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(Bild-Ausschnitt: „Die Sieben Todsünden und Die vier letzten Dinge“ – Hieronymus Bosch. Kommentar zum Bild-Ausschnitt: Hier gibt es nur missgünstige Blicke. Selbst die Tiere bleiben nicht verschont. Ein Hund, der ohnehin schon zwei Knochen hat, streckt sich nach einem dritten, ein weiterer Hund neidet seinem Artgenossen diese Beute. Zum vollständigen Gemälde gelangen Sie -> hier )

Neid und Leid

Neid ist die einzige der Hauptsünden, unter der jeder Betroffene, jeder „Neider“, subjektiv und objektiv selbst leidet[1]. Der vom Neid zerfressene oder extrem eifersüchtige Mensch ist sich oft der Tiefe seines Leidens bewusst und blickt quasi aus der Froschperspektive, aus der untergeordneten, niedrigeren (zumindest so wahrgenommenen) Position voller Missgunst auf den oder die Menschen, denen sein Neid gilt. Die Wortwurzel des zugehörigen lateinischen Begriffs „Invidia“ spiegelt diese Haltung wider: Das Verb invidere bedeutet das neidvolle Anstarren, den finsteren missmutigen Blick[2], hinter dem sich keine gute Absicht verbirgt.

Ressentiment

Der Neid steht – mit beiden eng verbunden – zwischen Habsucht und Zorn. Das suchthafte  Habenwollen ist seine Voraussetzung, jähzorniges Verhalten nicht selten seine Folge. Aber dem Neid eignet auch ein Element von Verstellung und Verschlagenheit; selten äußert er sich direkt und offen. In der Kunst findet sich dies in allegorischen Darstellungen des Neiders, der mit scheelem Blick unter Vermeidung des direkten Blickkontakts seine Missgunst noch notdürftig zu verbergen sucht. Um so mehr bohrt der Neid schmerzhaft im Inneren und treibt zu boshaften Worten und schädigenden Taten. Neid beruht oft auf dem subjektiven Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, nicht das Zustehende zu bekommen, unfair zurückgesetzt zu werden. Also ist man doch ein Opfer und muss sich nicht auch noch Vorwürfe machen lassen!

Diese Selbstwahrnehmung hält meist  noch an, wenn die vermeintliche oder tatsächliche Benachteiligung ausgeglichen wurde. Der Neid ist wie ein Virus, der den Wirtskörper kaum mehr verlässt. Ein gestörtes – entweder zu schwaches, oder auch ein übersteigertes – Selbstbewusstsein ist für ihn das bequemste Einfallstor, und solange der Neider meint, nur sein „gutes Recht“ verteidigen zu müssen, ist er sich des Lasterhaften der eigenen Einstellung kaum bewusst. Aber der  durch Zurücksetzung gekränkte Stolz[3] ist noch nicht die schlimmste Ausprägung des Neides.

Herz der Finsternis

Der dunkle Kern des Lasters zeigt sich, wenn der Neid nicht von einer tatsächlichen oder vermeintlichen Benachteiligung ausgelöst wird, sondern aus narzisstischer Selbstbezogenheit stammt, sogar ganz und gar anlasslos ist. Letzteres liegt vor, wenn man sogar darunter leidet, dass ein Freund einen Vorteil erfährt, einen Gewinn einstreicht oder eine Ehrung bekommt, ohne dass man Mitbewerber oder überhaupt beteiligt war.

Von dem amerikanischen Schriftsteller Gore Vidal gibt es ein treffendes Aperçu: „Wenn ein Freund von mir Erfolg hat, stirbt etwas in mir“[4]. Hier zeigt sich eine tiefere, besonders düstere Dimension des Neides, eine, die wir uns nur ungern eingestehen. Wie passt das zusammen – ein Freund erfährt etwas Gutes, wird geehrt, oder macht einen Gewinn und mir gibt es „einen Stich ins Herz“? Und wie kann das Missgeschick eines Freundes oder Verwandten bei mir eine klamheimliche Genugtuung auslösen? Schadenfreude unter Freunden? Wahrscheinlich ist diese (schlimmere) Form des Neides die am meisten verbreitete, jedenfalls in Zeiten von FacebookTwitter und Instagram, Medien, die das Angeben und Beneiden geradezu zum Geschäftsmodell gemacht haben. Seien wir ehrlich – wenn wir zum x-ten Mal ein Postingguter Freunde sehen, das sie schon wieder am Traumstrand zeigt, im Edel-Restaurant oder beim Posieren mit „Promis“ oder seltenen Tieren, dann gibt es uns „einen Stich ins Herz“ und wir trösten uns mit unserer Aufrichtigkeit, soliden Normalität und Arbeitsamkeit. Aber Neid ist da schon…

Erst an dieser Stelle zeigt sich, warum der Neid eine Hauptsünde ist – eben nicht nur eine Reaktion auf Benachteiligung, sondern etwas in sich Lasterhaftes. Für das Ressentiment des zu Unrecht Benachteiligten haben wir Verständnis; auch die Gefühle des Eifersüchtigen, der Verrat an seinem Innersten fürchtet, können wir nachempfinden. Aber das Gefühl der Missgunst ohne Anlass, auch noch Nahestehenden gegenüber? Jeder kennt das, und jeder spürt, dass sich hier tiefe Abgründe auftun, die dunkle Seite der Conditio Humana[5].

