Leitfaden für faule Eltern

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Tom Hodgkinson

Leitfaden für faule Eltern.

Ein Erziehungsbuch, das mit dem Versprechen im Titel daherkommt, ein „Leitfaden für faule Eltern“ zu sein, kann darauf rechnen, vor allem von jenen Eltern gekauft zu werden, die sich als besonders gestresst und in ihrer Erziehungsaufgabe überfordert fühlen. Es ist ein ganz und gar unorthodoxes gegen alle pädagogischen Trends stehendes Buch, das man gerade deswegen so leicht nicht wieder aus der Hand legt. Aber inwieweit kann Tom Hodgkinson auch sein Versprechen einlösen?

Das Leben mit den Kindern genießen

Tom Hodgkinson ist mit seinen Büchern „Anleitung zum Müßiggang“ und „Die Kunst, frei zu sein“ zum Bestseller-Autor geworden. Seine Bücher weisen ihn aus als eine Art Lebenskünstler, wie wir es auch gerne sein möchten. Er hat sich mit seiner Frau und seinen drei Kindern auf einer Farm in Devon ein Leben eingerichtet, wie wir es uns auch manchmal erträumen. Und seine Maxime für sein Leben mit seiner Familie lautet: Die Zeit mit den Kindern genießen und sie in Ruhe aufwachsen lassen, ohne ständig an ihnen herum zu erziehen.

Er plädiert für eine Befreiung von der Vorstellung unserer modernen Gesellschaft von „perfekter Elternschaft“, wo das Kind im Mittelpunkt steht, ständig unterhalten und beschäftigt, mit Spielmaterial versehen, bewacht, kontrolliert und beaufsichtigt werden muss, wo sich weder das Kind zu einer selbständigen Persönlichkeit entwickeln kann, noch die Eltern ihr eigenes Leben leben können. Den Kindern mehr Freiheit geben heißt, sich weniger in ihre Belange, in ihre Spiele, in ihr Selbständig-Werden einmischen – und dazu braucht es „faule“ Eltern.

Natürliche Elternschaft

Hodgkinson ist bei Rousseau und Locke in die Schule gegangen, die er manchmal etwas zu unkritisch eins zu eins ins Heute überträgt. So propagiert er, sich an der Natur zu orientieren, von all den technischen Zwängen, dem Spielzeugkonsum, der unnatürlichen Lebensweise zu befreien: „Natürliche Elternschaft ist leicht und sanft. Sie erfordert wenig Arbeit und bringt starke, gesunde, einzigartige, selbstbewusste Kinder hervor…. Wir wollen sie in ihrer einzigartigen Individualität aufwachsen lassen, wir wollen, dass sie zu dem werden, was sie sind.“ (S. 81)

Aber Hodkinson weiß auch, dass die Natur nicht alles alleine besorgt. So kommt er schließlich zu dem Ergebnis: „Faule Eltern werden sich, so glaube ich, wahrscheinlich auf ein Verhältnis von einem Drittel Natur und zwei Dritteln Erziehung einigen wollen. Das würde bedeuten, dass wir im Leben unserer Kinder nicht völlig unwichtig sind, dass das meiste aber doch bei ihnen liegt.“ (S. 91)

Unorthodoxe, aber interessante Erziehungsratschläge

Der Autor neigt dazu, die Dinge immer auf die Spitze zu treiben, trifft dabei aber auch meist einen Punkt, der im Argen liegt in unserer Erziehung; inwieweit sich aber seine Ratschläge in die Tat umsetzen lassen, ist eine andere Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss.

Homeschooling

In seinem Kapitel „Nieder mit der Schule“ prangert er das bürokratisch organisierte Schulsystem an, das den Kindern Freiheit und Kreativität raubt, um sie möglichst früh auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Er kritisiert, dass der Staat sich viel zu viel in die ethischen Erziehungsziele einmischt, dass der Schulalltag zu lange dauert, und kommt zu dem Schluss, dass „Homeschooling“ oder ähnlich flexibel zu handhabende Systeme am besten der Individualität der Kinder entsprechen.

Basteln und Bauen mit Holz und Gerümpel

Anstelle von Plastikspielzeug für Kinder, das ihre Fantasie beschränkt, anstelle des ständig laufenden Fernsehers oder Computers empfiehlt er „Basteln und Bauen mit Holz und Gerümpel“. Kinder vom Klavier- zum Sport- und dann zum Sprachunterricht mit dem Auto karren, Familienausflüge im Auto zu Vergnügungsparks und ähnliche Stress erzeugende Unternehmungen hält Hodkinson für absurd und schädlich. Dafür ist Musik und Tanz angesagt, einfache, selbst erfundene, kreative Spiele, vor allem in der freien Natur, möglichst mit vielen anderen Familien, die den Kindern freien, unbeschwerten Lauf lassen.

Nicht überbehüten

Viele weitere kluge Ratschläge finden sich in dem Buch, die eines gemeinsam haben: den Kindern möglichst viel Freiheit zu lassen, sie nicht zu gängeln oder „overprotected“ ständig unter Kontrolle zu halten, ihre Kreativität zu fördern. Was Eltern davon für ihre eigene Erziehung übernehmen wollen, müssen sie selbst entscheiden. Jedenfalls wird ihnen Mut gemacht, sich ein wenig zurück zu nehmen (also fauler zu sein), nicht jeder Erziehungsneuigkeit hinterher zu rennen, ihren eigenen Stil zu finden und glücklich möglichst viel Zeit mit ihren Kindern, solange sie noch klein sind, zu verbringen.