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In der Serie „Sexualität und Person“ veröffentlichen wir eine umfassende Abhandlung des 2011 verstorbenen Wiener Psychiaters Johannes B. Torelló. Die menschliche Sexualität wird hier aus der Perspektive der christlichen Anthropologie dargestellt. In unserer Zeit dürfte die Auseinandersetzung mit einer solchen Sicht hilfreich und notwendig sein.

Der Mensch als Person

Was aber ist eine Person?

Man darf wohl behaupten, dass die moderne Philosophie den Menschen als Person oder – um mit Max Scheler zu reden – den Menschen „als konkrete Einheit, die in jedem ihrer Akte lebt und ist“‘, wiederentdeckt hat, oder die Person als leib-seelische Einheit, wie sie der Metaphysiker Thomas von Aquin beschrieben und definiert hat: Der Leib ist dabei kein Körperding unter anderen Dingen, sondern immer der je meinige, der – wie die Person selbst – nicht zum Objekt gemacht werden kann.

Und so gibt es die neue Auffassung vom personalen, vom erlebten Leib beispielsweise bei Gabriel Marcel, Bollnow, Jean-Paul Sartre, Merleau Ponti und anderen. Ich habe nicht einen Leib, „ich bin mein Leib“ bedeutet: Mein Leib ist nicht Objekt des Ich, weil ich ein inkarnierter Geist bin. Die Seele, so sagt uns Thomas von Aquin, der jetzt von Medizinern, Psychologen, Psychiatern und Anthropologen neu entdeckt wird – einer der ersten war Karl Jaspers – ist keineswegs die Person!

Der Mensch ist nicht die Seele allein

„Der Mensch ist“, sagt sehr kühn Thomas von Aquin, „nicht die Seele allein, sondern die Zusammensetzung von Leib und Seele.“(4) Und er fährt fort: „Weder die Hand noch der Fuß dürfen Person genannt werden, und so auch nicht die Seele“(5), weil sie – wie derselbe große Denker an anderer Stelle sagt – „nata est ad habendum esse cum materia“(6), weil sie also geschaffen wurde, um mit dem Körper zusammen zu sein: diese Seele für diesen Leib.

Die Geistseele ist „vollkommener und gottähnlicher mit dem Leib zusammen als vom Leib getrennt“(7), auch wenn Gott reiner Geist ist. Die Seele ist nämlich „propter melius“(8), um eines Besseren willen, mit dem Leib verbunden. Das ist eine kolossale Lehre, die im Laufe der Zeit von sentimentalen oder allzu spiritualistischen Geistern vergessen und in unserer Zeit besonders durch die Anstrengungen der phänomenologischen Schule wiederentdeckt wurde.

Die Person – ein absolutes Novum

Person ist immer mehr als Individuum (individuum bedeutet unteilbar); Person ist mehr als das. Sie ist, um den Ausdruck Viktor Frankls zu gebrauchen, auch „insummabile“(9), das heißt: nicht verschmelzbar, wie es Max Scheler formulierte.

Die Person ist nicht nur Einheit, sondern Ganzheit, die in keiner anderen Einheit wie Familie, Klasse, Rasse oder Volk aufgehen kann und die als solche, als Person, nicht fortpflanzbar ist. Der Organismus ist mitteilbar, die geistige Person nicht.

Und somit besteht nach einer alten Lehre – ebenso vergessen und jetzt neu entdeckt – das sogenannte Formal-Konstitutiv der Person in ihrer Nichtmitteilbarkeit, in ihrer Inkommunikabilität. Jede Person ist – nach Viktor Frankl in einer seiner „Zehn Thesen über die Person“, einem Meisterwerk dieses großen Wiener Psychiaters und Philosophen – ein absolutes Novum.

Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit

Die Person ist nicht Norm. Kierkegaard sagte: Die Person ist unwiederholbar. Der jetzige Johannes Paul II. schrieb in seinem wichtigsten philosophischen Werk Person und Tat: „Auch wenn Person nach der bekannten Definition von Boethius ein Individuum der vernünftigen Natur (oder der rationalen Natur) ist, taugt weder der Begriff der Natur, auch der der vernünftigen nicht, noch auch der ihrer Individualisierung dazu, jene spezifische Fülle wiederzugeben, die dem Begriff der Person entspricht. Jene Fülle liegt nicht nur in ihrer Konkretheit, eher schon in der Einzigartigkeit und Unwiederholbarkeit …“(11)

„Trotzmacht des Geistes“

Würde

Und da die Person geistig ist, kommt ihr allein Würde (als Gegenbegriff zu dem des Nutzwertes) zu. Diese Würde kommt der Person wesentlich zu, unabhängig von aller vitalen und sozialen Utilität.

