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Von den drei „göttlichen“ oder „theologischen“ Tugenden ist die Hoffnung auf den ersten Blick diejenige, die in einer säkularisierten Gesellschaft am besten vermittelbar ist:

Glauben scheint dem oberflächlichen Betrachter etwas Vormodernes zu haben, weshalb er bestenfalls als persönliche Gemütssache durchgeht, oder als vermeintlicher Lückenfüller beim Fehlen von präzisem Wissen. Liebe wiederum, unter den drei göttlichen Tugenden traditionell die höchst bewertete, wird im öffentlichen Sprachgebrauch – weil grenzenlos inflationiert und endlos vulgarisiert – kaum noch als Tugend angesprochen. Hoffnung dagegen „geht immer“ irgendwie. Jeder kann sich unter „Hoffnung“ etwas Eigenes vorstellen; der Begriff hat sowohl religiöse als auch profane Konnotationen, und es existieren sogar atheistische Konzepte von Hoffnung[1].

Wieso Tugend?

Aber damit stellt sich uns die Frage, wieso das überhaupt eine Tugend sein soll. Ist es nicht einfach eine menschliche Gemütsverfassung? Vielleicht ein evolutionär bedingter Habitus zur Verbesserung der Überlebenschancen, quasi durch den Antrieb zum Durchhalten? Oder aber ein psychologischer Defekt, Anzeichen einer Art Realitätsverweigerung? „Hoffen wir das Beste“ kann  jeder sagen; und auch ein Räuber hofft, dass sein Verbrechen gelingt und er nicht erwischt wird. Eine Tugend? Plötzlich wird die anfängliche Selbstverständlichkeit des Begriffes problematisch.

Sehr treffend konstatiert der Philosoph Josef Pieper: „…die Hoffnung ist entweder theologische Tugend, oder sie ist überhaupt nicht Tugend“[2]. Tugend ist nach Pieper „nicht die gezähmte ‚Ordentlichkeit‘ und ‚Bravheit‘ des Spießbürgers“, sondern „das Äußerste dessen, was ein Mensch sein kann“[3], und zwar ausschließlich ausgerichtet auf das Gute. Hoffnung im ernsthaften, tieferen Sinne blickt immer über den Rand der von uns sinnlich erfahrbaren und beeinflussbaren materiellen Wirklichkeit hinaus und wird erst dadurch Hoffnung im vollen Sinne.

Worauf hoffen?

In unseren postmodernen Gesellschaften erfreuen sich freilich die nicht-religiösen und dezidiert nicht-christlichen Hoffnungsmodelle größerer Beliebtheit. Sehr verbreitet sind vulgär-stoizistische[4] und existentialistische Ansätze. Aber diesen Versuchen, innere Distanz zur conditio humana[5] zu gewinnen, sich „innerlich abzufinden“ mit der Sterblichkeit, das „Unausweichliche anzunehmen“ etc. haftet doch immer etwas Bemühtes an, das trotz aller guten Worte weder der Endgültigkeit des Todes etwas entgegenzusetzen hat, noch vor Depression schützt. Statt Hoffnung bleibt am Ende nur ein Kokettieren mit der Sinnlosigkeit („sinnfrei“ statt „sinnlos“), das solange trägt, wie es nicht zum Ernstfall kommt. Danach droht Verzweiflung.

Am ehrlichsten beschrieb noch Albert Camus diese Haltung in seinem „Mythos des Sisyphos“[6], in dem das Beharren des Menschen ohne Glaube letztlich in eine albtraumhafte Einsamkeit und Sinnlosigkeit mündet. Alle existentialistischen oder neo-stoizistischen Modelle lassen letztlich  – ob bewusst oder unbewusst – den Menschen allein. Das krampfhafte Beharren auf reiner Immanenz lässt am Ende auch keinen Raum mehr für den Anderen.

In besonders krasser Weise geschieht dies bei allen (heute wieder in diversen Verkleidungen  propagierten) neo-marxistischen Projektionen von Gesellschaft, Zukunft, Hoffnung. Da sie stets auf das Kollektiv bezogen sind, scheinen sie in der Theorie altruistisch zu sein. Doch was ist das für eine Hoffnung für den Einzelnen, wenn alles sich nur auf eine zukünftige Gesellschaft bezieht, die er nicht mehr erleben wird? In Wirklichkeit wird das Individuum dadurch entwertet, seine Hoffnung wird quasi vergemeinschaftet. Und die bittere historische Erfahrung lehrt, wie diese materialistischen Utopien alle enden – in Gewalt und Unrecht.

