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Im Zeitalter des „homo faber“ ist es gang und gäbe, die Arbeitsamkeit zu preisen. Sind nicht Denker, Dichter und Mönche deshalb so in Misskredit gekommen? Seit unserer Kindheit verfolgt uns das Gespenst La Fontaines und seiner furchtbaren Ameise. „Man muss immer arbeiten!“, haben uns Eltern und Erzieher pausenlos eingeschärft. Und tatsächlich hat die Arbeit die Welt umgestaltet und verbessert, zumindest was Bequemlichkeiten aller Art anbelangt.

Die Revolutionen haben uns die Ehre eingebracht, Arbeiter zu sein, und wer möchte heute nicht als solcher bezeichnet werden? Man spricht sogar von „Kopfarbeitern“, wenn dieses Wort auch ein wenig sonderbar klingt.

Was ist Arbeit?

Es scheint fast, als wolle uns die moderne Theologie das Glück der ruhigen Beschaulichkeit nehmen und auf der Spur der „irdischen Realitäten“ die Arbeit – nicht mehr Gottesstrafe! – zum Mittelpunkt unserer Existenz machen. Lernen um zu lernen ist völlig überholt, die „Wahrheit als Leidenschaft“ (Origenes) ist uns unbekannt geworden. „In unserer Zeit“, sagte Simone Weil, jene große Frau, die die mühevollsten Arbeiten übernahm, um sie von innen erleben zu können, „kann ein Mensch zur sogenannten hochgebildeten Gesellschaft gehören, ohne die kleinste Ahnung vom Schicksal des Menschen zu haben.“

Die Mehrzahl der Menschen lernt nur, um arbeiten zu können. Man arbeitet um zu essen, man isst um zu arbeiten: Ein Teufelskreis, ein Roboterparadies. In der Schweiz stimmten vor einigen Jahren viele Werktätige gegen den arbeitsfreien Samstag, weil sie – so deuteten es die Soziologen – Angst vor einem weiteren Tag ohne Betriebsgetöse hatten …

Goethe verkündet das neue Evangelium: Im Anfang war die Tat (nicht das Wort!)

Wie andere Skeptiker hat auch Voltaire die Arbeit gelobt und empfohlen, damit die Menschen nichts zu denken hätten: „Arbeiten wir ohne zu denken; dies ist die einzige Möglichkeit, das Leben erträglich zu machen.“ Kant, der die Enge der reinen Vernunft schmerzlich erfuhr, empfahl die Anwendung der „praktischen“ Vernunft. Dieser demütige und fruchtbare Optimismus sollte uns von der „Entfremdung“ des Denkens befreien. Die Religion wird als bloßer Trost und Hilfe dazugegeben, eine Religion, wie sie jeder Pragmatismus gestattet, damit „den Dummen und Einfältigen das Leben auf Erden etwas erleichtert wird“. Und Goethe verkündet das neue Evangelium: Im Anfang war die Tat (nicht das Wort!).

Die Philosophie soll lediglich als Mittel gegen die überlebten Metaphysiker und „beschaulichen Seelen“ betrieben werden, soll sich hinwenden zur Arbeit, zur Tätigkeit, zur Praxis, und die Mönche sollten wenigstens Liköre und Süßigkeiten erzeugen, um sich – endlich – auf irgendeine Weise nützlich zu machen. „Hundertmal besser der Mensch“ – sagt der Türke des „Candide“ -, „der Bäume pflanzt und sät, als jene, die mit einer Kette um den Hals und Nägeln unter dem Hinterteil den ganzen Tag ihre eigene Nasenspitze beschauen.“

Und als im vergangenen Jahrhundert Romantiker, Idealisten und Christen noch einmal den roten Papierdrachen des Geistes in der schon vergifteten Luft unserer Industriekultur aufsteigen ließen, stand der positivistische Mensch auf, um das Motto einer seiner neuen Universitäten auszuposaunen: „Fern von uns die gefährliche Neuheit des Denkens!“

Erfolgreich = Liebens-würdig?

Vom unausweichlichen „Willen zum Sinn“ hatte Viktor E. Frankl noch nicht gesprochen, und die Menschen, die ganz der Arbeit gewidmet lebten, wurden überrascht von der Langeweile, vom Ekel, vom Krieg, vom Unglück und von der Neurose. Voltaires Weissagung erfüllte sich nicht: Die Not wurde nur zum Teil beseitigt, Laster und Langeweile blieben. Die „Mensch-Maschine“ funktionierte nicht, und die Anbeter der Arbeit konnten nicht zwischen Brot und Atombombe unterscheiden. Mit seinem fast schwarzen Humor beschreibt Robert Musil die fieberhafte Bürokratie des alten Kakanien, in der sich eine große Menschenmasse bewegte und tatsächlich gar nichts leistete: „Mit einem Wort, auch an Tagen, wo man nichts besonderes tat, durfte man so vieles nicht tun, dass man den Eindruck großer Tätigkeit hatte“ (Robert Musil).

