Lesezeit: ≈ 4 Minuten

Als Strategien zur Rückgewinnung des Advents hatten wir schon einige Ansätze ausprobiert[1]. Dabei ging es vor allem um die Praxis pietatis[2], das Glaubensleben in Familie und Alltag. Es lohnt sich aber auch, einmal einen eher akademischen Blick auf Advent und Weihnachten zu werfen. Fragen wir ruhig ganz direkt: Wovon reden wir hier eigentlich? Ist das alles ernst zu nehmen?

Ein befreundeter Pfarrer erzählte mir einmal, dass ihn vor seiner Kirche eine junge Mutter in der ausgehenden Adventszeit angesprochen und danach gefragt habe, wann denn hier „das Märchen“ aufgeführt werde. Sie wollte sich nach einem Krippenspiel erkundigen… Was dieser armen Frau passiert war, lässt sich sicher bei vielen Zeitgenossen finden: Advent und Weihnachten werden nurmehr als Folklore und gefühliges Theater missverstanden, die Weihnachtsbotschaft zum Mythos reduziert, oder gar zur Märchenstunde verkehrt. Angesichts der öffentlichen Behandlung des Festes und des schwindenden religiösen Wissens in unserer Gesellschaft darf man ihnen gar keinen Vorwurf machen. Aber sie sind einem krassen Irrtum aufgesessen.

Fakten auf den Tisch

Was auch immer man von Brauchtum und Bildsprache im Umfeld des Weihnachtsfestes halten mag, ist doch eines klar: Es geht hier um Fakten, nicht Fiktion, um reale Ereignisse, nichts Erfundenes. Kein Werk der antiken Literatur und kein Schriftzeugnis des Altertums und Mittelalters ist so intensiv kritisch untersucht worden wie die Bibel und insbesondere das Neue Testament. Die Faktenlage ist eindeutig, und kein ernstzunehmender Wissenschaftler würde heute noch die „Historizität“ Jesu bestreiten, niemand mehr ernsthaft von bloßen Mythen und Legenden sprechen[3]. Seine Geburt und sein Wirken sind im Übrigen auch aus außerbiblischen Quellen belegt, was selbst jene Zweifler überzeugen könnte, die grundsätzlich nichts aus der Bibel ernst nehmen mögen. Dass die Evangelisten selbst großen Wert darauf legten, die Genauigkeit ihrer Angaben zu beweisen, das zeigt sich zum Beispiel beim Lukas-Evangelium, das uns ja auch die Weihnachtsgeschichte überliefert.

Geschichte, nicht Mythos

Der Evangelist Lukas verstand sich als streng prüfender, der historischen Wahrheit verpflichteter Chronist. Das belegen schon die Einleitungen zu beiden von ihm überlieferten Werken[4]. Er bezieht sich ausdrücklich auf eigene Recherchen und auf Zeugen, die zur Zeit der Niederschrift seines Werkes noch hätten befragt werden können. Lukas verwendet zudem eine präzise relative Chronologie, wie sie seinerzeit üblich[5] war, indem er die zu schildernden Ereignisse nach den Regierungszeiten bekannter Herrscher datiert. Jedem Leser seiner Zeit waren diese Herrscher und ihre Regierungszeiten bekannt und ihre Rolle präsent – und damit auch die „absolute“ Chronologie[6].

Wenn also Lukas schreibt, dass sich die Ereignisse, von denen er berichten will, im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius zutrugen, und dass damals Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war, und wer sonst noch in angrenzenden Gebieten herrschte, außerdem auch noch wer die maßgeblichen jüdischen Autoritäten in Jerusalem waren (Lk. 3, 1 f.), dann zeigt sich darin nicht nur, dass es um reale Ereignisse geht, sondern es ist implizit geradezu eine Aufforderung an seine Zeitgenossen, dies selbst zu überprüfen.

Dieses Verfahren der Datierung sollte uns im Übrigen nicht allzu befremdlich erscheinen; es wird noch heute in manchen Ländern verwendet[7]. Es ging auch den neutestamentlichen Autoren um datierbare Geschehnisse[8]. Dieses Beharren auf der Zuverlässigkeit der Berichte ist  im Übrigen auch der Grund dafür, dass sich der Name des römischen Statthalters Pilatus im christlichen Glaubensbekenntnis wiederfindet. Der christliche Glaube baut eben auf realen Geschehnissen auf, nicht auf Mythen.

