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Mit dem pandemiebedingten „Shutdown“ist unerwartet, wenn auch nicht ohne Vorwehen, eine Epoche zu Ende gegangen. Rund 1700 Jahre nach dem Ende der Christenverfolgungen im Römischen Reich ist es zum ersten Mal wieder flächendeckend zur Schließung von Kirchen und zu einem generellen Verbot öffentlicher Gottesdienste gekommen.

Wie unterschiedlich die Gründe und wie unvergleichbar die Umstände für das vollständige „Abschalten“ öffentlicher Gottesdienste auch gewesen sein mögen, so bleibt doch festzuhalten: Das konstantinische Zeitalter ist definitiv zu Ende. Gewiss – man mag das Ende dieser Epoche der europäischen und Welt-Geschichte früher ansetzen, im 20. Jahrhundert, mit der Säkularisierung des 19. Jh., gar mit der Reformation. Aber die christliche Prägung unseres Kontinents und die Feier des christlichen Kultes haben doch diese Zeiten der Krise immer überstanden, mit nur zeitlich und regional begrenzten Ausnahmen. Nun aber wird schlaglichtartig sichtbar, dass ein anderes Zeitalter begonnen hat.

Manch einem säkular sozialisierten Zeitgenossen, sogar etlichen Kritikern in der Kirche selbst, mag das gleichgültig, oder sogar willkommen sein, gilt doch die sog. „Konstantinische Wende“, d.h. die Erhebung des zuvor verfolgten Christentums in den Stand einer zugelassenen („religio licita“), schließlich gar „offiziellen“ Religion, als Fehlentwicklung, gar als „Sündenfall“ des Christentums.

Ur-Katastrophe der Christenheit?

Ich selbst habe es in meiner schulischen und universitären Ausbildung noch so vermittelt bekommen: Durch den Kaiser Konstantin wurde das Christentum zur „Staatsreligion“ und aus Verfolgten wurden selbst Verfolger, die das edle antike Heidentum auslöschten und eine unduldsame und bigotte klerikale Herrschaft errichteten. Dieses seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert verbreitete Deutungsschema hat allerdings einen nicht unerheblichen Makel: Es ist total falsch!

Wie eine schwarze Legende entsteht

Die frühen Aufklärer und die meisten ihrer Vorläufer waren noch alles andere als säkularistische Christenhasser. Um so erstaunlicher ist es, wie schnell und wie gründlich sich der antikirchliche Radikalismus im Verlaufe der Aufklärung durchsetzte. Das mag z.T. auch daran gelegen haben, dass manch ein reformeifriger Kirchenmann in dieselbe Kerbe schlug, und dass nach den bitteren konfessionellen Auseinandersetzungen des 15. bis 17. Jahrhunderts Polemik und grobschlächtige Vereinfachungen als Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung ohnehin an der Tagesordnung waren. Da blieb oft wenig Raum für Differenzierung.

Doch lässt sich die Bildung der „schwarzen Legenden“ über die Katholische Kirche auch einzelnen Namen zuordnen. Da ist zunächst Voltaire zu nennen, mit seinem programmatischen Kriegsruf „écrasez l’infâme!“[1]: Dieser gab das Objekt des aufklärerischen Kampfes (die Katholische Kirche) und sein Ziel (ihre Vernichtung) vor.

Von der Geschichtsschreibung zur Geschichtspolitik

Zum Anderen spielt hier der berühmte englische Autor und Politiker Edward Gibbon (1737-1794) eine herausragende Rolle. Aus heutiger Sicht könnte man ihn als „Buchautor und Publizisten“ bezeichnen; ein gelernter Historiker war er nicht, aber seine Geschichte des Untergangs des Römischen Reiches wurde dennoch schnell zu einem der einflussreichsten Werke der europäischen Historiographie.

Gibbon griff antikatholische Klischees seiner Zeit auf und machte sie zur Prämisse seiner religionspolitisch motivierten Geschichtsdeutung: Das Christentum wurde dadurch zum Totengräber der antiken Kultur und durch seinen zersetzenden Einfluss auch zum Zerstörer des Römischen Reiches.

Aufklärungsmythen und Klischees

Gibbon und viele seiner Zeitgenossen schwelgten in einem verklärenden, auch heute noch populären Klischee des „toleranten“ Polytheismus und des „edlen Heiden“, dem gegenüber kirchliche Autoren derselben Zeit als grobschlächtige Fanatiker abgetan wurden, deren Werken man keinerlei Glauben schenken dürfe, es sei denn sie bestätigten ungewollt die kirchenfeindliche Tendenz der pseudo-aufklärerischen Neu-Erfindung der spätrömischen Geschichte. Im Lichte dieser Tendenz-Geschichtsschreibung wurde die „Konstantinische Wende“ zur Urkatastrophe der europäischen Geschichte umdefiniert. Doch die Realität sah anders aus.

Fakten-Check: Was war die Konstantinische Wende?

Die tatsächliche konstantinische Wende war sowohl eine Befreiung, als auch eine Wende zu mehr Toleranz. Zur Zeit des Kaisers Konstantin waren ca. 15% der Bewohner des Römischen Reiches Christen. Für sie endete nun jene Zeit, in der sie immer wieder den willkürlichen Verfolgungen durch die Staatsmacht oder einen entfesselten Pöbel ausgeliefert waren. Als „religio licita“ genoss das Christentum den Schutz der römischen Staatsmacht. Von „Staatsreligion“ im modernen Sinne konnte keine Rede sein.

