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Seit Victor Klemperer 1947 sein berühmtes Werk „LTI- Notizbuch eines Philologen“ über die Sprache der Nazi-Ideologen (LTI – „Lingua Tertii Imperii“) veröffentlichte, müsste sich in Deutschland eigentlich auf Dauer eine besondere Vorsicht bei der Prägung und Verwendung von Schlagworten und Redensarten durchgesetzt haben. 

Über die Jahrzehnte wuchs bei uns tatsächlich das Bewusstsein dafür, dass eine gedankenlose Verwendung von Begriffen nicht nur schlecht für den Stil ist, sondern auch negative Folgen für das kollektive Unterbewusstsein haben kann. Ein Blick auf den öffentlichen Diskurs unserer Gegenwart enthüllt allerdings neue Zweifelsfälle.

Sprache der Gewalt

Es hat lange gedauert, bis ein NS-Kampf- und Spottbegriff wie „Reichskristallnacht“ aus dem allgemeinen Sprachgebrauch in Deutschland verschwand. Den bösartigen Propaganda-Ausdruck hatten die NS-Ideologen geprägt, um ihre barbarischen Gewalt- und Hass-Exzesse durch Ironisierung zu verharmlosen.

Immer wieder war er noch nach dem Krieg in unterschiedlichen Zusammenhängen von Rednern und Autoren verwendet worden, um die Pogrome von 1938 zu benennen. Viele werden sich nicht klar gemacht haben, dass sie dabei nachträglich noch zum verlängerten Arm der Nazi-Propaganda wurden.

Unkritische Verwendung

Gottlob herrscht bezüglich der NS-Sprache längst erhöhte Aufmerksamkeit. Auch hat die gebräuchlich gewordene Übernahme der Selbstbezeichnung einer kleinen Gruppe extremistischer Serienmörder („NSU“) zweifellos nichts verharmlosendes. Dennoch sollte nachdenklich stimmen, dass letztlich doch wieder ein prahlerischer Propaganda-Ausdruck von (Neo-) Nazis unkritisch in der veröffentlichten Meinung verwendet wird.

Darin wiederholt sich in gewisser Weise, was mit der andauernden Verwendung des Begriffs „Drittes Reich“ bereits seit Jahrzehnten Normalität ist, war doch auch dies ein Kampfbegriff der Nazis, mit dem sie versuchten, die deutsche Geschichte im Sinne einer angeblich auf ihre Gewaltherrschaft zulaufenden, womöglich notwendigen Entwicklung verfälschend umzudeuten.

Verwirrung der Sprache

Merkwürdig bleibt auch, dass ein Transfer der Erfahrung mit „unmenschlicher“ Sprache in andere Bereiche öffentlichen Redens, die keinen direkten Zusammenhang mit der NS-Vergangenheit haben, offenbar erst recht schwer fällt. 

So muss es gläubigen Menschen jedes Mal einen Stich ins Herz geben, wenn wieder einmal in den Medien von „Gotteskriegern“ und ihrem Traum vom „Gottesstaat“ die Rede ist – geht es doch dabei um gewalttägigen Extremismus und Terrorismus, der nicht weiter von allem Göttlichen entfernt sein könnte. Wer ruchlosen Attentätern zugesteht, sie seien „Gotteskrieger“, der besorgt jedes einzelne Mal – ob wissentlich oder nicht – das Propaganda-Geschäft jener Extremisten.

„Kristallnacht“ und „Gotteskrieger“

„Kristallnacht“ und „Gotteskrieger“ – zwei Vokabeln aus dem Wörterbuch des „Diabolos“, des Verwirrers – so könnte man es zugespitzt sagen. Aber während der erste Fall historisch eindeutig zu verorten ist, stellt sich beim zweiten die Frage, was eigentlich hinter seiner Entstehung und Verwendung steht.

Die Sachlage ist komplexer als bei der „Sprache des Dritten Reiches“, und es ist kaum denkbar, dass dahinter eine ähnliche propagandistische Absicht steckt. Aber die Auswirkungen auf den öffentlichen Diskurs sind groß.

Gotteskrieger

Es fällt zunächst auf, dass der Begriff „Gotteskrieger“ in seiner breiten und undifferenzierten Verwendung eine deutsche Eigentümlichkeit zu sein scheint. In fremdsprachigen Publikationen finde ich diese Redeweise nicht.

Anders als im Falle „LTI“ ist es auch keine genuine Eigenprägung der Extremisten – so sehr es Salafisten im deutschen Sprachraum auch gefallen mag, dass man ihnen terminologisch so weit entgegen kommt. „Islamisten“ streben eine Staatsordnung an, in der das Scharia-Recht herrscht, sie träumen zuweilen vom Kalifat, sprechen vom Dar al-Islam, dem Haus des Islam bzw. vom Dar as-Salam. Dass damit ein „Gottesstaat“ gemeint sei, scheint mir eine Prägung deutschsprachiger Experten, Publizisten und Journalisten zu sein.

