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In vielen Sprachen, nicht nur romanischen, sondern auch im Englischen[1], geht die Bezeichnung für die Ehe auf das lateinische Wort „matrimonium“ zurück. Dieses wiederum hat als Wurzel „mater“,  das Wort für „Mutter“. Damit ist auf anschauliche Art ausgedrückt, was die Ehe in erster Linie von allen anderen Formen von Lebensgemeinschaften unterscheidet: Mutterschaft. Diese regiert geradezu die Ehe, die in allen Kulturen eben nicht nur rein biologisch der Fortpflanzung dient, sondern auch und besonders dem Schutz der Mütter. Ein Gedanke, der noch im deutschen Grundgesetz zu finden ist, dessen Artikel 6, Abs. 4[2] aber leider in Vergessenheit zu geraten scheint.

Notwendige und hinreichende Bedingungen

Für das „matrimonium“ ist Mutterschaft – genauer gesagt: die Bereitschaft dazu – also schon per definitionem eine notwendige Bedingung. Im kirchlichen Eherecht findet das dadurch seinen Ausdruck, dass eine Ehe gar nicht gültig geschlossen werden kann, wenn einer der Ehepartner sich von vorneherein willentlich gegen gemeinsame Kinder entscheidet. Zugleich gilt auch, dass die Bereitschaft zur Mutterschaft bzw. Elternschaft zwar eine notwendigeBedingung für die Ehe ist, aber keine hinreichende. Auch ungewollt kinderlose Ehen haben selbstverständlich den selben hohen Wert und Rang wie solche mit Kindern, eben weil es sich bei der Ehe zwischen Mann und Frau um eine anthropologische Konstante[3] handelt.

Die Ökologie des Menschen

Die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen ist nicht nur ein biologisches Faktum, das der Reproduktion dient, sondern – im wahrsten Wortsinne – ein wesentliches, konstitutives Element menschlicher Existenz. Gott hat Mann und Frau „füreinander gewollt, als eine Gemeinschaft von Personen“[4]. Dass dieser Regelfall nach der Lehre der Katholischen Kirche andere „Lebensentwürfe“[5] als Ausnahmen nicht ausschließt, belegt schon die traditionell hohe Wertschätzung eheloser Lebensformen in der abendländischen Tradition. Dennoch ist die „Berufung zur Ehe“[6] quasi der Normalfall, gegründet auf das Sein des Menschen schlechthin.

In seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag hat Papst Benedikt XVI. im Zusammenhang mit dem Thema Bewahrung der Schöpfung auch die Grundlagen des Menschseins beschrieben: „Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst“[7].

Sakramentale Ehe …

In der Katholischen Kirche ist die Ehe eines der sieben Sakramente, wobei dieses spezielle Sakrament noch eine Sonderstellung hat, denn es wird den Eheleuten nicht vom Priester gespendet, sondern sie spenden es sich gegenseitig. Der sakramentale Charakter unterstreicht auch die Unauflöslichkeit, welche auf das Wort Jesu[8] gegründet ist. Die Ehe eignet sich im Übrigen besonders gut, um die Definition dessen, was ein „Sakrament“ ist, verständlich zu machen: „Sinnlich wahrnehmbare, wirksame Zeichen der Gnade, die von Christus eingesetzt und der Kirche anvertraut sind…“[9] Weit über alles Symbolische, Rechtliche und Gesellschaftliche[10] hinaus bewirkt die Spendung des Sakraments etwas Reales, das sich nicht in der Verfügungsgewalt der Menschen befindet, sondern in Gottes Hand. Man könnte im Fall der Ehe geradezu sagen: Christus ist dabei „der Dritte im Bunde“.

