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Es wird deutlich, daß der eheliche Alltag sehr schön, aber auch recht anstrengend sein kann. Jeder erlebt Zeiten, in denen er schwach wird, sich gleichgültig fühlt, in denen er den Mut sinken läßt. Manchmal scheint es leichter, in äußere Korrektheit zu flüchten, als sich ständig neu auf den Partner einzustellen. Und es gibt nicht wenige Paare, die sich bewußt oder unbewußt diesen Lebensstil zu eigen gemacht haben.

Enttäuschungen

In vielen Ehen ist es still geworden, nicht weil man keine Zeit füreinander finden könnte, sondern weil man sich in der Tiefe gegen den anderen verschlossen hat. Wenn jedoch das eheliche Gespräch verstummt, fehlt mehr und mehr die Geborgenheit. Die Liebe verwildert, und dies drückt sich bisweilen im Sinken der Umgangsformen aus. Auch in der Sexualität kann es dann roh werden. Körperliche Nähe ohne ganzheitliche geistige Nähe, ohne Gleichklang im Denken und Wollen, wird zumindest von den meisten Frauen als Belastung empfunden.

Es kann nicht darum gehen, den Schwierigkeiten einfach auszuweichen. Manche Leute meinen, wenn sie sich lieben, dann dürfe es nie zu Konflikten kommen. Schmerz und Traurigkeit seien unter allen Umständen zu vermeiden. Doch das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Probleme gehören zum normalen menschlichen Leben einfach dazu. Sie sind nicht aus der Welt zu verbannen, wie übrigens auch die Krankheiten nicht. Wenn man meint, man hätte einen gefährlichen Krankheitserreger ausgerottet, dann taucht ein neuer auf. Früher kämpfte man gegen Pest und Cholera, heute gegen Krebs und Aids. Das ist die Wirklichkeit, die wir annehmen müssen.

Scheinwelt und Elfenbeinturm

Wir können uns nicht in eine Scheinwelt verkriechen, in einen selbsterbauten Elfenbeinturm – wir können nicht immer Kinder bleiben. Genau das versuchen aber die Ehepartner, die jeden Konflikt umgehen wollen. Wenn sie sich angewöhnen, alles, was unangenehm ist, in stillschweigendem Einverständnis unter den Teppich zu kehren, dann können sie einige Zeit vielleicht einen Scheinfrieden zur Schau stellen. Doch sie bezahlen schließlich einen hohen Preis dafür: Denn bald langweilen sie sich miteinander und mit ihren oberflächlichen Gesprächen, und die Ehe gerät in eine Sackgasse. Vielleicht flüchten sie dann vor sich selbst und vor ihrem Partner – zu den Kindern oder zur Arbeit, in den Beruf oder ins Abenteuer.

Besser, es geht ab und zu laut und konkret zu, als daß die Liebe unter einer lähmenden Decke von falschen Rücksichtsnahmen erstickt. „Ein Haus ohne Streit gleicht einer Hochzeit ohne Musik,“ sagt ein türkisches Sprichwort. Ich kenne glückliche Ehen, in denen es sehr schmerzhafte Gespräche, ab und zu auch einen heftigen Streit, Tiefpunkte und Perioden der Unsicherheit gegeben hat. Aber nach jeder Auseinandersetzung rangen die Eheleute sich durch, den Anfang ihrer Lebensgemeinschaft noch einmal zu wiederholen: Sie sprachen erneut das Ja zueinander, bewußter und auch freier als beim ersten Mal.

Keine Katastrophe

Eine Ehekrise ist keine Katastrophe. Wer vor ihr davonläuft, hat sie überbewertet. Wer sie ignoriert, geht leichtfertig mit ihr um. Wir sollten die Chance entdecken, die in ihr verborgen ist. Durch Belastungen wird die Liebe reifer und tiefer; in jedem Sturm kann sie erneuert werden. Mit den Jahren liebe ich immer mehr, weil ich lieben will, weil ich den anderen zu meinem Ehepartner gewählt habe und bereit bin, Enttäuschungen zu verkraften.

Zur Ehe gehört nicht die gegenseitige Erfüllung von Wunschträumen, sondern der Mut, zu einem Menschen Ja zu sagen, der sich im Laufe der Jahre immer wieder anders verhält, als dies meinen Vorstellungen entspricht. Was in einer Ehekrise zerbrochen werden muß, ist nicht die Ehe; es sind die Träume und Illusionen. Und was wir in einer Ehekrise vor allem lernen können, ist die Bereitschaft zur Versöhnung. Das ist gar keine leichte Lektion, doch es ist wohl der einzige Weg, die Wunden, die wir uns gegenseitig zugefügt haben, zu heilen. Wir dürfen das Böse nicht nachrechnen. Wir dürfen kein „Konto“ über die Verfehlungen des anderen führen. Wer sich um echte Liebe bemüht, der kann einfach nicht den geradezu perversen Satz aussprechen, den man öfter hört: „Ich verzeihe dir, aber vergessen werde ich nicht.“ Wenn wir alle Fehler eines Menschen speichern, dann können wir selbst das liebenswerteste Geschöpf in ein Scheusal verwandeln!

Vertrauen schenken

Wir müssen an die Möglichkeiten des anderen glauben und ihn dies auch spüren lassen. Manchmal ist es fast erschütternd zu sehen, wie ein Mensch aufblüht, wenn man ihm Vertrauen schenkt, wie er sich verändert, wenn man ihn größer einschätzt und entsprechend behandelt. Es gibt zahlreiche Frauen und Männer, die durch eine stille, unaufdringliche Verehrung ihre Ehepartner anspornen, besser zu werden. Sie vermitteln ihnen die Gewißheit, daß viel Gutes und Schönes in ihnen lebt, das es zu entfalten gilt. Und sie haben die Geduld, unermüdlich an dieser Entfaltung mitzuwirken.
(wird fortgesetzt)

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Jutta Burggraf (* 1952 in Hildesheim; † 5. November 2010 in Pamplona) war eine deutsche Theologin. Burggraf erhielt 1996 einen Ruf auf die Professur für Ekklesiologie, insbesondere für Theologie der Schöpfung, ökumenische Theologie und feministische Theologie an der Universität Navarra. Burggraf war auf der 7. Ordentlichen Bischofssynode, die vom 1. bis 30. Oktober 1987 in Rom stattfand, als Expertin geladen und hat an der Vorbereitung des Apostolischen Schreibens Christifideles laici zur „Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt“ von Papst Johannes Paul II. mitgewirkt. Sie war seit 1996 korrespondierendes Mitglied der Pontificia Accademia Mariana Internazionale (PAMI). --- „Sie war zeitlebens eine Kämpfernatur; sie war verantwortungsbewusst, arbeitsam, zäh. Sie liebte das einfache Leben, freute sich an der Freizeit und hatte einen Sinn für alles Schöne. Sie war ihren Freundinnen eine echte Freundin.“ So hat Prälat Rafael Salvador, der Vikar der Delegation des Opus Dei in Pamplona, Spanien, Jutta Burggraf charakterisiert, die am 5. November nach schwerer, mit Gottvertrauen getragener Krankheit von uns gegangen ist.