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Berichte aus einem Lazarett

Die aktuelle Berichterstattung über die katholische Kirche hat viel mit den Nachrichten aus einem Lazarett zu tun. Und manches in der Kirche erscheint vielen Menschen wie ein Schlachtfeld nach einer verlorenen Schlacht. Dabei erleben die meisten Katholiken, dass die Priester ihren Dienst tun, die Sakramente spenden, Sterbenden beistehen, die frohe Botschaft verkünden; sie sehen, dass tausende Schwestern in Slums, Krankenstationen, Jugendhäusern und in vielen Familien den Notleidenden helfen, sie unterstützen und pflegen und das oft rund um die Uhr. Aber der Blick bleibt eingeengt auf das deutsche Lazarett, als gäbe es das alles nicht.

Bevor Papst Benedikt XVI. im Jahre 2010 nach England reiste, um dort u.a. John Henry Newman selig zu sprechen, waren die Medien hauptsächlich auf die gerade aufgedeckten und vom Papst als verabscheuungswürdig verurteilten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche fixiert, so dass der allgemeine Pressetenor darin übereinstimmte, dass diese Reise nur in einem Fiasko enden könne.

Wir haben es alle noch im Gedächtnis, dass das Gegenteil der Fall war. Wie konnte damals der Umschwung gelingen? Selbst die englische Boulevard-Presse, die den Papst als ehemaligen Hitlerjungen nicht ins Land lassen wollte, musste zugeben, dass Benedikt XVI. viele Menschen gewonnen hatte, die katholische Kirche unvoreingenommener zu sehen. Sicher lag es an seinem ruhigen und demütigen Auftreten, an seiner unmissverständlichen Verurteilung allen Missbrauchs wo und wann immer er in der katholischen Kirche aufgetreten ist. Einen nicht unwichtigen Beitrag zum Gelingen des Papstbesuches konnte damals „Catholic voices“ leisten.

Was ist „Catholic voices“?

Catholic Voices ist ein Projekt von Katholiken, das im Vereinigten Königreich begann, um die Darstellung der Kirche in den Medien, vor allem in Nachrichtensendungen und Debatten, zu verbessern. Es startete mit einer sechsmonatigen Ausbildung von 24 Laien, meist Jugendlichen, und einem Priester in Vorbereitung auf den Besuch von Papst Benedikt XVI. Die Auftritte in über 100 Sendungen machten damals großen Eindruck auf Bischöfe und Rundfunkanstalten, so dass sie gebeten wurden, diese Initiative fortzuführen. Seither haben die gut ausgebildeten Laien mehr als 1.200 TV- und Radioauftritte bestritten, in denen sie die Geschichte der Kirche erzählen und den Glauben verteidigen, ohne die Stimme zu erheben.

Das Beispiel hat Schule gemacht und inzwischen gibt es in 20 Ländern „Ableger“ von „catholic voices“, die in ihrem Land um eine vertiefte Information über Kirche und Glauben und eine wahrheitsgetreue Darstellung in den Medien bemüht sind. Leider hat noch niemand in Deutschland diese Initiative aufgegriffen.

10 Leitlinien für eine gute Kommunikation

Neben einer guten Schulung in der Kenntnis der im Katholischen Katechismus dargelegten Glaubenswahrheiten wurden den Kommunikatoren 10 Leitlinien für ihr kommunikatives Auftreten an die Hand gegeben, die von Jack Valero, dem Initiator des ganzen Projektes, erstellt wurden und die hier in knapper Form wiedergegeben werden sollen:

1. Suchen Sie nach der positiven Absicht hinter der Kritik

Bleiben sie nicht vordergründig bei den Argumenten stehen, mit denen Sie konfrontiert werden, sondern bemühen Sie sich, die den Argumenten zugrundeliegenden Werte aufzudecken und appellieren Sie an die Werte Ihres Gegners. Das hat einen entwaffnenden und befreienden Effekt, selbst wenn es sich bei seinen Werten nicht um christliche Werte handelt. Indem man nach gemeinsamen, grundlegenden und wichtigen Werten sucht, kann man leichter auf die positive Absicht des anderen abheben.

