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Sommerferien! Endlich! Sechs Wochen frei – s e c h s. Ich trage es ein wie auf einem Scheck: in Buchstaben! Irgendwie wusste man das ja schon vorher, aber jetzt, da dieses Ereignis wirklich zum Greifen nahe ist, wirkt es auf einen wie die Wiedervereinigung vor 30 Jahren: es lag ständig in der Luft, doch so recht glauben kann man es erst, wenn es tatsächlich eintritt.

Nach den ersten Sommerferien

Freiheit! Wieder einmal blickt man in die Zukunft und hat die wahnwitzige Idee, alle Probleme seien erst mal gelöst. Quasi über Nacht. Doch die Zeit vergeht und schon bald sitzt man wieder im Lehrerzimmer – ohne Raucherecke, die wurde schon vor langem per Dekret höchsthoheitlich abgeschafft. Eine Kollegin begründet ihre Frühpensionierung mit diesem Umstand – natürlich meint sie das nicht ganz ernst.

Die Kollegen sind allesamt gut erholt, manche tragen die Kanaren-Bräune ostentativ zur Schau. Nun gut, für mich hat es dieses Jahr noch nicht gereicht; erst mit A 14 rückt der Überseeurlaub in erreichbare Nähe. Alle sind gut erholt. Strahlend begrüßen uns der Schulleiter Herr Dr. Armbruster und sein Stellvertreter Herr Hans Meiser. Die Referendare sind an diesem ersten Schultag besonders angespannt. Fast komme ich mir vor wie ein kleiner Lausejunge, der sich gleichermaßen erwartungsfroh wie auch ängstlich in sein erstes eigenes Klassenzimmer vorwagt. Noch ein kurzer Blick in die Schultüte und dann geht es los. 

Schon fast Alltagserlebnisse

Vorhang auf: hier ist euer neuer Lehrer (der eigentlich „nur“ Referendar ist, aber sagt´s keinem!), motiviert bis in die Haarspitzen und bewaffnet bis an die Zähne – natürlich nur mit schülerorientiertem und vorbildlich elementarisiertem Material. Hier bin ich, um euch mit Bildung und neuen Unterrichtsmethoden zu beglücken! Was für eine Freude, ich erteile BDU (behördisch für „bedarfsdeckenden Unterricht“)!

Mich versorgt man mit je einer Klasse in der Unter-, Mittel- und Oberstufe. So kann ich den Fachleitern mein Können zukünftig in den verschiedenen Alters- und Leistungsstufen vorführen. Der Stundenplaner hat es gut mit mir gemeint. Und in der Tat: das Unterrichten macht Freude. Wie weggewischt sind die Horrorvorstellungen aus meinen Sommerferienträumen von marodierenden und meinen Unterricht sabotierenden Schwarzhaarigen mit Migrationshintergrund.

Keiner bedroht mich mit einem Messer, alle verstehen mich in meiner Sprache, und beklaut werde ich auch nicht. Die Schüler sind offenbar allesamt besser als ihr Ruf. Gut, ich bin ja auch in der bayerischen Provinz und nicht im ehemaligen Preußen. Um etwaige Zweifel aber gleich auszuräumen: bei mir sitzt auch ein sudanesischer Kriegsflüchtling und eine etwas verstört wirkende Schönheit aus einer Patchwork-Familie. Auch in Rummich gibt es alles, was unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten so hervorgebracht hat. Doch eins wird mir schnell klar: keiner ist hier unfreiwillig und alle möchten was lernen – es geht auch anders.

Auch Spiel und Spaß in der Schule

Nach den ersten Fahrversuchen im Klassenzimmer – jetzt ohne Stützräder und nebenherrennender Lehrerin – tauche ich auch zunehmend in den Alltag ein, der nicht eingeweihten Personen in der Regel verborgen bleibt: Konferenzen und Pausengemauschel. Auf der ersten Gesamtlehrerkonferenz schlägt eine Gruppe besonders umsichtiger und fähiger Lehrer einen „Sponsored Walk“ vor. Spiel und Spaß für Schüler und Lehrer – für einen guten Zweck.

Es soll gerannt werden (freiwillig), und zwar für einen wirklich guten Zweck. Eine Hälfte des Spendengeldes soll der Schule zugute kommen; die andere einem etwas dubiosen Projekt zur Rettung gefährdeter Wildhühner in der Ostsahara. Komisch, aber das ist garantiert politisch korrekt und keiner wird auf die Idee kommen, das irgendwie zu kritisieren. Schließlich geht es um bedrohte Arten – damit kann man heute immer noch gut punkten, wenngleich es nicht ganz so gut ist wie eine Initiative zugunsten des Klimaschutzes. Aber es kann ja nicht jeder Al Gore sein.

Die Idee kommt jedenfalls gut an und wenige Wochen später versammelt sich mein Gymnasium auf einer Wiese, um den Spiel- und Spaßtag zu begehen. Ich ziehe mich zugegebenermaßen etwas feige aus der Affäre (d.h. aus dem kilometerlangen „Walk“) und organisiere mit einem etwas älteren Kollegen, der sichtlich Spaß an seinem Job als Sportlehrer hat, ein munteres Fußballturnier. 

Fußballweltmeisterinnen

Nachdem einige besonders eifrige Pennäler ihren Halbmarathon hinter sich gebracht haben, zwingen wir sie auch noch freundlich lächelnd auf den Aschenplatz. Natürlich sind alle mit Begeisterung dabei – mit Ausnahme der Mädchen- und Gleichstellungsbeauftragten, die im Zuge einer allgemeinen Gleichbehandlung der Geschlechter eine „geschlechtsübergreifendere“ Sportart lieber gesehen hätte. Das sei ja mal wieder eine reine Jungensache. So was! Anscheinend hat sie nicht bemerkt, dass unsere Mädels schon mehrmals Weltmeister im Fußball geworden sind.

Letztlich sind aber fast alle ganz zufrieden und unsere Schule – nach landläufiger Meinung in einem eher problematischen Viertel situiert – sammelt sage und schreibe 11.000 Euro. Die Hühner werden sich freuen! Die Sache kommt gut an, auch in der Lokalpresse. Froh und beschwingt geht es jetzt wieder in die Schule. Weitere Besuche stehen ins Haus!

Zu den anderen Teilen der Artikelserie

Teil 1
Teil 2
Teil 3