Es bestätigt sich, was Josef Pieper hellsichtig formulierte: Die Hoffnung ist entweder eine göttliche Tugend, oder gar keine. Erst die Bindung an das Transzendente kann Hoffnung als Tugend erwecken – als etwas, dass uns befähigt, das Äußerste aus uns herauszuholen und sogar das Äußerste zu ertragen und zu überwinden.

Wie weit trägt Hoffnung?

Es gibt immer wieder beeindruckende Beispiele dafür, wie Menschen auf der Basis der gelebten Tugend der Hoffnung fast Übermenschliches ertrugen und leisteten. In seiner Enzyklika „Spe salvi“ (Gerettet durch die Hoffnung) stellt Papst Benedikt XVI. das bewegende Schicksal der Sudanesin Giuseppina Bakhita[7] vor, einer Frau des 19./20. Jh., die als Kind versklavt und dann jahrzehntelang misshandelt wurde, bis sie nach Italien gelangte und den katholischen Glauben annahm, schließlich Ordensfrau wurde und durch die Freude des Glaubens andere mit ihrer Hoffnung und Freude ansteckte. Trotz des unsagbaren Elends, das sie erfahren hatte, konnte eine einfache Frau ohne Einfluss und ohne Macht, aber ausgestattet mit einer geradezu überirdischen Hoffnung zum Zeichen der Hoffnung für Viele werden.

Ähnlich ergreifend ist das Schicksal einer „Hibakusha“[8], einer Überlebenden des Atombombenabwurfs auf Nagasaki, die – von der Glut der Atomexplosion für ihr Leben entstellt, arm, einsam und missachtet – in einer so hoffnungslosen Lage zu sein schien, wie man es sich nicht schlimmer vorstellen kann. Von der christlichen Hoffnung getragen, erwuchs aus ihrem furchtbaren Leiden kein Hass und keine Selbstzerstörung, sondern Zuwendung zum Nächsten und Trost für Andere[9]. Sie war ein wahrer Segen für die Gesellschaft. Ihr Zeugnis müsste all jene schamhaft verstummen lassen, die sich heutzutage so vehement dafür einsetzen, unheilbar Kranke, chronisch Leidende, in „hoffnungsloser“ Lage lebende Menschen mit Euthanasie-Angeboten zu „beglücken“.

Schließlich sei das Beispiel der Hl. Mutter Teresa von Kalkutta genannt, die eine Hölle auf Erden zu einem Platz der Hoffnung für sonst Hoffnungslose machte. Es ist bekannt, dass auch Mutter Teresa zuweilen (und sogar über längere Zeit) Phasen der inneren „Dunkelheit“ durchlebt hat. Sie war keine übermenschliche religiöse Schwerathletin, sondern eine kleine, zerbrechliche Person, aber ausgestattet mit einer unzerstörbaren christlichen Hoffnung[10].

Und was geht das mich an?

Philosophisch betrachtet befinden wir uns alle in einem transitorischen Zustand, einem Zustand des Übergangs, über den die sicherste Aussage jene ist, dass wir sterben werden. In christlich-abendländischer Tradition heißt das: Wir befinden uns auf einem Weg zu einem Ziel, im status viatoris[11]. Am Ziel erwartet uns dann der status comprehensoris  – ein Zustand der umfassenden Erfüllung, der Vollendung, auch des Erkennens[12].

Allen drei genannten Frauen, deren Hoffnung sie zu scheinbar Unmöglichem befähigte, ist gemeinsam, dass sie den Weg-Charakter ihres Lebens erkannten und annahmen. Die Tugend der Hoffnung befähigte sie dazu, über die Grenzen des „Menschenmöglichen“ hinaus zu gehen. Ihr Beispiel ist deshalb so anrührend, weil sie eigentlich „ganz normale Menschen“ waren, keine Superhelden oder Halbgötter, ganz im Gegenteil. Wenn die Tugend der Hoffnung ihnen solche Kraft verlieh, dann können auch wir es wagen, es mit dieser Tugend zu versuchen, sie ernst zu nehmen.

