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(Bild: thechosen.tv)

Filmische Qualität:   4,5 / 5
Regie:Dallas Jenkins
Darsteller:Jonathan Roumie, Shahar Isaac, Elizabeth Tabish, Erick Avari, Noah James, Paras Patel, Lara Silva, Nick Shakoour, George Harrison Xanthis, Janus Dardaris, Bradon Potter, Kirk B.R. Woller, Jasmine Guillen, Vanessa DeSilvio
Land, Jahr:USA 2019
Laufzeit:365 Minuten
Genre:
Publikum:ohne Altersbeschränkung
Einschränkungen:keine
im Kino:11/2020

Die 1960er und 1970er Jahre wurden zum Höhepunkt des „Jesus-Filmes“. In diesen Jahrzehnten entstanden die Spielfilme, die für mehrere Generationen Kinobesucher Jesu Bild mitgeprägt haben — vom dreistündigen „König der Könige“ (Nicholas Ray, 1961) über „Die größte Geschichte aller Zeiten? (George Stevens, 1964) bis zu den italienischen Filmen von Pier Paolo Pasolini „Das 1. Evangelium — Matthäus“ (1964) und Franco Zeffirelli „Jesus von Nazareth“ (1977). 

Nach Mel Gibsons „Die Passion Christi“ (2004) entstanden in dem Genre lediglich Catherine Hardwickes „Es begab sich aber zu der Zeit…“ (2006), der von der Verkündigung bis zu Jesu Geburt erzählt, sowie Kevin Reynolds „Auferstanden“ (2016), der Kreuzigung und Auferstehung Jesu durch die Augen eines skeptischen Römers zeigt. Gibson selbst plant zurzeit „Die Auferstehung“. 

Im Gegensatz zu den letztgenannten Filmen unternimmt nun eine US-amerikanische Serie mit internationaler Besetzung, das öffentliche Leben Jesu aus der Sicht der Menschen um ihn herum zu erzählen. Deshalb der Titel „The Chosen“ („Die Auserwählten“). 

Hinter der ersten Streaming-Serie über das Leben Jesu steht die Produktionsfirma „VidAngel“, die als Streamingdienst ermöglicht, „anstößige Inhalte zu überspringen.“ Mit Drehbuch und Regie wurde Dallas Jenkins beauftragt, der für seine Kirche den Kurzfilm „The Shepherd“ über die Geburt Christi aus der Sicht eines Hirten produziert hatte. 

Besonders gelungen bei „The Chosen“ ist die Verbindung zwischen einer getreuen Wiedergabe der Evangelien und des historischen Hintergrundes — dafür sorgen ein katholischer Priester, ein freikirchlicher Pastor und ein Rabbi — mit der fiktionalen Charakterisierung verschiedener Figuren. Der evangelikale Dallas Jenkins: „Wir wollen den Menschen einfach die Bibel näher bringen, ohne etwas Neues zu schaffen oder zu interpretieren.“

Die Schrifttreue äußert sich nicht nur in Dialogen, sondern auch in Gesten, so etwa bei der Heilung der Schiegermutter des Petrus: „Und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr und sie diente ihnen“ — Jenkins hat das Markus-Wort als Regieanweisung übernommen. 

Allerdings müssen die Filmemacher einige „Leerstellen“ ausfüllen, was ihnen weitestgehend geglückt ist. So wird Simon (Shahar Isaac) als impulsiv und ungestüm gezeichnet, was seine Beziehung zu seinem Bruder Andreas (Noah James) und insbesondere zu seiner Frau mit dem bezeichnenden Namen Eden (Lara Silva) belastet. Die Evangelien überliefern gar nichts über sie. Jenkins hat aus ihr eine der interessantesten Figuren in „The Chosen“ gemacht. Die Szene, in der Jesus (Jonathan Roumie) ihr ihren Platz in der Erlösungsgeschichte, ihre Berufung erklärt, gehört neben der Heilung der Maria Magdalena (Elizabeth Tabish) zu den ergreifendsten Augenblicken der ersten Staffel. 

Nimmt sich etwa der Charakter des Matthäus als gewöhnungsbedürftig aus — seine Vorliebe für Zahlen und seine Unfähigkeit, Ironie zu begreifen, verweisen aufs Asperger-Syndrom —, so erweist sich der Auftrag der Römer an ihn, Aufzeichnungen über Petrus und Jesus zu machen, als Hinweis auf seine spätere Evangelisten-Tätigkeit. Durchaus gelungen ist ein Nikodemus (Erick Avari), der wegen der Zeichnen, die er ihn vollbringen sieht, auf Jesus immer neugieriger wird, und ihn „bei Nacht aufsucht“.

Sowohl bei diesem Gespräch als insbesondere auch in der Begegnung mit der Samaritanerin (Vanessa DeSilvio) wird die Meisterschaft deutlich, mit der Autor Jenkins die überlieferten Stellen mit eigenen Sätzen ergänzt. Als die Frau zu Jesus sagt, dass sie in die Stadt zurückgeht, um allen über ihn zu erzählen, antwortet Jesus mit einem verschmitzten Lächeln: „Ich hatte damit gerechnet“.

Auch dieser teilweise trockene Humor zeichnet „The Chosen“ aus. Die humorvollen Momente setzen nicht nur einen Kontrapunkt zu den emotionalen Augenblicken, an denen die Serie reich ist. Darüber hinaus kennzeichnen sie einen überaus menschlichen Jesus, der selbst bei den Wundern völlig natürlich agiert. Katholik Jonathan Roumie sagt, insbesondere das Gebet habe ihm geholfen, Jesus darzustellen,: „Der Rosenkranz gibt mir Frieden“. Zu seiner Arbeit führt der New Yorker Schauspieler aus: „Die Rolle Jesu Christi zu spielen, ist die überragende Ehre, nicht nur meiner Karriere, sondern auch meines Lebens.“ 

Dramaturgisch zeichnet sich die Serie dadurch aus, dass jeder Folge eine Art Prolog vorangestellt wird. Beispielsweise erzählt eine kurze Szene in der 8. Episode, wie Jakob den Brunnen nahe Sichem grub.

Zu sehen ist die erste Staffel kostenlos, sowohl über eine App auf Handy oder Tablett (mit Untertiteln auch auf Deutsch) oder auch auf der Homepage der Produktionsfirma „VidAngel“ (allerdings nur auf Englisch ohne Untertitel).

„The Chosen“ wurde bislang in 142 Ländern gestreamt; Der „Zähler“ der App kommt inzwischen auf knapp 67 Millionen Sichtungen weltweit. Finanziert wurde die erste Staffel der Serie durch „Crowfunding“, als Filmprojekt mit der höchsten Spendensumme überhaupt: Mehr als 19 000 Menschen spendeten insgesamt 10 Millionen Dollar. Und die restlichen sieben Staffeln — die zweite wird inzwischen gedreht — werden auf dieselbe Art und Weise finanziert: Nach dem Zuschauen kann man die Option „pay it forward“ wählen.

„The Chosen“, USA 2019. Regie: Dallas Jenkins. Achtteilige Serie mit insgesamt 365 Minuten. 
Auf Handy und Tablett: App „The Chosen“ (mit deutschen Untertiteln)
Internet: https://www.vidangel.com/show/the-chosen-a7284/season/1?category=shows (nur Original, ohne UT), teilweise auf YouTube. 


Trailer nur in Englischer Sprache – die Serie mit Deutschen Untertiteln