständnis von Seele und Gott von entscheidender Wichtigkeit.

Marie erhielt Zutritt zu diesen Konzepten, indem sie „verstand“, dass Gott der Ursprung aller Dinge ist, angefangen mit der Sonne. Im Mai 1899 konnte Marie zur Erstkommunion, und blieb Zeit ihres kurzen Lebens – sie starb an einer Lungenentzündung mit nur 36 Jahren – sehr fromm.

Das Kernstück des Filmes bildet das innige Verhältnis zwischen Schwester Marguerite und Marie, das jedoch kein Selbstzweck blieb. Denn Schwester Marguerites Mutterliebe für Marie Heurtin bleibt in den Kontext des Klosterlebens eingebettet. „

Die Sprache des Herzens“ lebt von der großartigen Darstellungskunst von zwei Frauen, die in schauspielerischer Hinsicht gegensätzlicher kaum sein könnten: Auf der einen Seite die erfahrene, 43-jährige Schauspielerin Isabelle Carré, auf der anderen Seite die junge Laiendarstellerin Ariana Rivoire, die selbst taubstumm ist und zum ersten Mal in einem Film mitspielte.

Zur Inszenierung erläutert Regisseur Jean-Pierre Améris: „Die Vision, die ich von meinem Film habe, ist leuchtend, lichtdurchflutet. Ich will Maries Hände zeigen, wie sie Tiere berühren, Bäume und Gesichter, bewegende Momente, die letztendlich die Erfindung einer Sprache sind und die Geschichte einer Befreiung, einer Wiedergeburt.“

Ihm gelingt es, die Entstehung einer Sprache zu visualisieren, durch das hochemotionale, aber zugleich zurückgenommene Schauspiel seiner Protagonistinnen und durch einen schon als Minimalismus zu bezeichnenden Inszenierungsstil.