Lesezeit: ≈ 6 Minuten

Als Adam und Eva im Paradies lebten, war ihnen alles zu tun erlaubt – mit einer einzigen Ausnahme. Wir wissen, welche. Adam und Eva übertraten das klar definierte Nein, aßen die verbotene Frucht und erkannten mit Schrecken, dass ihnen die Welt offenstand.

Verloren war das göttliche Nein, der einzige Fixpunkt, welcher dem Unendlichen Gestalt und Richtung zu geben vermag. Die ersten Menschen sahen sich nun der schrankenlosen Freiheit zum Handeln ausgesetzt. Dies war die Geburtsstunde der Angst.

Über die Selbstdisziplin

Die unbeschränkte Vielfalt potentieller Handlungen bei völliger Abwesenheit von Tabus stellt den Menschen auf die härteste aller Proben: Er muss sich selbst Grenzen setzen, sich eigene Regeln geben und diese einhalten. Angesichts dieser ungeheuren Herausforderung verstehen wir Not und Verzweiflung der aus allen Bindungen und Traditionen herausgeschleuderten menschlichen Existenz.

Der „befreite“ Mensch ist genötigt, Selbstdisziplin zu üben, wenn er überleben will. Kluges Handeln setzt reichhaltige Erfahrung voraus, welche gedanklich verarbeitet ist und für künftiges Tun zur Verfügung steht.

Schwierige Aufgabe

Mit anderen Worten: Selbstdisziplin erfordert die Fähigkeit abstrakten Denkens. Das zum Überleben notwendige Wissen um Gefahrenquellen hilft, diese zu umgehen. Schließlich reift die nüchterne Erkenntnis, dass niemand anderes das eigene Leben schützen wird und jeder selbst alleine für sich Sorge tragen muss.

Selbstdisziplin aber ist eine der schwierigsten Aufgaben, die der Mensch außerhalb des Paradiesgartens bewältigen muss, und wie häufig scheitert er daran! Wer von uns hätte die bittere Erfahrung nicht schon vielfach gemacht?

Die Verbannung des Nein aus der Erziehung

Ein klares Nein in der Erziehung ist für das Kind ein Segen. Ein unbeschränktes Ja hingegen kommt der Vertreibung aus dem Paradiese gleich. Das Kind wird, bildlich gesprochen, in die dimensionslose Leere gestoßen, wo es sich mangels Orientierung (fehlende Wegweiser, fehlende Erfahrung) nicht zurechtfinden kann. Es weiß weder, wo es sich selbst befindet, noch ahnt es, ob der Raum überhaupt begrenzt ist. Alles, was es tut, könnte falsch sein. Es gibt keine Anhaltspunkte.

Entfernung des Nein aus dem Erziehungsprogramm

Die Entfernung des Nein aus dem Erziehungsprogramm wurde bereits im vergangenen Jahrhundert vorgenommen. Akteure und Befürworter der neinlosen Erziehung haben es aller Wahrscheinlichkeit nach gut gemeint. Die Geschichte der Menschheit jedoch ist beredt: Wer auch immer den Himmel auf Erden verwirklichen wollte, hat den Menschen stets die irdische Hölle bereitet. „Das Böse ist durch das Gute verursacht“, weiß schon der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach. Dies sei ausdrücklich erwähnt, um klarzustellen, dass es der Autorin weder um Schuldzuweisungen noch um eine Anklage zu tun ist. Angesichts der wachsenden Nöte unserer Kinder ist eine nüchterne Bestandsaufnahme angebracht. Streben wir eine Verbesserung an, so sind praktische Überlegungen unumgänglich.

Pädagogische Ursünde

In der Verbannung des Nein erkennen wir die pädagogische Ursünde. Die Folgen sind gleich verheerend wie der biblische Ungehorsam gegen das einzige göttliche Verbot. Der Übertretung kosmischer Gesetze folgt mit erbarmungsloser Konsequenz eine Eigendynamik, auf die der Mensch alsbald keinen Einfluss mehr ausüben kann, obwohl er selbst das Ereignis in Gang gesetzt hat. Er muss mit wachsendem Grauen feststellen, dass nicht er die Realität bestimmt, sondern sie ihn.