… versus Pathologien von Ehe

Nach dem bisher Gesagten dürfte deutlich sein, dass manches, was in verschiedenen Gesellschaften unter dem Namen „Ehe“ vorkommt, weder mit der kirchlichen Lehre zu vereinbaren ist, noch mit der „Ökologie des Menschen“.  Eine Zwangsheirat kann niemals legitim geschlossen werden, auch wenn alle möglichen Formalitäten und Rechtsvorschriften äußerlich beachtet würden. Auch Polygamie widerspricht diametral dem, was dem Menschen gemäß und verantwortbar ist. Das Gleiche gilt für Scheinehen diverser Art, ob sie nun zum Erschleichen eines Aufenthaltsstatus geschlossen werden, oder zum „trickreichen“ Umgehen von Moralvorstellungen[11]. Die Liste ließe sich fortsetzen… Allen diesen „Ehen“ ist gemeinsam, dass es sich gewissermaßen um pathologische Fehlformen[12]handelt, die dem Sinn der Ehe diametral widersprechen.

Alle für die Ehe?

Aber lassen wir diese besonderen „pathologischen“ Fehlformen einmal beiseite. Sollten wir uns in einer von Egozentrik, Vereinsamung und Bindungsscheu gekennzeichneten Gesellschaft nicht zumindest darüber freuen, dass es überhaupt einen Trend gibt, der zurück zur Wertschätzung der Ehe zu führen scheint, selbst wenn es um Ehe in einem nicht-christlichen Sinne geht…? Immerhin scheint doch der allgemeine Ruf nach der „Ehe für alle“ Wertschätzung für diese altehrwürdige Institution zu beweisen.

Aber leider geht es dabei wirklich nur um gesellschaftliche Anerkennung, um Form, um eine Hülle mit anderem Inhalt. Ein berühmter Aphorismus des Philosophen Theodor W. Adorno lautet: „Es  gibt kein richtiges Leben im falschen“. Und so kann auch die Propagierung einer Ehe für alle  im falschen Kontext kein Heilmittel zur „Rettung“ der Ehe sein. Im Gegenteil; je beliebiger, je „diverser“ die Ehe scheint, desto geringer wird ihre Strahlkraft. Die Zukunft der Ehe ist gebunden an eine Renaissance des Christlichen in unserer Gesellschaft. Die christliche Ehe bleibt aber immer ein Angebot an alle Menschen guten Willens, eine Hoffnung für eine der Ökologie des Menschen gemäße Zukunft.


[1]Matrimony.

[2]Art. 6, 4 GG: „Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft“.

[3]Vgl. Teil 1 dieses Beitrags, letzter Absatz.

      Sehr bildhaft kommt das auch schon in der Schöpfungsgeschichte des AT zum Ausdruck: „…Es ist nicht gut dass der Mensch allein bleibt“ (Gen 2, 18; vgl. a. v. 23 f.)

[4]Katechismus der Katholischen Kirche. Kompendium. Nr. 71.

[5]Soweit diese nicht dem christlichen Menschenbild und der Lehre der Kirche widersprechen.

[6]Vgl. https://opusdei.org/de/article/die-ehe-berufung-und-weg-zu-gott/

[7]Rede vom 22. September 2011. Zit. nach: Benedikt XVI. Die Ökologie des Menschen. Die großen Reden des Papstes. München 2012. S. 32.

[8]Mt. 19, 6.

[9]Katechismus der Katholischen Kirche. Kompendium. Nr.224.

[10]Martin Luther sprach von der Ehe als einem „weltlich Ding“. In den protestantischen Kirchen hat sie daher nicht den Rang eines Sakraments. Dennoch teilte die evangelische Christenheit zumindest in der Vergangenheit  die Auffassung vom unauflöslichen Charakter der Ehe.

[11]Ein in manchen islamischen Gruppen (vor allem Zwölfer-Schia) gelegentlich anzutreffendes, im Islam sonst heterodoxes Verfahren („Mut’a“- oder „Sigeh“-Ehe, „Zeitehe“), das auch zur Tarnung von Prostitution genutzt werden kann.

[12]Papst Benedikt XVI. sprach in anderem Zusammenhang von „Pathologien von Religion“, wo es um das Phänomen extremistischer und gewalttätiger Praktiken im Namen einer Religion geht. Damit ist die Verfälschung und Verkehrung von Werten in ihr Gegenteil treffend beschrieben.