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Der unvergessene Humorist Loriot hat in seinem herrlich komischen Film „Ödipussi“  menschlichen Schwächen und allzu menschlichen Eigenarten ein ironisches Denkmal gesetzt. Zu den besonders gelungenen Szenen gehört die Darstellung eines spießigen Clubabends, bei dem die Teilnehmer krampfhaft versuchen, ihrem neuen Verein einen Namen und ein Thema zu geben. Dabei sollen mit aller Gewalt drei Themen zusammengezwungen werden, die aber irgendwie nicht zusammen passen wollen: Umwelt, Karneval und Frau. Das groteske Ergebnis erinnert stark an die mit großem Bierernst verfolgten Versuche, der Kirche und dem katholischen Glauben irgendwie ein zeitgeistgerechtes Korsett aufzuzwingen, koste es was es wolle.

Gesellschaftsfähiges Mobbing…

Die Forderungen an die anscheinend als Zumutung empfundene Katholische Kirche gehen wild durcheinander, von der Segnung von Homo-Ehen bis zum Frauenpriestertum, von der Aufgabe des Zölibats bis zur demokratischen Festlegung von neuen Glaubensinhalten. Besonders die Rolle der Frau in der Kirche wird gern als Angriffspunkt für Fundamentalkritik genommen. Gedankliche Kohärenz wird dabei meist durch emotionale Aufgeregtheit ersetzt, und es entsteht bei dieser Thematik fast schon so etwas wie eine gesellschaftliche Einheitsfront gegen den katholischen Glauben.  So ein kulturell unsensibles Verhalten wird fast  nur der Katholischen Kirche gegenüber gezeigt. Bei anderen Religionen und Glaubensgemeinschaften ist man deutlich vorsichtiger. Man stelle sich vor, Politiker und Journalisten würden in ähnlich herablassendem und ungnädigem Ton von den Muslimen ein Bekenntnis zur „gleichgeschlechtlichen Ehe“ verlangen, oder womöglich die Aufgabe ihrer Speisevorschriften, weil die ja doch in unserer „Lebenswirklichkeit“ nicht anschlussfähig seien!

… und vorauseilende Selbstentleibung

Aber vielleicht darf man den Kritikern doch zugute halten, dass ja in der Kirche selbst schon längst ähnliche Forderungen lautstark erhoben werden, nicht selten sogar bekräftigt von Geistlichen in leitenden Positionen.  Das geht von der verqueren Gender-Sprache bis zum unbekümmerten Verändern von Gebeten und Bekenntnissen – immer in dem eifrigen Bemühen, irgendeine „Geschlechterperspektive“ hinein zu bringen. Da soll dann nicht mehr einfach von Gott Vater die Rede sein, sondern irgendwie von Mutter und Vater[1] in einem. Und wenn Jesus schon nicht zur „Trans-Frau“ gemacht werden kann, dann soll zumindest der Heilige Geist zur „heiligen Geistkraft“  feminisiert werden.

Theologische Dyslexie

Der Anknüpfungspunkt für Letzteres ist – bei den Gebildeten unter den Verächtern der Katholischen Lehre –  das hebräische Wort für Geist („Ruach“) im Alten Testament, das ein grammatisches Femininum ist.  Aus der hebräischen Grammatik lässt sich aber kein „weibliches Prinzip“ im Gottesbegriff konstruieren. Ruach hat nicht das Geringste mit einer Göttin zu tun. Das alte Israel hat sich vielmehr theologisch vehement gegen die geschlechtlich fixierten Götzen seiner kanaanäischen Umwelt gewehrt. Die kanaanäischen und phönizischen Göttinnen standen für einen grausigen Kult, zu dem vielfach Zwangsprostitution im Tempel gehörte.  Nichts könnte weiter entfernt sein von der Heiligkeit dessen, der auf Hebräisch „Ruach“ heißt und ganz einfach der Heilige Geist ist, der sich natürlich schon im Alten Testament finden lässt.