Drogensüchtige gelten als krank, Arbeitssüchtige werden geehrt

Übertriebene Forschheit, Aggressivität, Pseudoheldentum und Großtuerei lassen den erfahrenen Psychiater leicht die tiefere Angst spüren. Solche Menschen können nicht warten, nicht zuhören, weil sonst ihre innere Angst laut wird; sie betäuben sich in ständigem Betrieb. Damit gleichen sie den Süchtigen, welche sich chemisch ablenken. Drogensüchtige gelten als krank, Arbeitssüchtige werden geehrt: ein gutes Beispiel für die soziologische Bestimmung, was als krank oder gesund zu gelten hat. 

Aber schon ist in unserer Zeit ein Wandel zu spüren, man spricht von der Managerkrankheit, spürt, dass selbst eine positive Betriebsamkeit den Menschen an seiner Bestimmung vorbeigehen lässt, also Leiden, Krankheit bedeutet. Viele dieser Menschen glauben, nur in der Leistung leben zu können. Es ist ihnen unvorstellbar, auch ohne Erfolg angenommen zu werden. Sie können sich nicht vorstellen, dass man sie lieben könnte für das, was sie sind. Sie können sich nur für ihre Leistungen geliebt fühlen und kaufen sozusagen ständig die Zuneigung der Mitmenschen (Knöpfel).

Leistungsdruck macht krank

Die innere Spannung dieser verkrampften Lebensart – der Arbeit ganz „hingeopfert“, den Erfolg anstrebend, von Geldgier beherrscht – drückt sich nicht selten in Gefäßkrämpfen, erhöhtem Blutdruck und Schlaganfällen aus. Der Mensch setzt sich selbst die Norm des „Du sollst mehr als die anderen leisten“, versucht, „einzigartig und ungewöhnlich“ zu sein, organisiert seine ganze Existenz als eine Art permanenten Krieg und gerät über kurz oder lang in einen Angstzustand, der fast unvermeidlich zu Störungen und sogar zu organischen Herz-, Magen- und Darmschädigungen führt. Die psychosomatisch Kranken, die die Ambulatorien füllen, sind meist nichts anderes als ein Zeichen der herrschenden Betriebsamkeit, der selbstsüchtigen Überspannung in einer Gesellschaft, in der die rücksichtslose und feindselige Konkurrenz und der um jeden Preis angestrebte Erfolg zu höchsten Gesetzen geworden sind (Karen Homey).

Leere Langeweile

So schreibt der bekannte Zürcher Psychotherapeut Medard Boß: „Heute drohen Angst und Schuld mehr und mehr unter der kalten, glatten Fassade einer leeren Langeweile und hinter der eisigen Wand trostloser Gefühle völliger Sinnlosigkeit des Lebens zu versinken. Jedenfalls lässt die stets wachsende Zahl jener Kranken, die nur noch über die leere, langweilige Sinnlosigkeit ihrer Existenz zu klagen wissen, keinen Seelenarzt daran zweifeln, dass das Krankheitsbild, das man ‘Langweiligkeitsneurose’ oder ‘Neurose der Leere’ nennen könnte, die Neurosenform der unmittelbaren Zukunft ist…

Panische Angst und abgrundtiefes Schuldbewusstsein müssten die Folge der Erkenntnis sein, sich in solch äußerste Bodenlosigkeit hinein verloren zu haben. Darum muss die Langweiligkeit, die das Dasein der modernen Neurotiker durchwaltet, so oft noch das übertönende Getöse eines hektischen Alltags- und Allmachtsbetriebes oder die Betäubung aller möglichen Suchtmittel und Tranquilizer zur Abschirmung ihres eigentlichen Sinnes zu Hilfe rufen.“

Wissen und Arbeit – moderne Götzen

Sollen wir uns deshalb dem „dolce far niente“ zuwenden, auf unsere Kühlschränke, Autos, Fernsehapparate, Versicherungen und Ferienreisen verzichten, um ein neues Paradies ohne Arbeit zu begründen, in dem uns allein die Rose der Phantasie nährt und bezaubert? Ich möchte keineswegs die Rolle des sublimierten Zigeuners oder des asketischen Yogis spielen, aber angesichts dieser frevlerischen Hast singe ich gern ein Lob der Ruhe – ein Lob des alten „Otium“.