2. Klären Sie auf, aber gießen Sie kein Öl ins Feuer!

Als Gläubige wollen wir Aufklärung und sachgerechte Information zu den diskutierten kirchlichen Themen geben. Daher muss das WIE wir sprechen dem WORÜBER wir sprechen angemessen sein.

Wenn Sie in eine Diskussion eintreten, um aufzuklären, verändert sich Ihre Sichtweise im Gespräch. Sie sind dann ein aufmerksamer Zuhörer der Standpunkte und Meinungen Ihrer Gesprächspartner, auch wenn Sie diese noch so sehr ablehnen. Ihr Ziel ist dann, die Standpunkte der anderen zu respektieren, gleichzeitig aber auch Ihre eigenen zu vertreten.

Genauso wie Sie sich vom Glauben anstecken lassen können, wenn Sie Zeuge des Lebens Gläubiger werden, die Sie beeindrucken, können Sie andere auch mit Argumenten entzünden. Bleiben Sie also ruhig; das hilft immer. 

3. Menschen erinnern sich nicht an das, was Sie gesagt haben, sondern welches Gefühl Sie in ihnen ausgelöst haben

Intellektuelle und Theologen müssen klar haben, dass Gelehrsamkeit das Gegenteil von Kommunikation ist. Man muss einfache Worte für komplexe Ideen verwenden. Es geht hier nicht nur um die Klarheit Ihrer Argumente. Es geht auch um die Wirkung, die Ihre Worte auf andere haben. 

Natürlich zählt die Wahrheit in dem, was Sie sagen, denn das erste Ziel besteht darin, Klarheit zu schaffen, wo derzeit Verwirrung und Unaufgeklärtheit herrschen. Aber letztlich sind es nicht wir, die überzeugen – es ist die Wahrheit selbst. Unsere Aufgabe ist es, nach bestem Wissen der Wahrheit zu dienen. Und wir dienen dieser Wahrheit am besten, wenn wir unsere Gegner nicht „besiegen“ wollen. Streben Sie nach Höflichkeit, Einfühlungsver-mögen und deutlicher Sprache. 

Evaluieren Sie jedes Gespräch vor allem nach diesem Kriterium: habe ich dazu beigetragen, dass andere die Positionen der katholischen Kirche besser verstehen? Welches Gefühl habe ich anderen vermittelt – fühlen sie sich herauf- oder heruntergezogen? Inspiriert oder verletzt? Wollen sie mehr von Ihnen hören, oder sind sie erleichtert, dass das Gespräch beendet ist?

4. Bildersprache statt vieler Worte

Der Mensch möchte lieber Geschichten hören als Vorlesungen. Er ist empfänglicher für Erfahrungen als für Argumente. Das heißt nicht, dass Sie keine Argumente verwenden sollen. Aber schmücken Sie diese auch mit Bildern aus: Anekdoten aus Ihrer persönlichen Erfahrung, hypothetische Situationen, die Menschen dabei helfen können, sich etwas unter dem Gesagten vorzustellen. 

Statt also lediglich zu erzählen, dass die katholische Kirche AIDS-Infizierten in Afrika hilft, erwähnen Sie auch die Hospitäler und Arzneimittelstellen in den abgelegendsten Dörfern Afrikas, in denen sich Nonnen in heruntergekommenen Hütten um die Patienten kümmern. 

Erzählen Sie selbst begeistert Ihre Geschichte weiter und verhalten Sie sich nicht wie der Sprecher eines abstrakten, unpersönlichen Konzerns. 

5. Denken Sie in Dreiecken

Liefern Sie präzise und klare Beiträge. Konzentrieren Sie Ihre Gedanken auf die drei wichtigsten Aussagen, die Sie machen wollen. Meistens gelingt es nicht, alle drei Hauptaussagen zu äußern – wenn Sie zwei davon unterbringen, sind Sie schon erfolgreich. 

