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(Bild: „Die Sieben Todsünden und Die vier letzten Dinge“ – Hieronymus Bosch um 1500 – Kommentar dazu siehe unten)

In der philosophisch-theologischen Tradition werden den klassischen Tugendkatalogen[1] ebensolche Kataloge von Lastern oder Hauptsünden gegenüber gestellt. Am bekanntesten – wenn auch manchmal aus den falschen Gründen[2] – sind die sog. „sieben Todsünden“. Dabei bezeichnet das Wort Todsünde eigentlich nicht inhaltlich ein bestimmtes Fehlverhalten, sondern es qualifiziert die Schwere der Tat und ihre möglichen Folgen für den Täter[3].

Trotzdem können wir hier den uneigentlichen, umgangssprachlichen Gebrauch des Worte stehen lassen und einmal betrachten, was es mit diesem unheimlichen Sündenkatalog eigentlich auf sich hat. Ist das nicht nur alte Sprache, sogar altes Denken? Sind wir nicht schon darüber hinaus? Und wenn ja, was heißt das? Dass ausgerechnet der plakativ klingende Begriff „Todsünde“ noch vergleichsweise präsent ist, könnte auch dafür sprechen, dass selbst in einer fast ganz säkularisierten Gesellschaft die nie völlig verlierbare Erinnerung an eine höhere, moralische Berufung des Menschen fortlebt. Worum also geht es bei den sieben Tod- oder Hauptsünden?

Anders als die magische Zahl Sieben („die Zahl der Fülle“) vermuten lässt, geht es jedenfalls nicht um Zahlenmystik oder Spekulation; vielmehr drückt sich darin eine uralte Menschheitserfahrung aus, gedanklich konzentriert und philosophisch systematisiert. Nicht umsonst haben sich auch Psychologen und Psychiater mit den Laster- und Tugendkatalogen beschäftigt, spiegeln sich in ihnen doch Grund-Muster menschlichen Verhaltens. Im Neuen Testament findet man verschiedene Aufzählungen[4] von schweren Sünden, also von Arten menschlichen Fehlverhaltens, das zerstörerisch ist und das menschliche Leben beschädigt. Sie alle fanden Eingang in die philosophischen Laster-Kataloge.

(es folgen Artikel über die 7 Hauptsünden)


[1]Vgl. Beiträge über die vier Kardinaltugenden und die drei theologischen Tugenden.

[2]Weil der Begriff so einprägsam ist, wird damit manchmal Unfug getrieben, bis hin zur Nutzung in der Werbung.

[3]Vgl. hierzu: Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1855: „Die Todsünde zerstört die Liebe im Herzen des Menschen… In ihr wendet sich der Mensch von Gott … ab und zieht ihm ein minderes Gut vor“.

[4]Vgl. Mk. 7, 21f. und  Gal. 5, 19-21.


„Die Sieben Todsünden und Die vier letzten Dinge“ ist ein Bild des niederländischen Malers Hieronymus Bosch. Vermutlich gehört dieses Gemälde in die frühe Schaffensperiode Boschs. Wegen seiner Form wird das Bild oft auch als „Tischplatte“ bezeichnet, obwohl es als solche nie verwendet wurde. Der Mittelteil, der aus vier Rundbildern besteht, versinnbildlicht das allsehende göttliche Auge in dessen Pupille der auferstandene Jesus Christus mit seinen Wundmalen zu sehen ist. Im zweiten Rundbild ist eine lateinische Aufschrift zu sehen: „Cave cave dominus videt“ („Hüte dich, hüte dich, der Herr sieht [es]“). Das dritte Rundbild ist in Form von Sonnenstrahlen gemalt. Auf dem vierten Rundbild sind in sieben Sektoren die Todsünden dargestellt. Die Bilder sind mit den lateinischen Begriffen der Todsünden untertitelt. Die Beschriftungen sind fast überflüssig, da es offensichtlich ist, dass die fressende Figur die Völlerei darstellt. Der dösende, wohlgenährte Mann ist hingegen ganz offensichtlich in Faulheit sündig. Wollust wird von Paaren im Liebesspiel präsentiert. Der Hochmut von einer Dame, die sich an ihrem Abbild im Spiegel ergötzt. Den Spiegel hält hier der Teufel, der in Gestalt eines Zimmermädchens auftritt. Gleichartige Szenen zeigen die übrigen Todsünden. Zorn durch sich prügelnde Männer am Eingang der Taverne. Habgier durch einen Münzen stehlenden Dieb. Neid durch den Blick eines Verlierers auf seinen erfolgreichen Rivalen. Allegorische Szenen voll groben Humors sind in einer detaillierten malerischen Art der älteren Holländer ausgeführt. Die sieben Todsünden sind im Kreis angeordnet. Eine solche Darstellung zeigt die Beständigkeit ihrer Präsenz. Hieronymus Bosch hat sie in der Regenbogenhaut des Auge Gottes eingeschlossen. Damit warnt er davor, dass Sünder hoffen könnten, dass ihr sündiges Treiben unentdeckt bleiben würde. Um das mittlere Rundbild sind in den Ecken des Tisches vier weitere Tonden angeordnet. Hier handelt es sich um die „vier letzten Dinge“: das Sterben, das Jüngste Gericht, den Himmel und die Hölle.

Museo del Prado, Madrid