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In der heutigen Folge geht es um die ersten Schuljahre. Schon hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied bei den Interessen und beim Lernverhaltens der Geschlechter. Die Gleichbehandlung von Jungen und Mädchen im Schulalter erweist sich zunehmend als Nachteil für die Jungen.

Der vollständige Text ist auch als Heft 60 der Gelben Reihe erhältlich. Die Untertitel sind von der Redaktion hinzugef

Die ersten Schuljahre

Die im Kindergartenalter anberaumten Benachteiligungen der Buben verstärken sich im Schulalter in einem erheblichen Ausmaß. Entwicklungspsychologisch bedeutet die Zeit der Sechs- bis Zwölfjährigkeit für die Buben, in sportlichen Spielen die Muskulatur weiter auszubilden und sich in „handelnder Weltbewältigung“ (1) einzuüben.

Erkunden, Bauen, Jagen, Fußballspielen, Klettern, Schwimmen – das entspricht ihren Interessen. Stattdessen werden sie genötigt, viele Stunden pro Tag zu sitzen, in der Schule und bei den Hausaufgaben. Und vor dem Fernsehapparat, am Computer oder bei Videospielen setzt sich das dann – schon ganz und gar bei den Großstadtkindern ohne Auslauf – fort. Kein Wunder, dass sie zu Zappelphilippen werden! Eine unverständige Erwachsenengeneration hat sich für diese natürliche Reaktionsform der Jungen auf die unzureichende Möglichkeit, ihren Bewegungsdrang auszuleben, eine Erklärung ausgedacht: Das ADS-Syndrom, das – den angeborenen Geschlechtsunterschied markierend – bis zu 90% allein bei Jungen auftritt. (2)

Bewegungsbedürfnis der Jungen

Niemanden scheint diese Tatsache zu der Vermutung zu führen, dass es das viel zu weit und viel zu früh beschränkte Bewegungsbedürfnis der Buben ist, das solche „Leerlaufhandlungen“ (3) als Bewegungsunruhe hervorruft. Auf jeden Fall erscheint es als eine zweifelhafte Methode, diesem Umstand durch Dämpfung mit einem Medikament zu begegnen, dessen Spätschäden noch keineswegs hinreichend erforscht sind.

Konzentrationsunterschiede und ihre Folgen

Eins ist gewiss: Es fällt den Buben sehr viel schwerer als den Mädchen, sich auf den Schulstoff zu konzentrieren und die Hausaufgaben gehorsam und brav zu erledigen. Es gelingt ihnen deshalb auch kaum ohne ständige Aufsicht eines Erwachsenen. Das ist meistens die Mutter oder eine andere weibliche Bezugsperson, die nicht ohne weiteres Verständnis dafür hat, dass es dem Buben schwer fällt, das Lesen zu lernen und ordentlich, dazu orthographisch richtig, zu schreiben; denn im allgemeinen lernen das die Mädchen – wie einst auch bereits die Mütter – leichter.

Auch auf diesem Feld haben die Buben im allgemeinen also sehr viel mehr Zurechtweisung, Tadel, erzieherischen Unmutäußerungen, ja, Worten des Zweifelns an ihrer Intelligenz standzuhalten. Motivationssteigernd sind solche Einwirkungen nicht. Mädchen pflegen auch besser zuzuhören, und es entspricht mehr ihrer Natur, sich den Schulaufgaben interessiert zuzuwenden. Sie machen sogar aus Liebe zu einem Lehrer oder einer Lehrerin mit Eifer ihre Aufgaben. Das liegt den Jungen in diesem Alter fern.

Ergebnisse der Hirnforschung

Aber es gibt weitere erhebliche Erschwernisse für Buben in unseren Koedukationsschulen, die sie gegenüber den Mädchen weiter ins Hintertreffen geraten lassen: Immer deutlicher hat die Hirnforschung eine alte Beobachtung erhärtet: Die Sprechflüssigkeit ist bei den kleinen und großen Männern wesentlich geringer als die der Frauen. Ein Teil des Sprachzentrums im Gehirn, die Wernicke-Region, ist bei Männern um 30% kleiner als bei Frauen! (4)

Was können wir also anderes erwarten, als dass die Mädchen den Jungen im mündlichen Unterricht überlegen sind. Ja, nicht nur das: Auch beim Einprägen einer guten Orthographie kommen die Mädchen aufgrund ihres Hirnvorteils schneller voran, so dass sie – was die sprachlichen Fertigkeiten angeht – ein bis zwei Klassen den Buben voraus sind! PISA hat das jetzt voll bestätigt: In allen deutschen Landen, von den Alpen bis zur Flensburger Förde sind die 14jährigen Mädchen ihren gleichaltrigen Konkurrenten vom anderen Geschlecht im Lesen um 24 Punkte überlegen! (5)

