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Latein und Chatsprachen 

Latein ist ganz nebenbei ein heilsames Gegenmittel gegen die dominierende SMS-, Instagram- WhatsApp- oder sonstige Chatkommunikation. Diese Kurzmitteilungen bestehen i. d. Regel nur aus Teilsätzen oder aus sprachfreien Symbolen wie Smiley, gesenktem oder aufrechtem Daumen…   nach dem Motto: je kürzer, desto schneller und „desto besser“. Das kann durchaus Sinn machen.

Aber das Smartphone bestimmt inzwischen den Hauptteil der Kommunikation von Kindern und Jugendlichen, es ist permanent zur Hand und im Einsatz. Das führt dazu, dass komplexere Sätze nicht mehr „ankommen“, schlicht abgelehnt, weil nicht mehr verstanden werden. 

Neue Bibelübersetzung

Als Reaktion darauf hat z. B. die Deutsche Bibelgesellschaft mit Unterstützung der Evangelischen Kirche in Deutschland eine neue Bibelübersetzung „für das 21. Jahrhundert“ erarbeitet, die am 21. Januar 2021 bei Herder erschienen ist. Dazu heißt es: „Die 40 Übersetzer hatten bei der Übertragung von hebräischem und griechischem Urtext ins Deutsche aktuelle Lesegewohnheiten der Generation Internet vor Augen. Diese Generation liest zwar den ganzen Tag über Chats, E-Mails, Schlagzeilen und Blogbeiträge – doch eine intensive Beschäftigung mit Texten, die etwas herausfordernder sind, kommt aus der Übung. Die Konsequenz: Die BasisBibel verwendet kurze Sätze mit selten mehr als 16 Worten. Sie soll insbesondere zum Lesen auf dem Bildschirm sehr gut geeignet sein.“ Das ist schon beängstigend, auch wenn seitens der Verantwortlichen fast entschuldigend hinzugefügt wird: „Für die Erstbegegnung mit der Bibel.“ Man folgt und fördert damit einen Trend, den man selbst gleichzeitig für bedenklich hält. Das ist Resignation. 

Im Deutschunterricht der gymnasialen Oberstufe und ebenso in den Fremdsprachen ist eine saubere Textanalyse und dazu eine logische Argumentation zur Begründung eines eigenen Urteils gefordert. Kein Wunder, wenn das den Jugendlichen ohne entsprechendes Training Schwierigkeiten bereitet. 

Vorzüge einer „toten“ Sprache

Latein wurde – wie oben erwähnt –  schon zur augusteischen Zeit zu einer „toten“ Sprache. Denn aufgrund der herausragenden Autoren und Dichter dieser Zeit wurde diese Entwicklungsstufe als mustergültig angesehen  und hat sich danach im Wesentlichen nicht mehr verändert. Über das Mittelalter mit den großen Theologen Albertus Magnus und Thomas von Aquin und bis in die Neuzeit war Latein internationales Kommunikationsmittel in den Wissenschaften.

Christoph Kolumbus schrieb nach seiner Entdeckungsreise der Neuen Welt um 1492 seine Schrift „De insulis nuper inventis“ (Über die neu entdeckten Inseln) ebenso in Latein, wie auch die Astronomen Kopernikus und Galilei und auch Mathematiker bis zu Isaak Newton, der 1687 sein Werk „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“ (Mathematische Grundlagen der Naturwissenschaften) veröffentlichte. Auch Friedrich Gauß schrieb noch 1801 sein Werk „Disquisitiones Arithmeticae“ (Zahlentheoretische Untersuchungen) in Latein. 1809/10 erfolgte lückenlos in den Preußischen Bildungsreformen durch Wilhelm v. Humboldt eine neue Stärkung des Lateinischen, deren Spuren bis heute in den Lehrplänen der Schulen und Universitäten erkennbar sind. 

Worin liegt nun der besondere Vorzug einer „toten“, d.h. unveränderten Sprache? Sprache ist doch etwas Lebendiges, Veränderungen vollziehen sich meist unmerklich, und Sprache orientiert sich immer an der Lebenswirklichkeit. Wirklich immer? Oder gibt es auch Interessen, über eine gezielte Änderung der Sprache die Wirklichkeit zu verändern? Welche gesellschaftliche Schicht, welche Interessengruppe tut das?

