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In der zweiten Folge der Artikelserie geht es um die ontogenetischen Entwicklungsaspekte von Mann und Frau unter besonderer Berücksichtigung der ersten Lebensjahre. Auch die Art der Beziehung der Eltern zu den Kleinkindern wird beleuchet.

Der vollständige Text ist auch als Heft 60 der Gelben Reihe erhältlich. Die Untertitel sind von der Redaktion hinzugefügt.

Die ontogenetische Entwicklung zum Mann

Es ist keine Neuheit festzustellen, dass „der kleine Unterschied“ mit den Y-Chromosomen beginnt. Normalerweise ergibt sich hier am Anfang ein eklatanter Vorteil des männlichen Geschlechts: Spermien mit den YY-Chromosomen bewegen sich schneller als die mit den XX-Chromosomen, so dass es doppelt so häufig zu einer Befruchtung in derjenigen Kombination kommt, aus der sich genetisch der Mann und deshalb im dritten Schwangerschaftsmonat die männlichen Geschlechtsorgane zu entwickeln beginnen.

Aber hier schon findet ein erster Ausgleich statt: Es sterben während der Schwangerschaft sehr viel mehr männliche Föten ab. Das hat zur Folge, dass nur einige Mädchen weniger als Jungen zur Welt kommen. Im Durchschnitt besteht zunächst ein Verhältnis von 106:100 zugunsten der Jungen.

Doch dieser schmale Überhang verflüchtigt sich interessanterweise durch die höhere Sterblichkeitsrate bei männlichen Säuglingen. Der quantitative Vorteil am Anfang gleicht sich durch eine geringere Robustheit des männlichen Kindes aus. Auch im späteren Leben ändert sich das nicht. Der Tod durch Unfälle, durch Kriege, durch den Herzinfarkt im besten Mannesalter lassen den Mann im Gegensatz zur zählebigeren Frau von der Überlebenschance her als das schwächere Geschlecht erscheinen. Auch seine gesamte Lebenserwartung bleibt hinter der der Frau um fast ein Jahrzehnt zurück. (1)

Unterschiede in den ersten Lebensjahren

Aber gefährdetes Leben entwickelt grundsätzlich kompensatorische Schübe von Überlebenskraft. Dieses Naturgesetz trifft auch auf die Lebensentfaltung des Mannes zu. In unserer Gesellschaft jedenfalls wird dem männlichen Kind zunächst im allgemeinen Vorrang eingeräumt. Im Verhalten junger Eltern zeigt sich immer noch, dass das Patriarchat noch keineswegs total überwunden ist.

Die Geburt eines ältesten Sohnes löst bei den Eltern im allgemeinen eine besondere Befriedigung aus: Der „Stammhalter“ hat das Licht der Welt erblickt! Die größere gesellschaftliche Wertschätzung des männlichen Kindes ist evident: Wäre es bereits mit sicherer Methode möglich, das Geschlecht des Kindes vor seiner Zeugung zu bestimmen (die Forschungen dazu sind noch im Gange), so lässt sich von jungen Paaren erfragen: Die Mehrheit würde sich in überwiegender Zahl als erstes für einen Sohn entscheiden.

Mütter lieben ersten Sohn besonders

Aus vielen weiteren Details wird sichtbar, dass bereits im Säuglingsalter die alte Präferenz männlicher Kinder in unserer Gesellschaft durchschlägt. Mütter haben – wenn ihr erstes Kind ein Junge ist – ein spezifisch liebevolles Interesse an ihm, eine Gegebenheit, die wegen der größeren Anfälligkeit des männlichen Kindes auch angebracht ist, obgleich das den Müttern keineswegs im Bewusstsein zu sein braucht. Die besondere Fürsorge bewirkt aber nicht selten eine intensive Verbindung der Mutter mit ihrem ältesten Sohn, die oft lebenslänglich erhalten bleibt. Soweit findet die feministische Wut auf die bevorzugten Männer ganz entschieden eine Berechtigung. Aber wie sieht die weitere Entwicklung aus, nachdem man vom Kleinkindalter ab die Kinder üblicherweise in den gleichmachenden Topf geworfen hat?

Erzieherinnen bevorzugen eher Mädchen

Der häufige Empfangsjubel für den ältesten Sohn setzt sich dann nämlich keineswegs noch als eine grundsätzliche Bevorzugung im Umgang mit dem männlichen Kleinkind fort. In seinen folgenden Lebensjahren zwingt der sich gesund entfaltende Junge den Erziehenden nämlich eine gesteigerte Aufmerksamkeit und Mühewaltung ab. Die sich rasant entwickelnde Motorik, die kaum zu bändigende Neugier, der von noch keiner Vernunft gesteuerte Drang, die unbekannte Umwelt zu erforschen, nötigt den Betreuern oft minutiöse Wachsamkeit ab. Die anstrengendere Erziehung der Buben unterstützt eine aufkommende Präferenz für die Mädchen. Erzieherinnen im Kindergarten pflegen eine mehr oder weniger bewusste Vorliebe für die Mädchen zu entwickeln, weil sie im allgemeinen besinnlicher spielen, weniger Unruhe produzieren und sich leichter lenken lassen.