Kein Reich von dieser Welt

Dabei ist der Begriff des „Gottesstaates“ schon seit 1600 Jahren vergeben – und in gänzlich anderer Bedeutung. Ihn prägte im 5. Jahrhundert – rund zwei Jahrhunderte vor der Entstehung des Islam – der Kirchenvater Augustinus mit seinem Werk „De Civitate Dei“ („vom Gottesstaat“).

Vor dem Hintergrund des Untergangs des Weströmischen Reiches war Augustinus’ berühmtes Werk ein entscheidender Beitrag zur klaren Unterscheidung der weltlichen von der geistlichen Sphäre*. Der Gottesstaat im Sinne des Augustinus ist eben gerade nicht identisch mit der konkreten Staatsordnung (Civitas Terrena) in einem gegebenen historischen Kontext.

„Nicht von dieser Welt“

Die Civitas Dei, das Reich Gottes, ist nicht von dieser Welt und kann nicht mit der Civitas Terrena identifiziert werden. Mit Augustinus’ „Gottesstaat“ lag schon im fünften Jahrhundert in theologisch reifer Form die typische Unterscheidung von geistlicher und weltlicher Sphäre vor, die trotz aller Irrungen und Wirrungen der Geschichte seither konstitituiv für das Christentum geblieben ist.

In der islamischen Tradition findet sich gerade diese Unterscheidung nicht. Es ist daher – gelinde gesagt – irreführend, die totalitär monistischen Vorstellungen radikaler Islamisten von einer Ordnung, in der Staat und Religion, Öffentlichkeit und Privatspäre einheitlich erfasst und gleichgeschaltet werden sollen, ausgerechnet mit dem Begriff „Gottesstaat“ zu belegen.

Was ist noch „unchristlich“?

Steht hinter dieser begrifflichen Idiosynkrasie im deutschen Sprachraum eine Absicht, oder gar ein Konzept? Ich bin kein Anhänger von Verschwörungstheorien; außerdem lässt sich die Sprache nicht so einfach per Dekret oder Verabredung manipulieren. Aber ein verbreitetes Vorurteil, ein gesellschaftlich akzeptierter Mangel an Sensibilität ist doch das Mindeste, was ein polemischer Begriff wie der des „Gotteskriegers“ oder des „Gottesstaates“ braucht, um im allgemeinen Sprachgebrauch heimisch zu werden.

Religionskritische Stimmung?

Dazu reicht auch nicht die lange Kette von Meldungen über Gewaltakte extremistischer Islamisten, denn wie käme es sonst zu einer generell religionskritischen Stimmung? Dass Religion – und gerade die christliche Religion – hierzulande nicht mehr mit allgemeinem Wohlwollen gesehen wird, ist jedenfalls offensichtlich.

Das drückt sich natürlich auch in der Sprache aus. Noch bis Ende des zwanzigsten Jahrhunderts konnte man Worte und Taten von Hetzern und Übeltätern unterschiedlicher Provenienz zugleich treffend und allgemeinverständlich als „unchristlich“ verurteilen. Der gesellschaftliche Konsens, den die Verwendung eines solchen Wortes voraussetzt, ist längst vergangen.

Anti-religiöse Vorurteile

Zumindest die veröffentlichte Meinung scheint nicht nur „Religion“ mit „Gewalt“ leicht zusammen bringen zu können, sondern sogar „christlich“ mit „extremistisch“. Teils wirken da schwarze Legenden über die Kirche nach, teils nutzt in einem agnostisch dominierten Meinungsumfeld eine neo-atheistische Lobby die sprachliche Bresche, um mit ihrer„Predigt“ über die Religion als Gefahr für den Frieden ein generell anti-religiöses Vorurteil im kollektiven Unterbewusstsein zu verankern.

Sehr schnell kann ein sprachlich gefasstes Vorurteil Wirkungen im politischen Raum entfalten; die Geschichte ist voll von Beispielen dafür. Dann weht den Betroffenen bald ein kalter Wind ins Gesicht, und sie müssen sich mehr und mehr für ihre Traditionen rechtfertigen, wobei vor dem Tribunal einer „kritischen Öffentlichkeit“ im Zweifel gegen sie entschieden wird.

Multiplikatoren und Meinungsbildner sollten eigentlich immer auf ihre Sprache achten und sich bewusst machen, dass Sprache ein Herrschaftsinstrument sein und einzelne Menschen und Gruppen von Menschen, speziell Minderheiten, verletzten und gefährden kann. So etwas wäre zutiefst unchristlich – aber wissen wir noch, was das heißt?


*Vgl. hierzu: Martin Rhonheimer, Christentum und säkularer Staat. Freiburg 2012. S. 54 ff.