Das Nein lässt Handlungsalternativen zu

Noch heute wird verkündet, ein unbeschränkt freies Aufwachsenlassen besitze charakterbildende und intelligenzfördernde Eigenschaften.

Man geht inzwischen so weit zu glauben, Kinder seien in der Lage, sogar kulturelle Traditionen wie die Schrift und die Arithmetik vorbildlos – also unter dem Segel des unbeschränkten Ja – zu erlernen.

Der Glaube an diese Art von Nicht-Lehre und Nicht-Erziehung ist eine Sackgasse. Haben wir denn jene zurückliegenden Zeiten vergessen, da wir selbst Kind und orientierungslos waren? Reife dort vorauszusetzen, wo diese erst erworben werden soll, ist grober Unfug – hier wird der Bock zum Gärtner gemacht.

Der lebenstüchtige, verantwortungsvoll handelnde Erwachsene ist mit zahlreichen Neins großgeworden. Das hat ihn beschränkt, das hat ihn aber auch befreit. Alles Leben wirkt in Gegensätzen. Wer nicht nein sagen kann, sagt auch niemals ja. Der zahlenmäßig beschränkten Menge strikter Verbote stehen unzählig viele offene Räume gegenüber.

Es gibt kein Nein, das so umfassend wäre, als dass es dem Menschen keine weiteren Handlungsalternativen böte! Eine einzige Ausnahme gibt es: das allerletzte Nein allen Seins. Dieses ist total. Es ist das einzige, unüberwindliche Nein, das für alle Lebewesen gleichermaßen Gültigkeit besitzt.

Einen Menschen einzusperren, beraubt ihn der körperlichen Freiheit. Dennoch bleibt ihm die Wahl, auf welche Weise er dieses zweifellos furchtbare Nein ertragen will. Innere Haltung und Gedanken sind grundsätzlich frei und von keiner weltlichen Macht zu kontrollieren. Um mit dem Neurologen und Psychiater Viktor Frankl zu sprechen: „Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.“

Das JA in der Erziehung

Nach der Verbannung des Nein in die Besenkammer der Pädagogik zeigte sich bald der Bedarf nach einem praktikablem Ersatz. Eine Lösung schien gefunden, als nun positive Ziele vorgegeben werden: sage Ja zum anderen!

Das uneingeschränkte JA

Das Ja tritt uns in zweierlei Gestalt entgegen. Zum einen erscheint es als beschönigender Begriff für Anordnung und Befehl. Doch häufiger noch haben wir es in der Pädagogik mit der anderen Art des Ja zu tun: mit dem unbeschränkten Ja. Es ist diese zweite Form des Ja, welche für Orientierungslosigkeit und Angst verantwortlich ist. Beide Erscheinungsformen des Ja wollen wir nacheinander betrachten.

Der Befehl

Richtet sich das sachgebundene Ja an eine zweite Person (und nicht an sich selbst), dann handelt es sich um eine Form der Anordnung. Im Vergleich zum Nein schneidet es schlechter ab, obschon es so positiv klingt. Beim näherem Hinsehen engt dieses Ja ein, es gängelt, es zwingt das Handeln in eine einzige Richtung. Das Ja legt fest. Es äußert sich mit den Worten: „Du sollst …“, „Du musst …“ Dieses Ja ist ein Befehl.

Anordnungen weisen in die Zukunft.

Während ein Nein das selbstbestimmte Handeln unter Berücksichtigung einer Unterlassung anmahnt, fordert ein anordnendes Ja klar definierte Handlungsweisen mit einer Ausschließlichkeit und Unbedingtheit, die kaum Spielraum für Eigenverantwortung und Selbstbestimmung übriglässt.

Festlegung auf ein befohlenes Verhaltensmuster verhindert Korrekturen und Anpassungen an die sich ständig verändernden Lebensbedingungen. Fehlende Flexibilität im Handeln unter Missachtung der Unberechenbarkeit jeder Zukunft birgt die Gefahr der Entwicklung despotischer Denkmuster und totalitärer Strukturen.

