Lesezeit: ≈ 6 Minuten

(Bild-Ausschnitt: „Die Sieben Todsünden und Die vier letzten Dinge“ – Hieronymus Bosch. Kommentar zum Bild-Ausschnitt: (Bild-Ausschnitt: „Die Sieben Todsünden und Die vier letzten Dinge“ – Hieronymus Bosch. Kommentar zum Bild-Ausschnitt: Wir sehen ein Zeltgelage. Während Männer und Frauen sich handelseinig werden, verdrischt ein Mönch den entblößten Hintern eines Narren mit einem Kochlöffel. Die Harfe, Symbol für ein himmlisches Instrument, ist achtlos beiseite geworfen. Zum vollständigen Gemälde gelangen Sie -> hier )

Alles Sex – oder was?

Das ist es doch, woran wir alle zuallererst denken, wenn Stichworte wie „Laster“, „Sünde“, oder gar „Todsünde“ fallen: Da muss es irgendwie um Sex gehen! Dabei hatten wir doch schon gesehen, dass in der christlich-abendländischen Tradition der Hochmut[1] die „schlimmste“ Sünde ist, und überhaupt die „geistigen“ Sünden als gefährlicher gelten, als die im engeren Sinne körperlichen[2].

Trotzdem kommt es vielen Zeitgenossen so vor, als sei das Thema Sex die Hauptsache, wenn es um Ethik und Moral geht. Und weil man noch irgendwie fühlt, dass die Kirche quasi zuständig ist für ethische Fragen[3], wird daraus (fälschlicherweise) im Umkehrschluss gefolgert, die Kirche sei in übertriebener Weise auf das Thema Sex fixiert: Schon die Sündenfallsgeschichte aus der Genesis[4] deuten wir doch landläufig irgendwie mit einem geschlechtlichen Hintergrund, oder?

Es fängt schon damit an, dass in der Kunst Adam und Eva immer nackt dargestellt werden – über Jahrhunderte war das ja auch ein unwiderstehlicher Anlass zur öffentlichen Darstellung schöner nackter Körper. Und dann stammt aus dieser Szene noch der Apfel als Symbol der Verführung. Ist das nicht irgendwie schlüpfrig? Eigentlich nicht, denn es geht in der Geschichte nicht um Sex, sondern um Hochmut, Anmaßung, Widerspruch zur göttlichen Schöpfungsordnung…

Luxus, Lust und Leidenschaft

Es ist ein besonders hartnäckiger Irrtum, wenn aus dem Zusammenhang von Ethik und Glaubenslehre immer wieder der Schluss gezogen wird, die kirchliche Lehre sei „leibfeindlich“ und verbreite eine generell negative Sicht der Sexualität. Aber das ist Unsinn. Leibfeindlicher Puritanismus gilt jedenfalls der Katholischen Kirche als Häresie[5]. In der biblischen Tradition ist die Liebe[6], auch und gerade die körperliche Liebe (Sex eben…) zwischen Mann und Frau nichts Böses, sondern ein Gottesgeschenk.

Wie sonst hätte sich z.B. die Liebeslyrik des „Hohenliedes“ im Kanon der Heiligen Schrift der Christenheit halten können, mit einer so tiefsinnigen religiösen Ausdeutung? Das wäre wohl kaum geschehen, wenn es da um etwas Böses ginge.Vom Kirchenlehrer Thomas von Aquin gibt es feinfühlige und überaus positive Aussagen über die Sexualität, psychologisch einfühlsam und fern jeder Prüderie. Gegen  puritanische Irrlehren argumentiert er naturrechtlich: Was vom Schöpfer gut eingerichtet ist, kann nicht in sich schlecht sein: „Also ist es unmöglich, dass die leibliche Vereinigung an sich böse wäre[7]

Wo ist nun das Laster?

Aber wo hört die Liebe auf, und wo fängt das Laster der „Wollust“ an? Oft hilft es, sich die Begriffe näher anzusehen. Das gebräuchlichste lateinische Wort für dieses Laster lautet in der philosophischen Tradition „luxuria“ – Geilheit, Genusssucht, Ausschweifung[8]. Das Lustempfinden im physiologischen Sinne hingegen ist „voluptas“, ein Wort, das nicht ausschließlich negative Konnotationen im moralischen Sinne hat, sondern eher deskriptiv ist[9]. Was wie eine philologische Spitzfindigkeit aussieht, hilft bei der Suche nach dem hier Gemeinten.

Verzweckung des Menschen

Die Wurzel des Wortes „luxuria“ verweist auf übermäßige, selbstbezogene Genussbefriedigung, auf ein egoistisches und rücksichtsloses, gewissermaßen rein triebhaftes Verhalten[10], das tödlich ist für jede Liebe und gute Leidenschaft. „Lasterhaft“ ist vor allem die Benutzung eines anderen Menschen zur selbstsüchtigen Triebbefriedigung – so wie jedes Benutzen eines Menschen zu verurteilen ist[11].