Dennoch ist es wichtig, dass Sie Ihre Gedanken in die Richtung dieser drei Gedanken lenken. Stellen Sie sich diese Gedanken als Dreieck vor. Denken Sie in einer Diskussion immer daran, wie sich Ihre momentane Aussage zu diesem Dreieck verhält. Lassen Sie sich nicht von anderen ablenken und vernachlässigen Sie nicht Ihre Argumente.

6. Seien Sie positiv

Dies ist ein grundlegendes Kommunikationsprinzip, und das gilt umso mehr, wenn wir für die Kirche gegen etwas eintreten. Dies kommt heutzutage sehr häufig vor. Die Kirche tritt gegen viele Dinge ein, jedoch mit dem Ziel der Bewahrung und Verbesserung: die Menschen und die Gesellschaft als Ganzes zur Fülle des Lebens, Gesundheit und nachhaltigem Fortschritt aufzurufen. Die katholische Kirche ist wie eine Mutter Teresa, die für die Vergessenen und Kranken dieser Welt eintritt. Erfahrungen im Gebet, im Nachdenken über die Heilige Schrift, in jahrhundertelangem Engagement in den härtesten Auseinandersetzungen der Menschheit haben die Kirche zu einem „Experten für Menschlichkeit“ gemacht. 

Eine positive Einstellung hat viel damit zu tun, die Diskussion wieder auf die positive Sicht der Kirche für die Menschen hinzuführen: nämlich die unendlichen und herrlichen Möglichkeiten unserer Freiheit. Abtreibungsgegner sollten sich nicht wie Moralisten mit erhobenem Zeigefinger anhören, sondern wie Gegner des Sklavenhandels. Genau so sollten Gegner der Sterbehilfe für viel mehr Sterbehospize eintreten. Seien Sie kein Sensenmann, sondern ein Engel, der zu einem helleren Horizont weist. 

7. Haben Sie Mitgefühl

Mitgefühl ist eine Haltung, für die Katholiken bekannt sein sollten – allerdings fehlt sie traurigerweise oft in Diskussionen mit Katholiken. Wir haben zu oft den Eindruck, dass unsere kostbarsten Werte bedroht sind. Menschen, die sich leidenschaftlich für etwas einsetzen, sind häufig frustriert, wenn andere sich nicht um die Dinge kümmern, die ihnen wichtig sind. Dennoch ist diese Frustration ichbezogen. Man erwartet von anderen, das zu verstehen und wertzuschätzen, was man selbst für wichtig hält. 

Lernen Sie, Mitgefühl zu haben, auch in hitzigen Debatten. Dies ist der Schlüssel zum Ausstieg aus dem Teufelskreis gegenseitiger Zurückweisung. Unter fast allen neuralgischen Themen, verbergen sich zutiefst persönliche ethische Themen: Sexualität, Sterben, Krankheit, Glaube. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat die Person, mit der Sie sich gerade in einer Auseinandersetzung befinden, bereits direkte Erfahrungen mit einem neuralgischen Thema gemacht; vielleicht sogar verletzende Erfahrungen mit Autoritäten oder Institutionen. Mitgefühl zu haben heißt, Zorn und Verletzungen zu verstehen und als Menschen eine Beziehung dazu aufzubauen. 

Es ist eine ständige Herausforderung, nicht als kalter, herzloser Repräsentant einer abstrakten Organisation „rüberzukommen“. Es gibt viele Wege, dieser Falle zu entkommen: Sprechen Sie aus eigener Erfahrung, erzählen Sie emotionale Geschichten oder führen Sie Gegenbeispiele an. Manchmal ist es einfach nötig, dass wir gute Zuhörer sind und den Zorn mancher Menschen auf die Kirche abfangen. Wenn sie noch nie die Erfahrung gemacht haben, dass ihnen ein Vertreter dieser Kirche ein offenes Ohr schenkt, dann ist Mitgefühl der wertvollste Zeuge, den wir anbieten können. 