Probleme mit Sprache

Zwar vermögen die Buben diesen weiblichen Vorteil im Rechnen, in den sachkundlichen Fächern und im Sport auszugleichen. PISA konstatiert: In allen deutschen Ländern – ohne auch nur einen Ausreißer! – haben die Jungen hier durchschnittlich um 20 Punkte in Mathematik und mit 10 Punkten in den Naturwissenschaften die Nase vorn. (6) Dennoch ist der schulische Vorteil der Mädchen vom Grundschulalter ab hier erheblich: Noch im Erwachsenenalter weisen die Männer im allgemeinen einen geringeren Wortschatz auf, sie sprechen weniger flüssig und langsamer, sie machen mehr grammatikalische Fehler. Sie lernen im Durchschnitt schwerer eine Fremdsprache – und daher ist der Dolmetscher- und Übersetzer-Beruf mehrheitlich mit Frauen besetzt.

Und weil deshalb die meisten neusprachlichen Philologen Frauen sind, geraten die kleinen Männer von Generation zu Generation immer wieder an Frauen als Lehrerinnen, die abermals ihre Schülerinnen vorziehen. Besonders für die vaterlosen Buben ist es deshalb ein Glücksfall, im Grundschulalter von einem Lehrer unterrichtet zu werden, den sie als Vorbild erleben und annehmen können.

Folgen der Koedukation

Aus diesen Forschungsergebnissen resultiert für Koedukationsschulen eine bedenkliche schulische Benachteiligung der Jungen, deren Folgen sich in Deutschland bereits deutlich abzeichnen. Im Jahr 1970 war hier das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen auf dem Gymnasium 51:49 Prozent zugunsten der Jungen. Seit 2001 aber sind es mit 46:54 Prozent die Mädchen, die auf den Gymnasien die Mehrheit haben. Hingegen hat der Anteil der Jungen auf den Hauptschulen eklatant zugenommen: 56% der Jungen im Verhältnis zu 44% Mädchen besuchen diese Schulform heute in Deutschland. (7) Dass damit durch unser Schulsystem eine Einbuße an qualifizierten männlichen Akademikern entsteht, die sich international konkurrenzmindernd auswirkt, lässt sich absehen.

Jungen sind die Verlierer

Die Gleichbehandlung von Jungen und Mädchen im Schulalter erweist sich bei genauer Betrachtung als eine die allgemeine Leistungskraft der Gesellschaft mindernde Benachteiligung für die Jungen: Weil die Kurve ihres Entwicklungstempos langsamer verläuft, weil unsere Schulform in den ersten acht Schuljahren den Interessens-Dominanzen des Jungen weniger entspricht, bleiben manche hinter den Mädchen zurück, erleiden Entmutigungen, büßen ihre Motivation ein und werden zum Wiederholen von Klassen mehr genötigt als ihre Klassenkameradinnen. Sie kommen infolgedessen später zum Abschluss ihrer Schullaufbahn. Kein Wunder, dass ihnen auch auf dem Arbeitsmarkt der Platz zunehmend mehr von Frauen streitig gemacht wird.


Anmerkungen
(1) A. Dührssen, Die biographische Anamnese unter tiefenpsychologischem Aspekt, Göttingen 1997
(2) B. Simonsohn, Hyperaktivität, Warum Ritalin keine Lösung ist, München 2001
(3) P. Leyhausen, Das Verhältnis von Trieb und Wille in seiner Bedeutung, S.56
(4) G. Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit, S.73
(5) Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.) PISA 2000 – Die Länder der BRD im Vergleich, S. 263 f.
(6) Vgl. zu den PISA-Ergebnissen die Ausführungen von G. Hovestadt, Mädchen und Jungen in der Schule, S.11f.
(7) BMBF, Grund- und Strukturdaten 2000/2001, S. 60 f.

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Christa Meves, geb. 1925. Studium der Germanistik, Geographie und Philosophie an den Universitäten Breslau und Kiel, Staatsexamen in Hamburg, dort zusätzliches Studium der Psychologie. Fachausbildung im Psychotherapeutischen Institut in Hannover und Göttingen. Freipraktizierende Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in Uelzen, Arztfrau und Mutter zweier Töchter, sechs Enkel. 1987 Konversion zum katholischen Glauben. Seit 1978 Mitherausgeberin der Wochenzeitung "Rheinischer Merkur". Verliehene Auszeichnungen, u.a. 1977 Goldmedaille des Herder-Verlags; 1978 Niedersächsischer Verdienstorden; 1979 Konrad-Adenauer-Preis der Deutschlandstiftung; 1985 Bundesverdienstkreuz erster Klasse; 1996 Preis für Wissenschaftliche Publizistik; 2000 Ehrenmedaille des Bistums Hildesheim; 2001 Deutscher Schulbuchpreis. Bisher 108 Buchpublikationen, Übersetzungen in 13 Sprachen. Gesamtauflage in deutscher Sprache: fünf Millionen Exemplare.