Ein Mensch darf nie als bloßes Mittel zum Zweck missbraucht werden, auch nicht mit seiner eigenen Zustimmung. Die schlimmste Form der Verzweckung und Entwürdigung des Menschen in diesem Zusammenhang ist natürlich die Prostitution, wie auch immer sie getarnt sein mag[12]. Aber auch jede vermeintliche „Partnerschaft“ in der es nur um sexuelle Triebabfuhr geht – vom „one night stand“ bis zu ständig wechselnden oder gar parallelen[13] Konkubinaten – ist letztlich eine Form des Missbrauchs und der Rohheit, erfüllt also den Tatbestand des Lasters.

Sucht

Was für Völlerei gilt, trifft auch auf „Wollust“ zu: Lasterhaft ist nicht der sinnliche Genuss als solcher, sondern der vernunftwidrige Gebrauch. Allerdings verhält sich die Sache beim Thema Sexualität und Lust doch noch etwas anders als beim Gebrauch von Speisen und Genussmitteln. Schließlich geht es hier nicht nur um einen einzelnen Menschen, der sich möglicherweise um sein Heil (im doppelten Sinne) bringt. Der Missbrauch der schöpfungsmäßigen Ordnung führt bei der „Wollust“ zu doppelt verheerenden Folgen[14]; schließlich sind (mindestens…) zwei Personen beteiligt.

Irregeleitete und enthemmte Sexualität nimmt zudem fast immer Sucht-Charakter an, oft mit schweren  Folgeschäden. In den letzten Jahrzehnten ist z.B. die Pornographie-Sucht zu einem katastrophalen Problem geworden, das seuchenartig um sich greift und immer mehr auch Kinder bedroht. In den USA ist das „Einstiegsalter“ für diese Sucht bereits auf 11 Jahre abgesunken. Aber auch unterhalb der Schwelle der Pornographie wird in unseren Gesellschaften eine verkümmerte Sexualität beworben, die wie eine Art Ausgleichssport verkauft wird, den man sich jederzeit gönnen möge, wenn einem danach ist. Neben den unausweichlichen psychologischen Irritationen sind langfristig auch Bindungsscheu und Depression Folgen dieser Sucht.

Bollwerk Ehe?

Angesichts dieses Befundes wird deutlich: Was schon die ersten Christen umtrieb und worum es bis zum heutigen Tag in jeder christlichen Ethik geht, ist eben gerade nicht die Verteufelung der menschlichen Sexualität, sondern ihre Verteidigung[15]Gerade dazu ist die Einrichtung der Ehe da, die sich nicht zufällig in allen Völkern und Kulturen zumindest in nuce findet. Weil es ganz offensichtlich naturrechtliche Grundlagen[16] der Ehe in allen Zeiten und Kulturen gab, erkennt die Kirche das Institut der „natürlichen Ehe“ an. Diese kann zwar die sakramentale Ehe nach katholischem Verständnis nicht ersetzen, stellt aber gewissermaßen eine relevante Vorform oder Grundlage dar.

Auch das deutsche Grundgesetz ist übrigens eindeutig dem christlichen Ehebegriff verpflichtet, was sich schon aus der unmittelbaren Verknüpfung des Schutzes der Ehe und der Mutterschaft ergibt (GG Art. 6, Abs. 1 und 4). Aber die Ehe ist nicht nur eine gesellschaftlich nützliche, bürgerliche Rechtsform wie andere, sondern sie bewahrt – darin den Grundrechten ähnlich – das Menschenrecht und die Würde der Person von Mann und Frau. Wo aber die Menschenwürde bewahrt bleibt, kann es kein Laster der „Wollust“ geben. Hinzu kommt die Bezogenheit der Ehe auf das „Kinderkriegen“, was aus christlicher Sicht nicht eine Bürde für das Liebesleben ist, sondern diesem vielmehr besondere Würde verleiht[17].

Was tun?

Das Laster mit dem furchtbar altertümlichen Namen „Wollust“ ist keineswegs Schnee von gestern, sondern schrecklich aktuell: Pornographie, Prostitution, Sexualisierung von Kindern, Auflösung des Ehebegriffes etc. Und wir alle wissen im Grunde recht gut, was über die Grenze des Erträglichen hinaus geht und wo wir uns zu Wort melden und Fehlentwicklungen Einhalt gebieten können – wir müssen es nur tun…

Zuvor sollten wir uns selbst prüfen, z.B. in unserem Umgang mit der sexualisierten Alltagskultur. Konsumieren wir Filme, die zwar gerade „en vogue“ sind, aber eigentlich teilweise pornographischer Natur? Tun wir so als sei das Kunst? Und ist eventuell unsere Kritik daran ein wenig vermischt mit klammheimlicher Freude? Vielleicht hilft uns dann die Vorstellung, wie wir es fänden, wenn unsere eigenen Kinder so etwas konsumierten. Und seien wir nicht zu selbstsicher, was unsere moralische Festigkeit betrifft[18]wer sich in Gefahr begibt, so sagt das Sprichwort, der kommt darin um. So ist es auch mit der Wollust, zum Beispiel in der Form von „porn“ in allen möglichen Spielarten.