Verräterische Sprache

Das unterschwellige Bewusstsein, dass dieses unausrottbare Laster nie weit von unserem Herzen entfernt ist, spiegelt sich in unserer Alltagssprache, z.B. wenn wir angesichts der großartigen Leistung eines Anderen „neidlos“ anerkennen müssen, dass er da so herausragend war, sich so außerordentlich ausgezeichnet hat, dass man nicht einmal Neid empfinden kann. Umgekehrt bestätigen wir jedes Mal unser Wissen um diese Ausprägung des Mysterium Iniquitatis[6], wenn wir davon sprechen, jemand oder etwas sei „beneidenswert“. Offenbar ist es irgendwie selbstverständlich, dass man Neid empfindet, wenn es einem Anderen „zu gut“ geht. Deshalb kann man sogar in der Werbebranche mit dem Neid spielen, z.B. mit dem lateinischen Wort „Invidia“. Da werden uns Produkte vorgestellt, die so gut oder so „cool“ sind, dass sie den Neid (Anderer) erregen. Und das scheint ein Kaufanreiz zu sein…

Kollektives Menschheitsgedächtnis

Der Neid sitzt nun mal tief und wir fühlen, dass er eine Bedrohung für jeden Menschen und das Zusammenleben ist, auch wenn er uns im Alltagsleben selten in den extremen Formen begegnet, von denen uns warnend schon das Alte Testament berichtet, aus seinem unerschöpflichen Schatz an Wissen über die Natur des Menschen schöpfend. In der christlichen Tradition wird vielfach auf die Geschichte von Kain und Abel[7] verwiesen, die in archetypischer Form den Neid selbst nächsten Verwandten gegenüber thematisiert – und mit großer Deutlichkeit seine zerstörerischen Auswirkungen sichtbar macht, bis hin zum Brudermord. Ähnlich verhält es sich bei Joseph und seinen Brüdern[8], die ihn zwar gerade noch am Leben lassen, aber in die Sklaverei verkaufen, aus Neid auf die Liebe des Vaters ihm gegenüber.

Diese extrem zerstörerische Egozentrik, die Unfähigkeit, dem Anderen etwas zu gönnen (über ein gewisses, unserem Ego erträglich scheinendes Maß hinaus) ist uns zu Recht unheimlich, gerade weil fast jeder ansatzweise schon einmal so empfunden hat. In der antiken Mythologie und in Naturreligionen findet sich darüber hinaus auch noch ein „Neid der Götter“, vor dem sich die Menschen in Acht nehmen müssen. Friedrich Schiller hat die menschliche Ur-Angst, die  metaphysische Tiefe der Bedrohung auf unnachahmliche Weise in einer großen Ballade[9] verewigt: „Noch keinen sah ich fröhlich enden, auf den mit immer vollen Händen die Götter ihre Gaben streu’n“. Um den angeblichen Neid der Götter abzuwehren, wurden und werden in animistischen Religionen und im täglichen Volksaberglauben viele Arten von Riten vollzogen und Opfer gebracht. Offenbar handelt es sich dabei um Projektionen menschlicher Fehler auf vermeintliche Gottheiten.

Das Gegenmittel

Ein vollkommen anderes Gottes- und Menschenbild begegnet uns im Neuen Testament. Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg[10] stellt uns Jesus die Gestalt eines Gutsbesitzers vor Augen, der zu verschiedenen Zeiten des Tages Tagelöhner zur Arbeit in seinem Weinberg anwirbt und allen den gleichen Lohn zusagt. Am Ende des Tages steht er zu seiner Zusage und bezahlt allen den vereinbarten Lohn, was aber diejenigen empört, die länger gearbeitet haben als die zuletzt angeworbenen und die deshalb meinen, ein Anrecht auf mehr zu haben. Auf ihren – nach unseren arbeitsrechtlichen Bestimmungen verständlichen – Protest erwidert der Winzer milde: „…bist Du neidisch weil ich gütig bin?“

Natürlich verstehen wir sofort, dass mit dem Gutsbesitzer des Gleichnisses Gott gemeint ist, und dass wir die Tagelöhner sind. Die entwaffnenden Worte des Weinbergbesitzers[11] sind für die Christen seit jeher die endgültige Absage an jede Art von Neid[12]. Nichts haben wir Menschen, das wir nicht von Gott hätten. Wenn wir das vergessen, wird unser Verhalten leicht wie das von zornigen Kindern, die noch nicht gelernt haben Unlust zu ertragen, oder gute Verlierer zu sein. Während aber kindlicher Zorn schnell vergeht und dem Urvertrauen in die liebenden Eltern weicht, fällt es Erwachsenen sehr viel schwerer, eine höhere Weisheit zu akzeptieren.