Das Ende der männlichen Vorrangstellung

Geraten die Jungen im Vorschulalter in die Konkurrenz mit gleichaltrigen oder auch älteren Mädchen, so ist es mit der Vorrangstellung des männlichen Kindes vorbei. Das liegt nicht allein an seiner stärkeren Unruhe, sondern auch daran, dass seine Entwicklung im allgemeinen ein langsameres Tempo einschlägt als das der Mädchen: Jungen beginnen oft etwas später zu sprechen und lassen sich meist auch erst später als ihre weiblichen Geschwister zur Stubenreinheit bewegen. Die Trotzanfälle, mit denen die Jungen eine erste instinktive Befreiung von weiblicher Bevormundung wagen, sind meistens langanhaltender und ungestümer, so dass sich das Trotzalter bei den Jungen gelegentlich bis ins Schulalter hinein auszudehnen vermag.

Bauen, Erfinden, Kombinieren, Kämpfen

Bereits vom 2. Lebensjahr ab entwickelt das männliche Kind beim Spielen spezifische Vorlieben: Bauen, Erfinden, Kombinieren, Kämpfen, Spiele mit Autos und anderen beweglichen Materialien dominieren. Die Grobmotorik vervollständigt sich. Da der kleine Junge zudem sehr viel stärker dazu neigt, seinen Willen mit Muskelkraft durchzusetzen und sich nicht selten auch durch unverfrorene Raubzüge von Spielzeug zu behaupten sucht, erregt er in seiner Umwelt viel häufiger Anstoß als die Mädchen. Dadurch ist er im allgemeinen mehr Tadel ausgesetzt. Er wird auch häufiger geschlagen, was sowohl seine Aggressivität wie ein verstecktes Minderwertigkeitsgefühl weckt.

Rangordnungen

Seelisch gesunde Jungen lassen sich allerdings nicht in die Ecke drängen. Sie entwickeln Strategien, um sich durchzusetzen, wobei Ausscheidungskämpfe mit gleichaltrigen Jungen um den höheren Rang ihm mit zunehmendem Alter immer wichtiger werden. Viele kleine Buben versuchen ihr Ansehen durch motorisches Können oder durch auffälliges Verhalten zu verstärken. Das dient dem Zweck, das bereits geschwächte Selbstwertgefühl aufzupolieren. Buben machen schon in diesem Alter die Erfahrung, dass es wenig erfolgversprechend ist, in grober Manier mit den Mädchen zu konkurrieren. Diese werden im allgemeinen sehr rasch von den Erwachsenen in Schutz genommen, was eine Distanzierung von ihnen anbahnt, die sich zunehmend mehr auszuprägen beginnt.

In der Defensive

Es entwickelt sich deshalb bei ihnen spätestens ab dem 5. bis 6. Lebensjahr eine starke Ausschließlichkeit hin zu gleichaltrigen Spielkameraden männlichen Geschlechts. Laufen, wilde Spiele, Rangeln ist nur untereinander möglich und wird infolgedessen verstärkt. Es ist für die Jungen auch zunehmend ein erheblicher Nachteil, dass sie in ihrem Alltag meist fast ausschließlich von weiblichen Bezugspersonen umgeben sind. Ihnen gegenüber geraten sie häufig in eine sich immer mehr verstärkende Position der Selbstverteidigung. Das macht eine Verdrängung der Kränkungen notwendig und ruft allmählich eine Panzerung der Gefühle hervor. Das prägt eine typische Männereigenschaft vor, die die Gefährtinnen des Erwachsenenalters später geradezu mehrheitlich beklagen: Die Männer stecken weg, was sie bekümmert. Sie verdrängen und verleugnen, was sie im Sturm des Lebens lähmen könnte.


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Anmerkungen
(1) Vgl. dazu G. Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, Frankfurt 1997

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Christa Meves
Christa Meves, geb. 1925. Studium der Germanistik, Geographie und Philosophie an den Universitäten Breslau und Kiel, Staatsexamen in Hamburg, dort zusätzliches Studium der Psychologie. Fachausbildung im Psychotherapeutischen Institut in Hannover und Göttingen. Freipraktizierende Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Uelzen, Arztfrau und Mutter zweier Töchter, sechs Enkel. 1987 Konversion zum katholischen Glauben. Seit 1978 Mitherausgeberin der Wochenzeitung "Rheinischer Merkur". Verliehene Auszeichnungen, u.a. 1977 Goldmedaille des Herder-Verlags; 1978 Niedersächsischer Verdienstorden; 1979 Konrad-Adenauer-Preis der Deutschlandstiftung; 1985 Bundesverdienstkreuz erster Klasse; 1996 Preis für Wissenschaftliche Publizistik; 2000 Ehrenmedaille des Bistums Hildesheim; 2001 Deutscher Schulbuchpreis. Bisher 108 Buchpublikationen, Übersetzungen in 13 Sprachen. Gesamtauflage in deutscher Sprache: fünf Millionen Exemplare.