Aber werden wir, so mag man einwenden, nicht auch leicht zu Miesmachern und Bedenkenträgern, zu altmodischen Moralaposteln, wenn wir überall Unzucht und Laster vermuten? Nicht wirklich. Mit etwas gesundem Menschenverstand können wir leicht entscheiden, wo unser Einspruch angebracht ist, egal ob öffentlich[19] oder im persönlichen Gespräch.

Und vor Überheblichkeit und Hartherzigkeit kann uns ein Blick ins Neue Testament bewahren, auf jene Begebenheit, in der aufgebrachte Gesetzeslehrer eine Ehebrecherin vor Jesus führen, um ihn auf die Probe zu stellen[20]. Seine Reaktion ist geradezu sprichwörtlich und sollte uns immer als Mahnung präsent sein: „Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“ Ebenso seine Worte an die Ehebrecherin: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“


[1]Vgl. Beitrag zum Laster des Hochmuts (superbia).

[2]Vgl. hierzu die Eingangsbemerkung im Beitrag über das Laster der „Völlerei“.

[3]Die Kirchen sitzen wie selbstverständlich weiter in Ethikkommissionen und Beratungsgremien, wenn es um ethische Fragen und Probleme geht.

[4]Gen. 3. Das Erste und oft Einzige was in unserer säkularisierten Gesellschaft noch in Erinnerung ist, wenn das Thema Kirche und Moral bzw. „Sünde“ angesprochen wird.

[5]Vgl. Vortrag Robert Barron: https://www.youtube.com/watch?v=wG4VF0jU568 Ab Minute 59.

[6]Vgl. den Beitrag zur göttlichen/theologischen Tugend der Liebe.

[7]Summa contra gentiles. Buch III. Kap. 126: Impossibile est igitur quod carnalis commixtio sit secundum se mala.

[8]Gegenteil: „Temperantia“ – Maßhalten, Besonnenheit. Vgl. Beitrag zur Kardinaltugend der Besonnenheit.

[9]Es kann – je nach Zusammenhang – auch pejorative Bedeutung annehmen, ist aber ursprünglich ebenso neutral wie der Ausdruck „Lustempfinden“ (im Gegensatz zu „Geilheit“, „Lüsternheit“  o.dgl.). Die richtige Einordnung ist schwierig geworden, seit alle diese Ausdrücke nur noch ironisch verfremdet Verwendung finden, in einer übermäßig sexualisierten Öffentlichkeit.

[10]Unser heute gebräuchliches Wort „Luxus“ hat sich bedeutungsgeschichtlich natürlich schon weit davon entfernt, ohne den letzten Anklang des Verruchten ganz verloren zu haben. Noch immer ist „Maßhalten“ das Gegenteil.

[11]Immanuel Kant hat mit seinem ähnlich formulierten Grundsatz, dass ein Mensch niemals nur Mittel zu einem Zweck sein dürfe, diesen Gedanken im Grunde aus der christlichen Philosophie übernommen.

[12]Ob in westlichen liberalen Ländern mit dem Tarnbegriff „Sex Worker“, oder in der islamischen Welt mit Pseudo-“Eheschließungen“ für extrem kurze Zeit.

[13]Neuerdings mit der absurden Bezeichnung „polyamore Partnerschaft“ versehen.

[14]Womit noch nichts über Kollateralschäden bei anderen Menschen und im sozialen Gefüge gesagt ist, die unweigerlich bei jedem Laster auftreten.

[15]S.o., Anm. 5, Robert Barron.

[16]Vgl. dazu: Wolfgang Waldstein: Ins Herz geschrieben. Das Naturrecht als Fundament einer menschlichen Gesellschaft. Augsburg 2010. Kap. 6.

[17]Vgl. hierzu auch:  Karol Wojtyla (Johannes Paul II.): Liebe und Verantwortung. Eine ethische Studie. Deutsch im Verlag St. Josef, 2010. Passim.

[18]Vgl. dazu die aus großer Lebenserfahrung und Spiritualität schöpfenden Ratschläge von St. Josemaría Escrivá in seiner Sentenzensammlung „Der Weg“, Nrn. 132 ff.

[19]Dem US Supreme Court Richter Potter Steward wir der Satz zugeschrieben „ I know it (pornography) when I see it“.  Gegen spitzfindige Versuche „porn“ als Kunst zu verkaufen…

[20]Joh. 8, 1-11.