Pluralismus auf römisch…

Die klassische römische Religion wurde weder von Konstantin noch von seinen Nachfolgern zerstört. Vielmehr blühte sie weiter und erfuhr auch von den Kaisern immer wieder Förderung und Würdigung, je nachdem, was ihnen gerade politisch angezeigt schien. Auch Konstantin selbst handelte so, und die Zahl der „Heiden“ in wichtigen Positionen war unter ihm – wie unter seinen Nachfolgern, mindestens bis ins 6. Jahrhundert – groß.

Die antike römische Religion wurde auch keineswegs von fanatischen Christen ausgerottet; sie erfreute sich noch jahrhundertelang und nur mit begrenzten Ausnahmen, öffentlichen Zuspruchs, so lange jedenfalls, bis sie aufgrund ihrer eigenen inneren Auszehrung langsam verschwand. Sie wurde nicht eliminiert, sie verdunstete… Mit der Bekehrung der Kaiser zum christlichen Glauben war es allerdings vorbei mit ihrer herausgehobenen Vorrangstellung unter anderen Religionen, wie sie sich insbesondere im Kaiserkult manifestiert hatte.

Wenn man die „konstantinische Wende“ einmal ganz a-historisch auf der Goldwaage unserer Kriterien wiegen will, inwieweit sie etwas für oder gegen Toleranz und Vielfalt gebracht habe, dann fällt das Urteil eindeutig aus: Toleranz und Vielfalt in der römischen Gesellschaft nahmen damals  erheblich zu.

Julian der Apostat – Lichtgestalt oder Schurke?

Es gab freilich unter den ersten Nachfolgern Konstantins eine markante Ausnahme: Der von Kirchenhassern gern als Befreier vom klerikalen Joch gefeierte Kaiser Julian (von der christlichen Geschichtsschreibung mit dem nicht positiv gemeinten Beinamen „der Apostat“ bezeichnet). Sein Versuch, den römischen Götterglauben wieder zur privilegierten und herrschenden Religion zu machen, war von Intoleranz und Zwangsmaßnahmen begleitet, durch die er u.a. alle Christen aus öffentlichen Ämtern und allen Leitungsfunktionen des Reiches zu vertreiben trachtete. Nach Julians jähem Ende auf einem von ihm leichtfertig begonnenen Feldzug war es mit der harschen Restitution des Heidentums wieder vorbei.

Das Ende der schwarzen Legende

Aber weiterhin bekleideten namhafte Anhänger der alten römischen Religion – ebenso wie Gläubige nahöstlicher Mysterienkulte und diverser Sekten – viele hohe Ämter und einflussreiche Positionen im Römischen Reich. Die „Vernichtung“ der antiken Religion durch ein bigottes Christentum ist ebenso eine Legende, wie die naive Glorifizierung der heidnischen Religionen und ihrer vielfach blutigen Riten zu einer angeblich sanften und menschenfreundlichen Lebensart. Da war den späten Aufklärern ihre Phantasie durchgegangen.

Was man diesen mangels historischen Wissens noch als romantische Verirrung durchgehen lassen könnte, das verbietet sich jedoch heute jedem ernstzunehmenden Forscher. Die Masse der vorliegenden historischen Erkenntnisse und die intellektuelle Redlichkeit verbieten es, die schwarze Legende von der vermeintlich so intoleranten „konstantinische Wende“ weiter zu tradieren oder wieder neu aufleben zu lassen. Denn das war ein Mythos.


[1]„Zermalmt die Abscheuliche!“


zu den Bildern:

Vatikanische Museen, In diesem Zeichen wirst du siegen, Fresko von Giulio Romano, Entwurf Raffael.

Die große Audienzhalle (Sala del Costantino) ist mit riesigen Fresken ausgestattet, die von Giulio Romano, einem von Raffaels Schülern, 1520 ausgeführt wurden. Der Entwurf stammt von Raffael, der jedoch vor der Ausführung der Fresken starb. Dieses Fresko zeigt Kaiser Konstantin I., als er 312 vor dem Sieg über seinen Gegenkaiser Maxentius an der Milvischen Brücke die Prophezeiung erhält: In diesem Zeichen wirst du siegen(In hoc signo vinces). Die Legende schildert folgenden Ablauf des Geschehens: Auf einem Marsch irgendwann vor der Schlacht hatten Konstantin und sein Heer zu Mittag ein Kreuz aus Licht über der Sonne mit den Worten „in hoc signo vinces“ (mit diesem Zeichen wirst du siegen) gesehen. Dieses Zeichen sei Konstantin lange nicht verständlich gewesen, weshalb ihm in der Nacht vor der Schlacht Jesus Christus mit dem gesehenen Zeichen erschienen sei und seine Verwendung als Schutz- und Siegeszeichen angewiesen habe. Wie in dem Freskenzyklus zu sehen, trugen die Truppen bei der Schlacht an der Milvischen Brücke daher römische Feldzeichen, die zusätzlich mit einem Kreuz versehen waren. Konstantin siegte gegen seinen Konkurrenten Maxenius, der während der Schlacht im Tiber ertrank, so dass Konstantin zum Alleinherrscher des römischen Reiches wurde.  (Link zu den Aufnahmen)