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Am Anfang sieht alles ganz einfach aus. Man ist verliebt in den Mann, in die Frau. Man sehnt sich danach zusammenzusein, und man tut alles, damit der andere glücklich ist. Hindernisse und Mühen zählen nicht; man spürt sie kaum. Die Fesseln der Trägheit, das dumpfe Dahinleben scheinen überwunden zu sein.

Echte Verliebtheit

„In der echten Verliebtheit wird der Mensch zart und sogar rein,“ sagt der Philosoph Dietrich von Hildebrand. Er meint hier nicht den Gefühlsrausch, das sinnliche Gefangensein, sondern echte Begeisterung für einen anderen Menschen – ein Hingerissensein, an dem Verstand und Herz, Wille und Gefühl beteiligt sind.

Mag diese Begeisterung zunächst auch in äußeren Zügen des anderen gründen, so erfaßt sie doch die Güte und Schönheit des anderen Wesens. Ebenso wie die eheliche Liebe, so ist auch ein echtes Verliebtsein auf strenge Ausschließlichkeit und auf Dauer gerichtet. Wer sagt: „Jetzt bin ich verliebt; aber ob das morgen noch der Fall ist, weiß ich nicht“, – der ist berauscht, aber nicht wirklich verliebt.

Leichterer Start

Es ist wünschenswert, wenn die intensiven Gefühle der Verliebtheit am Anfang der ehelichen Beziehungen stehen; sie machen den Start leichter. Ein Flugzeug, das von München nach Hamburg aufbricht, verbraucht achtzig Prozent seines Benzins in der Startphase. Diese ungeheure Energie muß investiert werden, um die Maschine auf Flughöhe zu bringen. Ist diese einmal erreicht, so wird eine andere Form der Energiezufuhr erforderlich. Sie muß nun gleichmäßig und ausdauernd sein, und ab und zu muß man kleinere (oder größere) Korrekturen vornehmen, um auf dem Kurs zu bleiben.

Echte Verliebtheit ist wohl die beste Voraussetzung für eine Heirat. Doch absolut notwendig ist sie nicht. Alle Dichter und Denker und viele Menschen mit Lebenserfahrung sind sich darüber einig, daß eine große Verliebtheit, die in die Ehe mündet, nicht unbedingt das Gewöhnliche ist. Wer sie erfährt, fühlt sich glücklich und beschenkt. Doch auch wer sie anfangs nicht erfährt, kann eine gute Ehe führen. Da die Verliebtheit in erster Linie nicht Sache unseres Willens ist, wäre es unsinnig, sie schon für den Eingang der Ehe zu fordern oder die Dauer des Bundes von ihr abhängen zu lassen.

Auch die Ehe aus Sympathie, aus Freundschaft und Wohlwollen hat ein gutes Fundament. Sie ist zwar unromantischer, nüchterner, aber sie ist überaus entwicklungsfähig. Sympathie kann sich zur Liebe erwärmen; aus Gewohnheit können Zärtlichkeit und Vertrauen reifen.

Ehen aus Vernunft und Pflicht

Zahlreiche Ehen werden aus Vernunft und Pflicht geschlossen. Witwer müssen ihren Kleinkindern eine Mutter bringen, Frauen den heranwachsenden Söhnen einen Vater; man heiratet aus Dankbarkeit oder auch, um versorgt zu sein. Es gibt die Geld- und Namensheirat, die sogenannte „gute Partie“; es gibt auch die Heirat, weil ein Kind unterwegs ist, und die einfache Angst, allein zu bleiben … Natürlich sind das keine Idealmotive. Doch wenn man zumindest Gefallen am anderen hat, wenn man sich zumindest bei ihm „wohl fühlt“ und fest entschlossen ist, eine Lebensgemeinschaft einzugehen, sind diese Ehen oft einer Vertiefung und Entwicklung fähig (am wenigsten wohl die Geldehe). Es sind Ehen auf Hoffnung hin: Hoffnung auf „wirkliche“ Liebe, die nicht nur die Ratio, sondern auch das Herz ergreift.

Auf irgendeine Weise gehört die Verliebtheit wohl immer zur ehelichen Liebe dazu – und sei es nur als latente Möglichkeit. Ich halte es nicht für richtig, sie abzuwerten; ihr Mangel könnte einer der häufigsten Gründe für spießige Verhältnisse sein. Das heißt nicht, daß die Verliebtheit immer in gleicher Lebendigkeit bestehen müßte. Doch die eheliche Liebe sollte von ihr gefärbt sein, denn sie stellt – in immer tieferer Weise verwirklicht – deren vollste Realisierung dar.

Ehe und Liebe

Dabei sind Ehe und Liebe natürlich nicht einfach gleichzusetzen. Die Ehe ist ein objektiver Bund, der unabhängig von den aktuellen Empfindungen der Liebe besteht, Halt und Dauer garantiert. Dieser Bund ist wie ein Gehege, in dem die Liebe sich entfalten kann. Er beruht auf einer eindeutigen Entscheidung. Der Ausdruck „ich liebe dich“ ist typisch für diesen Entscheidungscharakter. Jeder Zusatz wie „ich liebe dich sehr“ oder „ich liebe dich außerordentlich“ wird daher nicht wie sonst als Steigerung, eher als Abschwächung erfahren.

Im Idealfall sagt man auch nicht: „Ich liebe dich, weil du schön (oder klug oder stark oder musikalisch) bist.“ Denn dann liebt man nur etwas an dem anderen (was gewiß liebenswert ist); aber man liebt noch nicht den anderen selbst, so wie er wirklich ist. Im Idealfall müßte man sagen: „Ich liebe dich, weil du – du bist.“ Dann liebt man den anderen um seiner selbst willen, über alle Wechselfälle des Lebens, über Krankheit und Alter, ja über den Tod hinweg.

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Jutta Burggraf (* 1952 in Hildesheim; † 5. November 2010 in Pamplona) war eine deutsche Theologin. Burggraf erhielt 1996 einen Ruf auf die Professur für Ekklesiologie, insbesondere für Theologie der Schöpfung, ökumenische Theologie und feministische Theologie an der Universität Navarra. Burggraf war auf der 7. Ordentlichen Bischofssynode, die vom 1. bis 30. Oktober 1987 in Rom stattfand, als Expertin geladen und hat an der Vorbereitung des Apostolischen Schreibens Christifideles laici zur „Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt“ von Papst Johannes Paul II. mitgewirkt. Sie war seit 1996 korrespondierendes Mitglied der Pontificia Accademia Mariana Internazionale (PAMI). --- „Sie war zeitlebens eine Kämpfernatur; sie war verantwortungsbewusst, arbeitsam, zäh. Sie liebte das einfache Leben, freute sich an der Freizeit und hatte einen Sinn für alles Schöne. Sie war ihren Freundinnen eine echte Freundin.“ So hat Prälat Rafael Salvador, der Vikar der Delegation des Opus Dei in Pamplona, Spanien, Jutta Burggraf charakterisiert, die am 5. November nach schwerer, mit Gottvertrauen getragener Krankheit von uns gegangen ist.