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Auch ohne den aus Amerika eingewanderten „Halloween“-Effekt scheint der Anfang des Monats November etwas Gruseliges zu haben, etwas Bedrückendes. Da geht es an Allerheiligen und Allerseelen doch ausdrücklich um Tote… Nicht sehr erbaulich, oder? Traditionell ging man am 2. November auf den Friedhof, um an den Gräbern zu beten. In einer gründlich säkularisierten Gesellschaft hat das stark abgenommen; man geht wohl noch zum Friedhof, lässt da ein paar Blümchen zurück, und vielleicht auch ein paar Gedanken an die lieben Verstorbenen, je nachdem, wie lange die da schon liegen. Die Grabpflege wird aber lieber „out-ge-sourced“ und der Gedanke an den Tod so gut es geht verdrängt. Manch einer ist froh, dass am 11.11. die Karnevalssaison beginnt; spätestens dann kommt man „auf andere Gedanken“. Schade eigentlich, denn diese zwei Tage am Anfang des Monats haben in Wirklichkeit gar nichts Düsteres. Im Gegenteil!

Aber der Reihe nach; fangen wir mit „Allerheiligen“ an. Der Name dieses uralten christlichen Festes spricht für sich. Man kennt ja die Gedenktage der großen Heiligen, und manche ihrer Namen haben auch im verweltlichten Kalender unserer Tage überdauert, wie zum Beispiel Silvester, der heilig gesprochene Papst aus dem vierten Jahrhundert, der den Kaiser Konstantin getauft hat. Seinen Namenstag kennt nun wirklich jeder. Der Tag des heiligen Martin ist mindestens ebenso berühmt, auch wenn die meisten Zeitgenossen nicht mehr viel von dem Bischof aus frühchristlicher Zeit wissen wollen. Neben den ganz berühmten Heiligen gibt es natürlich noch viele andere, und für jeden Tag des Jahres findet man in den üblichen Heiligenkalendern gleich mehrere Männer und Frauen, die einmal von der Kirche „zur Ehre der Altäre“ erhoben, also formell „heiliggesprochen“ wurden.

Nun ist es aber so, dass es eine Unzahl Menschen gegeben hat und weiterhin gibt, überall und zu allen Zeiten, die ein „heiligmäßiges“ Leben geführt haben, ohne dass sie „offiziell“ entsprechend verzeichnet und geehrt wurden. Man kennt die meisten dieser Heiligen gar nicht – weil sie sich in der Stille des Alltags bewährt haben, in entfernten Winkeln gelebt und gewirkt, oder sogar unerkannt und vergessen ein unbeachtetes Martyrium erlitten. Es geht auch um diese unzähligen Heiligen, die vielleicht bei den Menschen vergessen sind, nicht aber bei Gott. Ihnen allen gilt der Festtag Allerheiligen.

Das Allerheiligenfest ist also äußerst demokratisch und besteht jeden Diversitätstest. Es ist auch sehr ermutigend, weil das Wort „Heiliger“ dadurch seine überhöhte Konnotation verliert. Heilige sind eben nicht religiöse Schwerathleten, die wir anhimmeln wie Hollywood-Stars, oder die wie Halbgötter in unerreichten Höhen zu schweben scheinen. Vielmehr macht uns das Allerheiligenfest klar: Das ist die Berufung eines jeden Menschen. Vorbilder sind sie gewiss, diese Heiligen, aber wenn wir an ihre gewaltige Zahl denken, dann können wir uns ermutigt fühlen, auch dazu gehören zu können.

Was aber ist mit dem Fest Allerseelen? Leider haben die meisten Zeitgenossen eine Art Allergie gegen traditionell kirchliche Ausdrücke und Redeweisen entwickelt; und das kann man ihnen nicht verdenken, angesichts des unaufhörlichen hyperkritischen Tenors, mit dem man in unserer Gesellschaft Kirchenthemen und Christentum bedenkt, soweit sie überhaupt noch der  Erörterung gewürdigt werden. Jedenfalls ist ein Wort wie „Allerseelen“ extrem schwer anschlussfähig im öffentlichen Diskurs.

Wiederum lohnt es sich genauer hinzusehen: Hier geht es darum, aller Verstorbenen zu gedenken, für sie zu beten und sie der göttlichen Barmherzigkeit anzuempfehlen. Ein Akt der Liebe und der Demut. Wir maßen uns kein Urteil an über die Verstorbenen. Aber im Wissen, dass Gott jeden Menschen liebt, beten wir für ihr Heil. Wir können hier einmal beiseite lassen, welchen Status diese  Seelen haben (ich empfehle dazu die Lektüre des Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 1020 ff. und 1030 ff.). Entscheidend ist, dass die Kirche für sie betet; sie sind nicht nur „unvergessen“ oder „in guter Erinnerung“, sondern wir wissen, dass wir etwas für sie tun können, in liebender Verbundenheit. Man mag den Besuch des Friedhofs als Äußerlichkeit abtun, und gewiss ist ein zu Lebzeiten geschenkter Blumenstrauß besser, als einer auf dem Grab. Aber unterschätzen wir nicht die Kraft der äußeren Zeichen; sie zeigen nicht nur für alle sichtbar die Verbundenheit mit den Verstorbenen, sondern sie geben auch den Lebenden Kraft und Gelassenheit.

Das Fest Allerseelen ist zudem gerade in einer Zeit tröstlich, in der viele Menschen vereinsamt sterben, manche schon zu Lebzeiten fast vergessen; und das sind leider sehr viele, nicht erst seit Beginn der Pandemie. Alle diese „armen Seelen“ sind in das Gebet der Gläubigen mit einbezogen, alle die einsam und vergessen verstorben sind, auch jene die unversöhnt starben, mit Schuld und Bitterkeit beladen.

Es lohnt sich also diese beiden Tage ernst zu nehmen. An ihnen ist nicht Gruseliges, nichts Morbides oder Unheimliches. Ganz im Gegenteil! Es sind Tage der Hoffnung und des Trostes, der Besinnung und der Gemeinschaft.