Gender

Die moderne Pädagogik hat sich einem Ziel verschrieben, das mittels „wissenschaftlicher“ Methoden einen neuen, besseren und gendermäßig gleichgerichteten Menschentyp konstruieren will. Damit wird erstmals in der Geschichte versucht, den von Gott erschaffenen Menschen durch eine „geschlechtslose“ Kreation zu ersetzen. Unbeirrt schreitet diese Politik voran. Die Schule ist der Ort, an dem mittels exakt definierter Erziehungsprogramme ungeachtet jeglicher Realitätserfahrungen dieses Programm durchgesetzt werden soll. Ist es zu weit hergeholt, darin eine Gefahr zu sehen?

Nur eine Richtung

Wir sehen, das freundliche Ja verwandelt sich flugs in einen unerbittlich auf Gehorsam pochenden Befehl: „Du tust, was und wie ich das für dich entschieden habe!“ Klingt das gut in unseren Ohren? Paradoxerweise kommt darin nicht die Bejahung der Existenz des anderen Menschen zum Ausdruck. Dieses Ja schert sich nicht um Eigenheiten und Würde des anderen. Es zwingt ihn vielmehr in eine einzige Richtung, so als gäbe es auf den Weltmeeren nur einen schmalen Korridor, auf dem alle Schiffe segeln müssen.

Die Gleichgültigkeit

Wir kennen ein Ja, das kein Nein sein will, aber in Wahrheit auch kein Ja ist, sondern ein Nichts. Dieses Nichts tarnt sich geschickt hinter Freundlichkeiten. Und so spricht es durch den Mund des Erwachsenen: „Ich möchte dich nicht einschränken. Ich bin tolerant. Entdecke selbst! Sieh zu, wie du klarkommst in dieser Welt!“

Dieses Ja stößt den jungen Menschen unbarmherzig hinaus in die Unendlichkeit eines weißflimmernden Raumes. Kann solches Erzieherverhalten einer liebevollen Zuwendung entsprießen? Zeugt es nicht vielmehr von Gleichgültigkeit und Trägheit desjenigen, der sich vorgeblich uneingeschränkter Zustimmung, in Wahrheit jeglicher Führungsaufgaben enthält? Führen soll sich nicht im Befehlen erschöpfen.

Vorbild

Führen heißt Vorbild sein und vorgehen. Führen heißt Nein-Pfeiler an die Gefahrenstellen setzen und auf solche hinweisen. Führen heißt, den Unwissenden schützen: dann wird auch ein sachbezogener Befehl nötig sein. Führen heißt, Widerstand aushalten. Führen ist Arbeit.
Einem Kind müssen fürsorgliche Eltern im Laufe seines Heranwachsens unzählige Male Nein sagen – es ist das stellvertretende Nein Gottes.

Das Kind kann noch nicht wissen, was ihm nützt und was schadet. Es tut gut daran, das lebensrettende Nein als Wegweiser im sonst noch leeren Raum zu achten. Nun lernt es geschickt auszuweichen, neue Dinge zu erkunden. Es gibt unendlich vieles, was entdeckt und gefahrlos in die Hand genommen werden kann. Die vergleichsweise wenigen Gefahrenstellen sind markiert durch das Nein. Wie beruhigend dieses Wissen ist! Es schließt sich der Kreis: Ohne Nein kein Ja. Ohne Bindung keine Freiheit. Ohne Freiheit kein Lernen.

Das Nein und die Bejahung der Welt

Erziehen und Führen von Heranwachsenden mag gewiss anstrengend sein und unbequem. Der verantwortungsbewusste Erzieher nimmt die Mühen bereitwillig auf sich. Er scheut nicht davor zurück, das gut dosierte Nein auszusprechen statt sich des bequemen Ja zu bedienen. Gelingende Erziehung zeigt die Grenzen der Schöpfung auf; der gute Erzieher versteht sich als Stellvertreter einer höheren Gewalt.

Wem dies zu pathetisch klingt, der darf es anders ausdrücken: Das Kind hat Anspruch auf Führung durch den reifen Erwachsenen, der allein seines Altersvorsprungs wegen an Erfahrung und Wissen überlegen ist. Unsere vertraute Lebensweise in Frieden und materiellem Wohlstand wird sich nur dann fortschreiben lassen, wenn wir bereit sind, unseren Nachkommen das freundliche, aber feste Nein nicht vorzuenthalten, weil es das Leben schützt. Innerhalb sinnvoller Grenzen lernt sich das Kind frei und ohne Furcht zu bewegen und wird so zu einem selbstdisziplinierten Erwachsenen heranreifen.