Alle Jahre wieder: Fake News…

Trotzdem – oder gerade deswegen – kann man regelmäßig „Enthüllungs“-Geschichten lesen, in denen es darum geht, den angeblich legendarischen Charakter gerade des Weihnachtsgeschehens zu beweisen. In manchen Medien gibt es vor Weihnachten regelmäßig reißerisch aufgemachte Reportagen dieser Art. Ein besonders typisches Beispiel ist die gern  kolportierte Behauptung, Jesus sei gar nicht in Bethlehem geboren worden. Zwar gibt es nicht die geringste geschichtswissenschaftliche Grundlage dafür, und die These ist seit langem widerlegt, aber dennoch ist dieses Gerücht nicht kleinzukriegen[9]. Man kann sich fragen, warum es Kolportage-Autoren und Journalisten immer wieder so sehr reizt, mit „Fake News“ hervorzutreten. Vermutlich ist der Grund dafür eben diese starke – und religionsgeschichtlich höchst ungewöhnliche – Verankerung des christlichen Glaubens in der realen Geschichte. Dieses Alleinstellungsmerkmal des Christentums hat von Anfang an Anstoß und Widerspruch erregt. So nah soll uns Gott anscheinend nicht kommen…

Eine neue Zeitrechnung

Nur weil die Geburt des Jesus Christus ein historisches Ereignis war, konnte sie auch zum Ausgangspunkt unserer Zeitrechnung werden. Die Geburt Christi hat mehr als jede neue Idee oder Philosophie alles verändert. Ideen und Philosophien hat es vorher und nachher immer wieder gegeben, die Menschwerdung Gottes aber nur einmal. Manch ein skeptischer Beobachter könnte fragen, was dieser Jesus denn so Grundstürzendes gebracht habe, dass man noch nach Jahrtausenden die Zeit nach ihm rechnet; schließlich sei die Geschichte ja weiter gegangen. Mit einer treffenden Formulierung Josef Ratzingers[10] kann man darauf antworten: „Er hat Gott gebracht“. Nicht nur wie ein Prophet oder ein religiöses Genie, nicht als einer, der Gott irgendwie besonders nahe war, inspiriert oder dergleichen. Sondern als der Einzige, der Gott ist und doch Mensch wurde. Kein Wunder also, dass unsere Zeitrechnung von seiner Geburt an zählt.


[1]Vgl. die ersten drei Beiträge des „Countdown for Xmas“ z.B. über den „virtuellen Adventskalender“, Wiederbelebung urchristlicher Traditionen, Rorate-Messen, die Serie „The Chosen“ etc., aber auch zur Freude am dritten Adventssonntag.

[2]Wörtlich „Frömmigkeitspraxis“, die Gesamtheit der praktischen Vollzüge des christlichen Glaubenslebens, Besuch der Hl. Messe, persönliches Gebetsleben, Andachten, Wallfahrten etc.

[3]Dieser Ansatz früher radikaler Religionskritik, der danach trachtete, die gesamte christliche Botschaft als Phantasien und Erfindungen abzutun, wurde vor allem von der Propaganda totalitärer Regime des 20. Jh. eifrig übernommen und wirkt vielerorts bis heute nach.

[4]Lukas-Evangelium und Apostelgeschichte. Vgl.: Lk. 1, 1-4 und Apg. 1, 1-3.

[5]Im Römischen Reich war es üblich, nach Amtszeiten von Konsuln bzw. von Kaisern zu datieren. Zu Letzterem vgl.: Dietmar Kienast: Römische Kaisertabelle. Grundzüge einer römischen Kaiserchronologie. Darmstadt 1990.

[6]Die für uns nach zwei Jahrtausenden natürlich schwerer zu fassen ist.

[7]Diese Zeilen werden im Jahr Drei des Tenno Naruhito, geschrieben, der 2019 „den Thron bestieg“. In Japan ist die primäre Jahreszählung immer noch die nach den Amtszeiten des jeweiligen Kaisers.

[8]Vgl. auch Bf. Robert Barron: https://www.youtube.com/watch?v=CIVvpFojbzk&ab_channel=BishopRobertBarron

[9]Zu den Einzelheiten vgl: Klaus Berger: Die Bibelfälscher. München 2013.  S. 243 ff. 
Zum Gesamtthema vgl. auch: Klaus Berger: Jesus. München 2007.

[10]Vgl. Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum. München 1968. 
Ders.: Jesus von Nazareth. 3 Bde. 2006 ff.