8. Achten Sie auf die Fakten und vermeiden Sie roboterhaftes Nachplappern

Teil einer guten Vorbereitung ist das Zusammenstellen nützlicher Daten und Fakten, mit denen Sie die Diskussion gestalten können. Bedenken Sie jedoch, dass Statistiken abstrakt und unmenschlich erscheinen oder als Deckmäntelchen wahrgenommen werden

können. Politiker, die mit Statistiken um sich werfen, werden gemeinhin als Lügner angesehen. Vermeiden Sie vor allem ein Ping-Pong-Spiel mit Statistiken. Wenn Sie schon Statistiken verwenden müssen, halten sie diese so einfach wie möglich. Führen Sie zutreffende und klare Zahlen an und verwenden Sie eine menschliche, klare Sprache.

Kritik an der Kirche beruht häufig auf falschen Zitaten oder einem Mangel an Verständnis. Es ist wichtig zu den Quellen zurückzugehen und herauszufinden, wo die Wahrheit verfälscht wurde.

9. Es geht nicht um Sie!

In guter Kommunikation geht es auch darum, sein Ego zurückzustellen. Ein Kirchenkritiker beurteilt nicht Ihren persönlichen Wert, sondern den der Institution, die Sie repräsentieren. 

Ein gewisses Maß an Nervosität vor öffentlichen Auftritten ist normal. Das Adrenalin hilft Ihnen, sich zu konzentrieren. Übermäßige Nervosität ist häufig ein Zeichen von Unsicherheit.

Die Zuhörer wollen nicht wissen, was SIE denken, sie wollen wissen, was Sie DENKEN. 

Unser Ego lässt uns glauben, dass wir im Mittelpunkt stehen. Wenn man nervös ist, kommt man ins Schnellreden und verhaspelt sich. Holen Sie ein paar Mal tief Luft, bevor Sie loslegen und machen Sie vor der Antwort eine Pause. Die beste Art seine Nerven zu beruhigen, ist jedoch eine gute Vorbereitung. 

Beten Sie bevor Sie das Studio betreten! Dies hilft Ihnen nicht nur Ihre Nerven zu beruhigen und Ihr Ego zurückzustellen, sondern auch sich zu erinnern, warum Sie das alles machen. 

Wenn es doch mal schief gehen sollte: bleiben Sie froh, denn was bedeutet schon Erfolg. Bitten Sie eine Vertrauensperson, alles noch einmal mit Ihnen durchzugehen und bitten Sie um Verbesserungsvorschläge. 

10. Zeugnis ablegen, nicht gewinnen

Die Macht unserer Argumente ist nicht leicht einzuschätzen. Aber viele Menschen, die nach Jahren wieder in die Kirche zurückkehren oder mit dem Gedanken spielen, in die katholische Kirche einzutreten, berichten, dass sie jemanden oder etwas gesehen oder gehört haben, auf das sie aufmerksam geworden sind, und das sie beschäftigt hat.

In den meisten Fällen ist die Hinwendung zur Kirche nicht das Ergebnis eines glänzenden Argumentes oder einer schönen Redewendung. Meistens ist sie das Ergebnis einer Umdeutung: ein Vorurteil oder eine Vorannahme wird in Frage gestellt oder sogar umgekehrt. Wir nennen dies „Bekehrung“. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist Paulus von Tarsus, der vom einem Christenverfolger zum einem der bekanntesten Zeugen Christi wurde. Seine Bekehrung beinhaltete eine neue Sicht auf die Dinge. Nachdem er sich über das Christentum empört hatte und es zerstören wollte, erkannte er, dass das, was ihn so empört hatte, nichts anderes als die Wahrheit war. 

Jede Herausforderung ist für uns eine Möglichkeit, Zeugnis abzulegen: Missverständnisse zu beseitigen und verwirrende Mythen durch klare Informationen zu ersetzen. Der größte Feind einer solchen Haltung des Zeugnisses, ist unser Bedürfnis zu „gewinnen“ und zu „besiegen“; Gewinner und Verlierer, „wir“ und „sie“, „richtig“ und „falsch“. 

Zuerst sollten wir Zeugnis ablegen, dann ist der andere am ehesten bereit zuzuhören. Das ist die einzige Form des Sieges, die wir anstreben sollten.