Der Wert der Person entspringt ihrem Wesen, welches rational und daher moralisch ist: Die Person entscheidet, was sie im nächsten Augenblick sein wird; sie ist daher nicht nur frei, sondern auch verantwortlich, das heißt, sie beinhaltet das Wozu der Freiheit.

Absoluter Wert

Darum hat die Person den Charakter des Zweckes. Niemals darf sie aber als Mittel zu irgend einem Zweck betrachtet und behandelt werden. Sie ist ein absoluter Wert – von Anfang an.

Besondere Fähigkeit – Selbsttranszendenz

Schließlich muß man betonen (auch mit Max Scheler, Gabriel Marcel und Viktor Frankl), daß bei aller Einheit und bei aller Ganzheit und Totalität der Person sich bei ihr das Geistige vom Psychophysikum distanzieren und sich mit ihm auseinandersetzen kann.

Denn der Mensch ist tatsächlich bedingt durch Veranlagung, Vererbung, Leiblichkeit, Erziehung, Milieu, Landschaft usw., aber nicht bestimmt. Er kann nämlich zu diesen unausweichlichen Bedingungen Stellung nehmen.

Selbstdistanzierung, Stellungnahme gegenüber den eigenen Bedingtheiten (die „Trotzmacht des Geistes“ nennt es Frankl) macht die geistige Person aus.

Medard Boss, der große Psychotherapeut und Gründer der daseinsanalytischen Schule, meint dasselbe, wenn er unterstreicht, dass die menschliche Freiheit gerade wesentlich darin besteht, „dass der Mensch seinen Stimmungen nicht widerstandslos preisgegeben ist“(12).

Der Mensch als Person langt über sich selbst hinaus, weist auf einen anderen hin, dem zu dienen oder den zu lieben es gilt: das ist es, was Selbsttranszendenz der Person genannt wird.

Person kann also letztlich nur von der Transzendenz her begriffen werden. (Es geschieht hier dasselbe wie bei allen Werten: wenn ich schön sage, beziehe ich mich immer auf ein absolutes Schönes, wenn ich gut sage, habe ich mehr oder weniger bewusst eine Hierarchie vor Augen, eine Rangordnung der Gutheit, letzten Endes beziehe ich mich auf ein absolutes Gut, und so beziehe ich mich, wenn ich Person sage, auf einen, wie Frankl es nennt, „Personalissimum“.

Der Mensch weist also immer auf etwas, das über ihm selbst steht, jenseits des eigenen Ich. Darüber hat Frankl(13) meisterhafte Seiten verfasst, in denen er sich auf Max Scheler bezog, der von einem „Hin-und Fortschwingen über die Leibzustände, das zum Wesen der Person gehört“(14), geschrieben hat, oder auf Gabriel Marcel, der lapidar feststellt: „Der Mensch ist immer nicht nur mehr als er hat, sondern auch mehr als er ist“(15), und letzten Endes auf Blaise Pascal, dessen berühmter Spruch immer wieder zitiert wird: „L ‘homme dépasse infinément l’homme“ – „Der Mensch überragt unendlich den Menschen.“(16)


Anmerkungen


4 Thomas v. Aquin, „Summa theologica“, I, q. 75 a.4
5 Ebd., q. 75 a.4 ad 2.
6 Thomas von Aquin, „De unitate intellectus contra Averroistas“.
7 Thomas von Aquin, „Quaestiones disputatae de potentia Dei“, q. 5 a.10 ad 5.
8 Thomas von Aquin, „Contra gentes“ III,144; und „Summa theologica“ I q. 89 a.1.
9 V. E. Frankl, „Zehn Thesen über die Person“. In „Der Wille zum Sinn“. Wien 1972, S. 108.
10 Thomas von Aquin, „Summa theologica“ I q. 29 a.3 u. a.4. „De Potentia“ IX,6.
11 K. Wojtyla, „Person und Tat“. Wien 1981. S. 89.
12 M. Boss, „Einführung in die psychosomatische Medizin“. Bern 1954. S. 116.
13 Vgl. V. E. Frankl, „Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie“. Wien 1975. SS. 66, 76-77.
14 M. Scheler, a.a.O.
15 G. Marcel, „Homo viator“. Düsseldorf 1949.
16 B. Pascal, „Pensées“. Oevres. Paris 1923. Frag. 434.

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Johannes B. Torelló
* 7. November 1920 in Barcelona; † 15. August 2011 in Wien - war ein aus Spanien stammender österreichischer Geistlicher und römisch-katholischer Theologe sowie weltbekannter Neurologe und Psychiater. - Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen). Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.: Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.