Anders als antike Religionen und zeitgenössische Kulte lässt uns der christliche Glaube nicht im Regen stehen; wir sind nicht mehr hilflos der Willkür numinoser Mächte ausgeliefert, sind keine Ameisen unter der Lupe eines kalten Weltenlenkers, der seinen Schabernack mit uns treibt. Das doppelte Wissen um die Liebe Gottes und um die Befreiung aus der Schuld, in die wir als Menschen verstrickt sind, schafft ein ganz neues Verhältnis zum Schöpfer und zu unseren Mitgeschöpfen. Das entzieht dem Laster des Neides seine Grundlage – wenn wir uns nur darauf einlassen…

Was tun?

Es ist eine bewährte Tradition christlicher Meditation, anhand eines Textes aus der Hl. Schrift über ein Thema nachzudenken und damit ein wenig „in sich zu gehen“. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg eignet sich dafür besonders gut. Bei dieser Meditation können wir einmal die verschiedenen Rollen der handelnden Personen gedanklich ausprobieren – z.B. die der Tagelöhner der ersten Stunde. Das ist – bezeichnenderweise – die Rolle, mit der man sich beim Lesen oder Hören der Geschichte fast automatisch zuerst identifiziert. Gelingt es uns, die spontane Abneigung gegen den Gutsbesitzer abzubauen? Wie können wir mit den scheinbar „Bevorzugten“ klar kommen, denen wir eigentlich die gleiche Bezahlung nicht gönnen? Was haben sie, das wir nicht haben? Ging es ihnen wirklich besser? Und wenn nicht, worunter leiden wir dann eigentlich?

Und dann versetzen wir uns auch einmal in die Situation der späten Arbeiter, die den ganzen Tag frustriert und sorgenvoll auf eine Arbeit warten mussten und erst ganz zum Schluss noch Glück hatten. Wie wirkt es dann auf uns, das Murren der Anderen zu hören?

Aber wir können uns auch einmal in die Rolle des Weinbergbesitzers versetzen und versuchen, uns über seine Motive Klarheit zu verschaffen.

Am Ende einer solchen kurzen Meditation sehen wir den Text, den wir vielleicht schon gut zu kennen meinten, mit anderen Augen. Und das hilft ein wenig dabei, uns gegen den Neid, dieses ansteckende Laster, zu immunisieren.


[1]In gewisser Weise ist das auch beim Zorn der Fall, aber in geringerem Maße bzw. auf andere Art und eher unterbewusst, da der Jähzornige von einem vermeintlich höheren Standort aus urteilt und wütet.

[2]Dahinter verbirgt sich auch der antike Aberglaube des „bösen Blickes“.

[3]Vgl. Beitrag zur Hauptsünde des Hochmuts/Stolzes.

[4]„When a friend of mine succeeds, something in me dies“. Zitiert bei Robert Barron: https://www.youtube.com/watch?v=wG4VF0jU568&ab_channel=DioceseofRaleigh (Minute15,10).

[5]Die Natur des Menschen als gefallenes, sterbliches Wesen.

[6]Das Geheimnis des Bösen. Gemeint ist die letzte Rätselhaftigkeit des Bösen und seines Auftretens

[7]Vgl. Gen. 4, 1-16

[8]Vgl. Gen. 37

[9]„Der Ring des Polykrates“.

[10]Matth. 20, 1-16.

[11]Im Alten Testament wird das Bild vom Winzer und dem Weinberg oft verwendet und auf das Verhältnis Gottes zu seinem Volk bezogen. Das war den Jüngern Jesu also unmittelbar eingängig.

[12]Dem widerspricht keineswegs die Tatsache, dass sich Gott im Alten Testament bei der Verkündung der zehn Gebote als „eifersüchtiger Gott“ bezeichnet. Mit „fortis zelotes“ ist dort etwas ganz anderes gemeint als mit „invidiosus“. Gott ist niemals „neidvoll“ oder „missgünstig“. Gemeint ist hier, dass er keine Unterwerfung des Menschen unter falsche Götter duldet. Auch das ist übrigens eine Menschheitserfahrung bis zum heutigen Tag: dass Menschen sich schlimmen „Götzen“ unterwerfen – in der Form von Kulten, Ideologien und Süchten.