Die „gute Nachricht“[13] des christlichen Glaubens hat die Eigenschaft, nicht nur „informativ“ zu sein, also über eine Tatsache zu unterrichten, sondern „performativ“, also etwas zu bewirken, das Leben umzugestalten[14]. Auf dieser Grundlage wird die Hoffnung von einem bangen Erwarten, dass die Dinge einen guten Ausgang nehmen mögen, zur Zuversicht, im Vertrauen darauf, dass jemand für ein gutes Ende sorgt. Die Tugend der Hoffnung ist nicht wie das sprichwörtliche Singen im Wald, sondern wie ein Navigationsgerät, das uns aus dem Dickicht des scheinbar Unausweichlichen heraus hilft.

In seinem Brief an die Gemeinde in Rom beschreibt es der Apostel Paulus mit den Worten „auf Hoffnung hin sind wir gerettet“[15] Damit drückt er aus, dass die christliche Hoffnung eben nicht eine bloße Haltung des Abwartens ist, mit ungewissem Ausgang, sondern dass in ihr schon der Keim, der Anfang des Erhofften gegenwärtig ist[16], das „Navi“ führt sicher ans Ziel. Die Hoffnung enthält sozusagen eine Garantie der Erfüllung; das ist möglich, weil die göttliche Tugend der Hoffnung letztlich das Vertrauen in eine göttliche Person ist, in Jesus Christus.


Anmerkungen

[1]Zum Beispiel Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“.

[2]Josef Pieper: Lieben, hoffen, glauben. München 1968. S. 203

[3]Ebd.

[4]Versuche, Elemente der Philosophie der Stoa als eine Art Lebenskunde wiederzubeleben, haben in den letzten Jahren einen erstaunlichen Markt gefunden, verbreitet u.a. über soziale Medien. Ein Beweis, wie groß der Bedarf an Sinnfindung und Tröstung in unseren scheinbar a-religiösen Gesellschaften ist. Diese neuen „Angebote“ ergänzen den Markt sich ostasiatisch gebender Heilslehren, die oft auf einem banalisierten Buddhismus beruhen, mit diversen modischen Beigaben.

[5]In der klassischen philosophischen Tradition die „Befindlichkeit“ des Menschen als sterbliches Wesen.

[6]Albert Camus: Le mythe de Sisyphe. 1942. Untertitel der deutschen Ausgabe: Ein Versuch über das Absurde.

[7]Benedikt XVI., Enzyklika Spe Salvi. Abs. 3

[8]Japanischer Ausdruck für die Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki.

[9]Ihr Schicksal wurde im Rahmen eines Gedenkgottesdienstes für die Opfer der Atombombe am 9. August 2020 in der Kathedrale von Nagasaki vorgestellt. Ihr scheinbar hoffnungsloses Leben am Rande der Gesellschaft erfuhr eine spirituelle Wende durch ihre Begegnung mit dem Hl. Papst Johannes Paul II., der 1981 Japan besuchte und nach Nagasaki kam, in das traditionelle Zentrum der japanischen Katholiken.

[10]In ihren „dunklen“ Lebensphasen wurde sie oft nur noch getragen von der gewissenhaften religiösen Praxis und vom regelmäßigen Empfang der Sakramente.

[11]Pieper a.a.O. S.196 ff, 214 f.

[12]Und des Gerichts. Was auf den ersten Blick ein wenig nach „altmodischer“ Kirchensprache klingt, stammt aus der Tradition abendländischer Philosophie, die gerade darin Berührungspunkte mit dem Denken in anderen Kulturkreisen hat, u.a. in Ostasien. Es drückt sich hier eine allgemeine Menschheitserfahrung aus – das Leben als Weg oder Aufgabe.

[13]Griechisch εὐαγγέλιον – Evangelium.

[14]Benedikt XVI. Enzyklika Spe Salvi, Abs. 4.

[15]Rm 8,24: „Spe salvi facti sumus“ – es ist auch der Titel der genannten Enzyklika Papst Benedikt XVI.

[16]Zu Beginn seiner Enzyklika setzt Benedikt XVI. sogar die beiden Tugenden pointiert in eins: „Glaube ist Hoffnung“.