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(Foto: Baseler Münster – Martinsturm)

Sankt Martin ist wahrscheinlich der heute noch beliebteste und bekannteste Heilige, einer, der auch in unserer säkularisierten Gesellschaft weithin gefeiert wird. Vor allem von Kindern. Die Laternenumzüge, Lieder und Aufführungen, manchmal sogar mit dem Auftritt eines echten Pferdes, begeistern Kinder, und sie vermitteln zugleich das sympathische Bild eines Menschen, der auf vorbildliche Weise praktische Nächstenliebe übt. Die Geschichte von dem römischen Soldaten des vierten Jahrhunderts, der seinen Reitermantel mit dem Gladius in zwei Teile schneidet, um mit der einen Hälfte einen armen Mann vor dem Erfrieren zu retten, ist ja auch wirklich bestens dazu geeignet, für gelebte Mitmenschlichkeit zu werben. Selbst „religiös unmusikalischen“ Zeitgenossen, Agnostikern, aber auch Angehörigen anderer Religionen hat diese unsterbliche Geschichte etwas zu sagen; das mag ein Grund dafür sein, dass es immer noch so viele Teilnehmer an Martinsumzügen gibt. Und das ist uneingeschränkt gut. Eine wesentliche Pointe der Geschichte geht aber oft verloren.

Der Hl. Martin ist keine Märchenfigur, auch wenn die ein wenig kindliche Art der Begehung seines Gedenktags, des 11. November[1], manchmal diesen Eindruck erwecken könnte. Sein Leben ist vielmehr sehr gut bezeugt und in vielen Biographien beschrieben worden[2]. Geboren 316 in Pannonien (heute Ungarn), wuchs er in Pavia in Italien auf, trat in jungen Jahren in die Armee ein und diente in Germanien und Gallien. Geographisch gesehen also ein wahrhaft europäisches Leben[3], was ihn heute um so interessanter macht. Im Alter von 42 Jahren quittierte Martin den Militärdienst, wurde Eremit, Mönch, Klostergründer. Gegen seinen Willen wurde er 371 zum Bischof von Tours gewählt. Schon zu Lebzeiten stand er „im Ruf der Heiligkeit“, und auch ohne ein epochales schriftliches Werk hinterlassen zu haben, wirken sein Leben und sein Beispiel bis heute nach.  

Allein die Beschäftigung mit seinem Leben hält wichtige Lehren bereit. Eine schöne Legende erzählt davon, dass er sich vor der ungewollten Berufung zum Bischofsamt in einem Stall versteckt habe, aber durch das Schnattern der Gänse verraten worden sei. Der wahre Kern dieser netten Geschichte[4] ist die tatsächlich sicher bezeugte Tatsache, dass Martin sein mönchisches Leben der Andacht und der Nächstenliebe nicht für ein hohes Amt aufgeben wollte. Eine deutliche Erinnerung daran, dass Karrieredenken und Eitelkeit eigentlich Ausschlussgründe bei der Besetzung hoher Ämter in der Kirche sind. Auch seine Auffassung von der notwendigen Trennung der kirchlichen Sphäre von der weltlichen Gewalt mutet höchst aktuell an; in gewisser Weise gilt das auch für seinen vorbildlichen Umgang mit Frauen und sogar seine Liebe zu Tieren.

Lauter interessante Aspekte, die belegen, dass an diesem Heiligen mehr ist, als man denken mag. Es wäre gewiss ein leichtes, Martin von Tours als „Reformer“ und „großen Europäer“ zu beschreiben, als Mann, der zugleich seiner Zeit voraus und doch ganz dicht an den Wurzeln, an der Quelle seines Glaubens war – gewissermaßen als Inkarnation des guten Samariters[5]. Aber das ist noch nicht die eigentliche Pointe der Geschichte vom geteilten Mantel. Denn diese geht nach dem Akt praktischer Nächstenliebe noch weiter. Was geschah nach der Rückkehr von seinem denkwürdigen Ritt, auf dem er den frierenden Bettler traf? Im Traum sah er den Armen wieder, und aus ihm sprach plötzlich Christus selbst zu ihm. Der Hl. Martin erlebte also ganz hautnah, was Jesus mit den Worten des Gleichnisses gemeint hatte: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt Ihr mir getan[6]“.

Und genau das ist der eigentliche Kern dieser wunderbaren Geschichte: In unserem Nächsten, besonders im leidenden Mitmenschen, begegnet uns Christus. Das Beispiel des Martin von Tours lehrt uns nicht nur die praktische Nächstenliebe, Caritas/Agape[7], es will uns uns auch zu Christus führen. Das ist kein frommer Zusatz, sondern der eigentliche Zweck der Geschichte. Die unspektakuläre Begegnung mit dem frierenden Bettler hat das Leben Martins grundlegend verändert und ihm eine Berufung gezeigt, von der er sicher nichts geahnt hatte. Nun werden nicht viele Menschen eine so dramatische Wende erleben, wie der Hl. Martin. Dennoch können wir, wenn wir wieder einmal einen Martinsumzug sehen, ein Martinslied hören, oder eine Abbildung des beliebten Heiligen betrachten, uns ruhig einmal vorstellen, was wir wohl tun würden, wenn wir eine Begegnung wie Sankt Martin hätten; und sei es nur im Traum…


[1]Er starb am 8.11.397; der 11.11. war der Tag seiner Beisetzung in der Bischofsstadt Tours.

[2]Vgl. z.B.: Judith Rosen: Martin von Tours. Der barmherzige Heilige. Darmstadt 2016.

[3]Eigentlich ein typisch „römisches“ Leben natürlich; was aber der Aktualität keinen Abbruch tut.

[4]Eine Geschichte mit quasi kulinarischem Hintergrund: Eine Art Volksethymologie, die zu erklären sucht, woher der Brauch mit den „Martinsgänsen“ kommt.

[5]Vgl. das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, Lk 10, 25-37.

[6]Matth. 25, 40.

[7]Vgl. den Beitrag zur „theologischen Tugend“ der Liebe: