Wenn man die einschlägigen Unterrichtsvorgaben für die schulische Sexualerziehung betrachtet, bleibt von der Tiefe dieser menschlichen Wirklichkeit nicht viel übrig. Da geht es in erster Linie um Verhütung, Reaktionen bei „Unfällen“, Tipps zum Lustgewinn mit sich selbst und mit anderen des gleichen oder anderen Geschlechts und vieles andere mehr. Sexualität wird in einer erschreckenden Weise banalisiert.

Der Mensch wird zur Lustplattform degradiert. In einer Artikelserie veröffentlichen wir einen Vortrag von Johannes B. Torelló, der versucht, die Sexualität in ihrer ganzen Tiefe darzustellen.

Der Vortrag des Priesters und Psychiaters Msgr. Dr. Johannes B. Torelló, wurde im Mädchengymnasium Jülich gehalten. Wegen der größeren Unmittelbarkeit der Sprache wurde die Vortragsform beibehalten. Die Zwischenüberschriften wurden von der Redaktion hinzugefügt.

Das Spezifische der menschlichen Sexualität

Hoffentlich hat man mich nicht deshalb ersucht, dieses Referat zu halten, weil ich ein alter Mann wäre, der das brisante Thema aus der Entfernung oder gar durch die Skepsis des fortgeschrittenen Alters verharmlosen würde, oder weil ich als katholischer, zölibatär lebender Priester den brennenden Stoff leicht spiritualisieren und sodann von der nüchternen Wirklichkeit abheben würde.

Oder in der Erwartung, dass ich als Facharzt der Psychiatrie nach dem Grundsatz nicht nur eines Sigmund Freud das Normale und durchaus Gesunde unter dem Licht des Pathologischen ausdeute und sogar durch ausschließlich naturwissenschaftliche Denkart einen Zugang zur Sexualität finde, was durch die Leiblichkeit im allgemeinen ja doch ermöglicht wird, wenngleich es auch sehr unzulänglich wäre.

Ich möchte vielmehr hoffen, dass ich in Anspruch genommen wurde als jemand, der seit vielen Jahren eine Schwäche zeigt, die bei mir gleichzeitig eine Überzeugung ist: nämlich eine daseinsgemäße Betrachtungsweise der lebendigen, realen, einheitlichen, leib-seelischen Person zu pflegen.

Naturwissenschaft ist nicht alles

Es ist dies jene Betrachtungsweise der Phänomenologie und der Daseinsanalytik, die jeder Art des Reduktionismus, des Biologismus, des Psychologismus, des Soziologismus zu entrinnen vermag. Diesen Traum, ein rein naturwissenschaftliches Denken zu überwinden im Bereich des Menschlichen, hatten Edmund Husserl, Max Scheler, Gabriel Marcel, Viktor Frankl, Edith Stein und auch der damalige Kardinal Wojtyla.

Die beiden letztgenannten, Edith Stein und Kardinal Wojtyla, waren auf der Suche nach einer Verbindung des Phänomenologischen mit dem jenseits des rein Physischen liegenden meta-physischen Wesen der menschlichen Person. Das versuchten auch Martin Heidegger und dessen mehr oder weniger treue Schüler im Bereich der Medizin, wie der Schweizer Ludwig Binswanger. Aber auch ein Eugen Minkovsky, der Deutsche von Gebsattel und – wiederum ein Schweizer – Medard Boss sind zu nennen.

Freuds Sicht auf die Sexualität

Für die Naturwissenschaft wird die Sexualität nämlich immer bloß einen anatomisch-physiologischen Vorgang darstellen oder – nach Freud, der um jeden Preis innerhalb des naturwissenschaftlichen Vorstellungsrahmens zu bleiben trachtete – energetisch-libidinös auf Triebhaftigkeit zurückgeführt, wodurch das spezifisch Menschliche des menschlichen Leibes und des Liebeslebens auf Nimmerwiedersehen verloren geht. Am Ende seines Schaffens sprach Sigmund Freud selbst seiner Trieblehre jeden Erklärungswert hinsichtlich des menschlichen Liebeslebens ab. Wörtlich schrieb er, dass „weder Liebe noch Hass auf Triebe zurückzuführen“ (1) seien.