Arbeit allein gibt unserem Leben nicht Sinn und Freude. Auch die großen sozialen und wirtschaftlichen Revolutionen sind Leistungen des Geistes: Hass, Rache, Gerechtigkeitssinn, Ehre, durch Elend und Hunger verursachte Demütigung und Verzweiflung – Geistesbewegungen! – haben bei allen Revolutionen eine größere Rolle gespielt als Elend und Hunger selbst.

Arbeitsamkeit – eine Tugend

Stolzes Wissen und Denken als Selbstzweck bedeuten seit Adam die größte Gefahr für die Menschheit, aber auch die angebetete und zum Idol erhobene Arbeit raubt dem Menschen seine besten Eigenschaften und macht die Freude seines Lebens zunichte.
Diese beiden Torheiten vermag allein der Geist zu heilen. Ist doch die Arbeitsamkeit eine Tugend, eine Eigenschaft des Geistes, nicht Zwang oder ausschließlicher Drang, nicht selbstsüchtige Neigung oder Gewohnheit des Handelns, die die Liebe zu den Mitmenschen und zur Welt auslöscht. Arbeitsamkeit ist nicht die erste der Tugenden, und es dürfen ihr deshalb nicht der Ehepartner, die Kinder oder gar Gott zum Opfer gebracht werden. Die Arbeitsamkeit ist entweder ein Dienst, oder sie ist bloße Sklaverei. Und es ist der Geist allein, der den Sinn dieses Dienstes zu begreifen und zu verwirklichen vermag.

Freizeit und Arbeit

Die Freizeit, die durch die Automation immer mehr erweitert wird, sollte dem Geist neue Luft, Freiheit und Entspannung vergönnen, sollte ihm ermöglichen, Neues zu lernen, besser zu denken, sich zu besinnen, das Schöne nicht zu versäumen und sich vertrauensvoll auf das wesentliche Geheimnis des Lebens zu verlassen.

„Man muss denken!“, sagt die naive Gelsomina zum kräftigen Kettenbrecher Zampano in Fellinis Film „La Strada“. Die Welt lacht aus vollem Halse darüber, aber Gelsomina hat recht. Gibt es doch so viele „erfahrene“ Menschen, die zwar viel erlebt, aber nichts verstanden haben. Um richtig zu verstehen, muss man arbeiten; aber Denken und Arbeit müssen verbunden bleiben, denn eine Menschheit, die ohne zu denken pausenlos arbeitet oder an nichts anderes denkt als an die Arbeit, hat bereits Selbstmord begangen. Der christlichen Offenbarung nach wird der endgültige, selige Zustand des Menschen, der schon jetzt keimhaft verwirklicht werden soll, nicht ein Zustand der emsigen Arbeitsamkeit, sondern ein Zustand der lebendigen Anschauung Gottes sein, der alle menschlichen Möglichkeiten erfüllen wird.

Durch die Arbeit an den Dingen Gott selbst beschauen

Und trotzdem – oder gerade deshalb – sieht der religiöse Mensch in jeder Arbeit ihren hohen Wert, weil er alles „mit-macht“ (mit Gott macht), ob das nun Schuhe sind oder Weltraumschiffe. Vielleicht genießt in diesem Sinn der Handwerker den größten Vorteil, weil er sich ohne Stolz und Anmaßung den Dingen der Welt nähert, ohne geistige Komplikationen, ohne Entstellung und Firlefanz, weil er die physische Energie jeder seiner Handlungen Wirklichkeit werden sieht, und täglich Achtung und Verehrung vor seinem eigenen Körper und vor dem Körperlichen der Dinge lernt und vermehrt. Der Leib des Menschen ist genauso menschlich wie seine Seele, er ist ebensowenig tierisch wie seine Seele. Die körperliche Arbeit ist demütig und erfordert gleichzeitig Stärke, Klugheit, Kühnheit, Ordnung, Keuschheit, Aufmerksamkeit, Freude und nicht selten eine respektvolle Zärtlichkeit. Wir können – und sollen – durch die Arbeit an den Dingen Gott selbst beschauen, ihm dienen, ihn lieben, die Welt heilen, pflegen und retten. Christus war Tischler und Paulus war Zeltmacher…

Aber nicht nur Beschauung und Arbeit – untrennbar verbunden – haben ihren Sinn, sondern auch das Leiden. Wie viele Existenzen wären sonst wert- und sinnlos, Euthanasie und Selbstmord alltägliche Geschehnisse. Der Sinn des Leidens bleibt uns fast immer verborgen; allein das geheimnisvolle Leiden des Gottmenschen kann ihn im Schatten und Spiegel des Glaubens erklären – und verklären.

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Johannes B. Torelló
* 7. November 1920 in Barcelona; † 15. August 2011 in Wien - war ein aus Spanien stammender österreichischer Geistlicher und römisch-katholischer Theologe sowie weltbekannter Neurologe und Psychiater. - Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen). Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.: Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.