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(Foto: Delphi)

Filmische Qualität:   5 / 5
Regie:Michel Hazanavicius
Darsteller:Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman, James Cromwell, Penelope Ann Miller, Missi Pyle, Ed Lauter, Beth Grant, Ken Davitian, Bitsie Tulloch, Bob Glouberman
Land, Jahr:Frankreich 2011
Laufzeit:100 Minuten
Genre:Dramen
Publikum:ab 12 Jahren
Einschränkungen:
im Kino:1/2012
Auf DVD:9/2012

Der Übergang von Stumm- zum Tonfilm kann als der größte Umbruch schlechthin in der Kinogeschichte bezeichnet werden. Für die Schauspieler bedeutete dies eine ungeheure Umstellung: Plötzlich war das betonte, theaternahe Mienenspiel der großen Gesten nicht mehr gefragt. In den Jahren 1928/1929 gingen viele Schauspielerkarrieren zu Bruch, darunter etwa auch die von Asta Nielsen (1881–1972): Der wohl größte Star des Stummfilms drehte einen einzigen Tonfilm. Der französische Drehbuchautor und Regisseur Michel Hazanavicius hat nun mit „The Artist“ diese Zeit wiedererstehen lassen, den er folgerichtig als Stummfilm in Schwarzweiß drehte.

Bereits der aufwändige, präzis gezeichnete Vorspann und das 1,33:1-Bild-Format evozieren die 1920er Jahre. Die erste Sequenz spielt denn auch in einem vollbesetzten Kinosaal im Jahr 1927. Auf der Leinwand wird der neue Film mit Charmeur George Valentine (Jean Dujardin) gespielt, begleitet von der Livemusik aus dem Orchestergraben mit der ebenfalls Stummfilm-Anmutung. Die Stummfilm-Optik verbindet Hazanavicius allerdings mit moderner Technik. Kameramann Guillaume Schiffman drehte in Farbe, weil das heutige Schwarz-Weiß „viel zu scharf, viel zu genau und kontrastreich“ sei, sodass etwa die Gesichter vom Licht weicher modelliert werden. Darüber hinaus findet Guillaume Schiffman ebenfalls eine gute Balance zwischen den statischen Einstellungen und den Kamerabewegungen. Dies stellt er bereits in der ersten Sequenz unter Beweis, als er den Kinosaal schräg filmt, sodass die Leinwand und das Publikum gleichzeitig zu sehen sind. Weil „The Artist“ bis auf zwei Szenen vollständig als Stummfilm gedreht wurde, spielt die Filmmusik eine herausragende, ja tragende Rolle.

„The Artist“ ist der bereits erwähnte George Valentine, der sich nach der Premiere zunächst auf der Bühne zusammen mit seinem kleinen Jack Russell-Terrier Uggie feiern lässt und dann vor dem Kinoeingang unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen ein Bad in der Menge nimmt. Im Getümmel schafft es die junge, temperamentvolle Peppy Miller (Bérénice Bejo), an Georges Seite abgebildet zu werden, sodass die beiden am nächsten Tag auf der Titelseite der großen Tageszeitungen zu sehen sind. Davon ermutigt, nimmt Peppy an einem Casting teil, bei dem sie im neuen Film mit George Valentine eine kleine Rolle bekommt. Obwohl sich die beiden auf den ersten Blick sympathisch sind, bleibt der Charmeur seiner Frau Doris (Penelope Ann Miller) treu. Der erfahrene Schauspieler gibt der Anfängerin einige Tipps, aber die beiden verlieren sich aus den Augen. Als sie sich nach einiger Zeit wiedersehen, hat sich Hollywood grundlegend verändert: Zusammen mit dem Tonfilm ist Peppys Stern kometenhaft gestiegen, während sich George weigert, sich anzupassen: Er setzt weiterhin auf den Stummfilm, was unweigerlich zu seinem Niedergang führt.

Obwohl das Drehbuch keine allzu große Originalität für sich beanspruchen kann und sich dementsprechend die Dramaturgie eher konventionell ausnimmt, besticht der Film wegen der Inszenierung nach Art klassischer Hollywood-Stummfilme etwa durch die Gestik der Schauspieler, aber auch durch seine geradlinige Erzählweise. Michel Hazanavicius fängt die auf grundsätzlichen menschlichen Empfindungen basierende, für das klassische Hollywood charakteristische Melodramatik hervorragend ein. Zwar wirft „The Artist“ auch Seitenblicke auf das sogenannte alte Studio-System, etwa in der Person des Produzenten Al Zimmer (John Goodman), der als harter, allein bestimmender Geschäftsmann mit weichem Kern gezeichnet wird. Im Mittelpunkt des Filmes von Michel Hazanavicius stehen jedoch die zwei Hauptcharaktere – was wiederum auf die Bedeutung der Stars zu einer Zeit hinweist, als die Filme fast ausschließlich von den Schauspielern lebten.

„The Artist“ lebt denn auch von den Schauspielern. Jean Dujardin gestaltet seinen George Valentin als eine Mischung aus Rudolph Valentino und Douglas Fairbanks, als den gefeierten Darsteller, der gerne im Mittelpunkt steht und sich seine Würde bewahrt, selbst nachdem er von allen vergessen wird. Bérénice Bejos Peppy Miller bleibt trotz ihres Aufstiegs das einfache, herzensgute Mädchen, das ihr einstiges Idol aus der Lethargie erwecken möchte. Auch in den Nebenrollen bestens besetzt mit den bereits erwähnten John Goodman und Penelope Ann Miller, aber auch mit James Cromwell als treuem Butler und Chauffeur von George sowie mit dem großartigen Hund Uggie (der in Cannes 2011 den „Palm Dog Award als bester Hundedarsteller“ gewann), ist die Schauspielführung seitens des Regisseurs besonders hervorzuheben. Er zügelt die heutigen Sehgewohnheiten übertrieben erscheinende Gestik der Darsteller, die sich zwar bühnennah ausnimmt, weil sie allein die inneren Empfindungen darstellen muss, die aber in keinem Augenblick grotesk erscheint.

Auf dem Filmfestival von Cannes 2011 wurde Jean Dujardin als Bester Schauspieler ausgezeichnet. „The Artist“ gewann drei Golden Globes (darunter „Bester Film des Jahres“ und „Beste Regie“).