Sexualität aus bilologischer Sicht

Naturwissenschaftlich betrachtet ist die Sexualität ein Merkmal der organischen Welt, dessen Zweck in der Selbsterhaltung der Einzelwesen und der Art liegt. Durch Fortpflanzung in Form spontaner Teilung des Individuums oder auf dem Weg der Parthenogenese entgehen bekanntlich Einzelwesen niedriger Art im Allgemeinen der Vergänglichkeit.

Auf höherer Ebene erscheint der Fortpflanzungsvorgang komplizierter, denn er erfordert die Vereinigung zweier verschieden ausgerüsteter, das heißt unterschiedlich geschlechtlicher Individuen. Was hier als Armut oder Bedürftigkeit des Einzellebewesens bezeichnet werden könnte, weil es sich nicht allein fortpflanzen kann, steht in Wahrheit im Dienst eines Reichtums der Arten; denn die zweigeschlechtliche Befruchtung (bei der zwei so genannte haploide Kerne mit einem halben Chromosomensatz sich zu einem neuen diploiden Kern vereinen) ermöglicht eine Unmenge von Kombinationen und damit eine ungeheuere Zahl an Variationen der jeweiligen Art und der Einzelwesen.

Die absolute Neuheit beim Menschen

Beim Menschen aber stehen wir vor einer absoluten Neuheit: Die Geschlechtlichkeit als Merkmal der Leiblichkeit wird zu einem konstitutiven Bestandteil der Person, nicht nur zu einem Attribut derselben. Männlichkeit und Weiblichkeit sind zwei verschiedene Inkarnationen des Menschseins, des leiblichen Seins eines nach dem Abbild Gottes geschaffenen menschlichen Wesens, mithin zwei einander ergänzende Dimensionen des Selbstbewusstseins, der Selbstbestimmung und gleichzeitig zwei einander ergänzende Formen des Leibbewusstseins.

Der Mann erkennt sich selbst angesichts der Frau und umgekehrt, wie Adam, der – nachdem er alle Lebewesen untersucht hatte und kein ihm gleiches gefunden hatte – nun endlich vor Eva steht und schreit: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“ (3 Gen 2,23) Sie war sein alter Ego. Er erkennt sich in ihr und sie erkennt sich in ihm.

Die Person kommt ins Spiel

Hier also ereignet sich etwas ganz Besonderes, das von der tierischen Stufe nicht direkt abzuleiten ist. Und da Geschlechtlichkeit zum Wesen der Person gehört, verwirklicht das „Ein-Fleisch-Werden“ von Mann und Frau eine „Gemeinschaft von Personen“. Damit gewinnt die Sexualität eine neue Bestimmung und einen neuen Wert, ohne dass deshalb die darunter liegende vitale, biologische Werthaftigkeit ausgelöscht würde. Die Sexualität wird zu einem „Ausdruck des personalen Wesens des Menschen“. 

Ich liebe den Begriff „Ausdruck“ nicht, auch wenn man ihn sehr häufig verwendet, indem man sagt, Sexualität ist „Ausdruck“ der Person, „Ausdruck“ der personalen Liebe. Man muss nämlich einen großen Unterschied zwischen dem „Ausgedrückten“ und dem „Ausdruck“ machen. Es kann eine ganz willkürliche Beziehung zwischen beiden bestehen, oder eine formale oder eine rein äußerliche oder nur gesellschaftliche, aber keine wesentliche. Darum ziehe ich mit meinem Züricher Lehrer Medard Boss vor, nicht von Ausdruck zu reden, sondern von Austragung; wir werden darauf noch zurückkommen.

(Fortsetzung folgt: Der Mensch als Person)


Anmerkungen

(1) Sigmund Freud, Triebe und Triebschicksale, Gesammelte Werke, Frankfurt/M. 1946, Bd. X, S.229

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Johannes B. Torelló
* 7. November 1920 in Barcelona; † 15. August 2011 in Wien - war ein aus Spanien stammender österreichischer Geistlicher und römisch-katholischer Theologe sowie weltbekannter Neurologe und Psychiater. - Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen). Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.: Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.