Die innere Widersprüchlichkeit des postmodernen Gender-Denkens könnte kaum deutlicher sein: Auf der einen Seite wird das biologische Geschlecht geleugnet, de-legitimiert bzw. „de-konstruiert“; an seine Stelle wird eine beliebige Mehrzahl von angeblichen Geschlechtern gesetzt. Auf der anderen Seite soll die Sprache der Kirche aber immer feministischer werden, sollen immer die zwei  Geschlechter genannt, die Gleichstellung beider zur permanenten Aufgabe gemacht werden. Während vehement in Abrede gestellt wird, dass Gott den Menschen „als Mann und Frau“ geschaffen hat, soll gleichzeitig Gott in ein binäres Geschlechterschema gezwungen werden. Schöpfer und Schöpfung werden mutwillig vertauscht.

It’s the grammar, stupid!

Aber ist nicht zumindest die theologische Sprache reformbedürftig? Spiegelt sie nicht patriarchalische Strukturen wider? Gewiss ändern sich Ausdrucksformen und Formulierungen, und jedes Zeitalter muss seine eigene Ausdrucksweise bis zu einem gewissen Grad neu finden. Aber man darf sich auch nicht absichtlich dumm stellen. Theologische Sprache – wie jede komplexe Sprache – lebt von der ganzen Fülle sprachlicher Ausdrucksmittel,  nicht zuletzt von Bildern, Vergleichen, Metaphern. Und in zweitausend Jahren Christenheit ist sicher noch kein Mensch (soweit er bei gesundem Verstand  war) auf die Idee gekommen, ein Männchen/Weibchen-Schema auf Gott zu projizieren[2]. Gott ist so wenig „ein Mann“ wie der Mond[3] einer ist. Und in neuerer Zeit ist es auch wenig verbreitet, die Sonne als „eine Frau“ misszuverstehen. Die Verwirrung rührt  zum Teil daher, dass manche Menschen nicht verstehen – bzw. vorgeben nicht zu verstehen -, dass es einen Unterschied zwischen natürlichem und grammatischem Geschlecht gibt.

Alter Mann mit Bart?

Doch selbst wenn man von allerlei willkürlichen Sprachregelungen absieht, kann man doch auf einer höheren Ebene weiter argumentieren: Ist nicht zumindest die Rede von „Gottvater“ problematisch? Projiziert eine solche Redeweise nicht auch etwas rein Geschöpfliches auf den Schöpfer? Man denke nur an die Bilder vom bärtigen alten Mann, sogar in der Sixtinischen Kapelle! Doch diese Argumentation beruht auf einem fundamentalen Missverständnis bzw. einer (bewussten?) Fehlinterpretation.  Die abendländische (nicht nur religiöse) Kunst, wie auch die Musik, ist voll von Symbolen, Chiffren, Andeutungen, Botschaften. Und gerade bei der bildenden Kunst wurde das jahrtausendelang von den Menschen auch verstanden. Nur wenn man sich der Wahrnehmung dieser subtilen, impliziten Aussagen der religiösen Kunst völlig verschließt, kann man zu so naiv-törichten Aussagen kommen wie jener von Gott als altem weißen Mann mit Bart.  

(Wird fortgesetzt)


[1]Das ist immerhin noch besser, als wenn von „Elternteil 1“ und „Elternteil 2“ die Rede wäre, wie es auf lokaler Verwaltungsebene schon zu finden sein soll.

[2]Wo es solche Versuche gibt, darf man mit Sicherheit von sektiererischen und häretischen Verirrungen ausgehen. So auch heute wieder.

[3]Interessanterweise ist das grammatische Geschlecht von Sonne, Mond und Sternen in verschiedenen Sprache unterschiedlich. Im Französischen zum Beispiel ist es genau umgekehrt wie im Deutschen: Le soleil bzw. la lune.