Diktaturen haben schon immer Sprache gelenkt mit dem Ziel einer Umerziehung der Menschen entsprechend der eigenen Ideologie. So hat sich z.B. die DDR mit ihrer „Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit“ gestützt auf den „wissenschaftlichen Sozialismus“ eine „fortschrittliche“ Gefolgschaft herangezogen. Auch die nationalsozialistische Diktatur mit ihrer „wissenschaftlichen Rassenlehre“ und ebenso die marxistisch-leninistischen Diktaturen mit Schwerpunkt in Russland und China haben wissenschaftlich verbrämt die gesellschaftliche Wirklichkeit mit eigener Sprachlenkung in riesigem Ausmaß umgestaltet. Man denke nur an Maos „Kulturrevolution“. 

Gegen Ideologien immun

Ein aktuelles Beispiel für gezielte Umerziehungsversuche ist das systematische „Gendern“. Man könnte das für ein lustiges Spiel halten, wenn es nicht so verbissen und fanatisch durchgesetzt würde und sich fast alle mehr oder wenig bereitwillig anpassten. Das „Gender-Sternchen“ hat das „Binnen-I“ und den „Gender-Gap“ ersetzt. Jetzt kommt neu der Doppelpunkt dazu. Auf die Frage, für welches Geschlecht das Sternchen und die anderen     „kreativen“ Erfindungen stehen, kann selbst die „Genderavantgarde“ nicht beantworten. Obwohl keine dieser Formen – weder Sternchen noch die anderen Zeichen – vom Duden und dem Rat für Rechtschreibung zugelassen sind, haben Städte wie z.B. Hannover und Lübeck bereits in einem Leitfaden für ihre Stadtverwaltung geregelt, konsequent den Binnen-Doppelpunkt zu nutzen, „um alle Menschen anzusprechen“, z. B. „Senior:innenbeirat“. Es wird offensichtlich widerstandslos hingenommen, dass eine „Avantgarde“ ihre Ideologie bis in die Wortbildung und – beim Gender-Gap – sogar bis ins gesprochene Wort durchzusetzen versucht.

Der Vorzug einer „toten“ Sprache: Sie ist und macht gegen Ideologien immun.

Zum Abschluss gleichsam ein Dessert

Lateinische Inschriften auf alten Bau- und Kunstdenkmälern fesseln immer wieder den Blick, besonders wenn sie eine verschlüsselte Botschaft enthalten, wie z.B. Chronogramme. Solche Chronogramme nutzen die Tatsache, dass einige lateinische Großbuchstaben gleichzeitig auch Zahlen entsprechen. So kann etwa das Baujahr des Gebäudes in der lateinischen Inschrift – meist über dem Toreingang – verborgen werden. 

Ein besonders schönes Beispiel ist das Chronogramm über dem Eingang zum ehemaligen Jesuitenkolleg und heutigen St. Michael-Gymnasium der Stadt Bad Münstereifel:

DoMInI saLVs haC IntrantI

(Gottes Segen allen, die hier eintreten)

Die Zahlen werden unabhängig von ihrer Reihenfolge addiert: 1659

Spannend sind auch weltbewegende Ansprachen unserer Zeit in Latein, so z.B. die letzte Rede von Papst Benedikt XVI. im Konsistorium am 11. 02. 2013, in der er den dort versammelten Kardinälen seinen Rücktritt als Papst bekannt gab. (Veröffentlicht vom Presseamt des Hl. Stuhls als Bollettino N. 0089) Peter Seewald schreibt dazu in seiner Biographie „Benedikt XVI. – Ein Leben“ (München 2020), S. 1034: „Dass er seinen Text nicht auf Italienisch abfasste, lag daran, – so der Papst – ´weil man so etwas Wichtiges auf Latein macht´.“

Auch die wöchentlichen „Nuntii latini“ – Aktuelle Nachrichten aus dem Vatikan – sind über den Newsletter von „Radio Vatican“ im Internet auf Latein zu lesen.

Latein lebt. –  Die Mühe lohnt sich!

(zum 1. Teil des Artikels)