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Keine groben Verletzungen, kein verächtliches Verhalten

Im vorangegangenen Artikel ging es um Übertreibungen oder Unehrlichkeit auf der Sachebene. In diesem Artikel geht es heute eher um die persönlichen Angriffe, die wir manchmal in einer hitzigen Debatte starten. Jeder kennt die wunden Punkte seines Ehepartners, sei es bei Frauen das Aussehen, die Figur, Unwissenheit etc., oder bei Männern die Arbeit/der (ausbleibende) Erfolg, Unfähigkeit oder auch sexuelle Probleme.

Im Alltag, wenn alles läuft, spielen diese Punkte vielleicht gar keine tragende Rolle; in einem Streit sind sie jedoch sehr willkommene Waffen, zu denen wir greifen, wenn wir auf der Sachebene nicht weiterkommen. Dann werden wir persönlich und verlassen damit das eigentliche Streitthema. Alte Wunden werden aufgerissen, um dem anderen wehzutun und die eigene Position zu stärken.

Misstrauen abbauen

Es ist schwer, so einen Streit wieder zu glätten, wenn wir uns dazu haben hinreißen lassen! In der Regel ist es dann nicht mit einem „Tut mir leid, was ich gestern zu dir gesagt habe. War nicht so gemeint!“ getan. Da muss schon mehr kommen, denn der andere vermutet hinter den verletzenden Äußerungen natürlich eine Dimension der Wahrheit, auch wenn sie nur ein bisschen zutreffen sollte.

Es bleibt Misstrauen übrig, das ausgeräumt werden muss. Vielleicht findet er mich doch etwas zu dick… Sie ist wohl doch nicht so stolz auf meine berufliche Position, wie sie immer behauptet…?

Es ist hilfreich im Nachhinein eine Diskussion, die auf dieser persönlichen Ebene mit Verachtung geführt wurde, in Ruhe Revue passieren zu lassen und den Punkt zu suchen, an dem die Streitenden die Fakten verlassen haben und das Gespräch umschlug in die Haltung des Verletzen-Wollens. Welche Äußerungen, Umstände oder Themen reizen mich? Was bringt mich auf die Palme? Ab wann kann ich mich nicht mehr bremsen?

Abwarten trainieren

Sobald wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, sollten Ehepaare diese Punkte einmal besprechen. Es ist aber äußerst wichtig, dass zu dem Zeitpunkt der Aussprache das eigentliche Thema wirklich für beide vom Tisch ist! Manchmal hilft es, sich ein paar Stichpunkte zu machen, welche Punkte man ansprechen möchte, um sie möglichst sachlich vorzubringen.

Auch hier gilt: bleiben Sie bei den ICH-Botschaften: z. B. „Es macht mich wütend, wenn das Thema XY wieder hochkommt.“ Statt zu sagen: „Wenn du dann wieder mit Thema XY anfängst, werde ich wütend.“ Mit so einer Aussagen machen wir den anderen/die Person für unseren Wutanfall verantwortlich, wobei es oft nicht um die Person geht, die ein Thema anspricht, sondern um das Thema selbst! 

Wir sind für unsere Gefühle selbst verantwortlich. Wir müssen nicht wütend reagieren, es ist kein Automatismus. Wir haben immer die Möglichkeit zu entscheiden, wie wir auf etwas reagieren wollen. Zugegebenermaßen ist die Reaktionszeit in einem Streit oft stark verkürzt und der emotionale Zustand nicht geeignet, um lange zu warten; aber es ist möglich, das zu trainieren: durchatmen, nicht sofort antworten, erst überlegen(!) und entscheiden, ob wir Herr über unsere Reaktionen bleiben wollen. Emotionen kommen und wir können sie in der Regel nicht steuern, aber die Reaktionen, die daraus folgen, die können wir kontrollieren.