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In allen von „Wokeness“ geprägten Ländern sieht sich die Katholische Kirche mit Vorwürfen und Attacken konfrontiert, die sie dazu zwingen wollen, eine „politisch korrekte“ Geschlechterperspektive einzunehmen und sich von ihren Werten und Traditionen zu verabschieden. Mehr und mehr zeichnet sich ab, dass auf den gesellschaftlichen Diskurs auch staatlicher Zwang folgen könnte, natürlich immer in „geordneten“, rechtlich ausgefeilten Verfahren. Aber hat die Kirche wirklich ein überholtes Frauenbild? Braucht sie Nachhilfe des vom Gender-Denken geprägten Zeitgeistes? Muss die Bibel am Ende noch zensiert, müssen Kruzifixe wieder einmal abgehängt werden?

Bildersturm gefällig?

Auch in der Kirchengeschichte hat es gelegentlich Zeiten des Ikonoklasmus[1] gegeben, der sich aber nicht durchsetzen konnte, sondern als Irrlehre überwunden wurde. So im 8. Jahrhundert vor allem im byzantinischen Reich, z.T. auch in der Reformationszeit in Mitteleuropa. Motiv war die vermeintliche Unzulässigkeit bildhafter religiöser Darstellungen.[2] Was wir heute im Westen erleben ist allerdings eher eine Art ikonographischer Analphabetismus bzw. eine bewusste Ausblendung der entscheidenden Interpretationsebene. Dadurch wird die von „Wokeness“ befeuerte Jagd auf „falsche“ Bilder, Traditionen und Aussagen zusätzlich angeheizt. Schon werden auch ehrwürdige Zeugnisse christlicher Kunst inkriminiert und ihre Entfernung aus der Öffentlichkeit, gar ihre Zerstörung gefordert – von ethnisch missbilligten Kruzifixen über Statuen bekannter Missionare bis hin zum denunzierten Kreuz auf der Kuppel des Berliner Stadtschlosses.

Die Würde der Geschlechter

Was aber wäre gewonnen, wenn sich der Drang zum Beseitigen christlicher Symbole, zur Verbannung kirchlicher Ikonographie und zur Zensur katholischer Lehre in der Gesellschaft durchsetzen sollte? Wie lange würde das „Werte-Gerüst“ der Gesellschaft noch halten? Und wäre damit die Rolle der Frau in der Gesellschaft verbessert? Hilft es den Frauen, wenn sich die Gender-Lobby durchsetzt? Was bedeutet das Christliche überhaupt für die Geschlechter?

In der jüdisch-christlichen Tradition ist die heute so vehement bezweifelte natürliche Zweigeschlechtlichkeit des Menschen von Anfang an verwurzelt, und zwar unabhängig von zeitgebundenen Vorstellungen über die Rolle in der Gesellschaft. Schon die Genesis enthält Hinweise auf die gleiche Würde beider Geschlechter: Gott schuf den Menschen „als sein Abbild“ und „als Mann und Frau schuf er sie“[3]. Und damit ist nicht gemeint, dass in Gott ein männliches und ein weibliches Prinzip nebeneinander bestehen, sondern dass beide Geschlechter auf je unterschiedliche Weise, aber in gleicher Würde, den göttlichen Funken enthalten. Zur vollen Entfaltung kam das jedoch erst in der Lehre und im Wirken Jesu. Und deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Situation der Frau in allen Gesellschaften dramatisch verbesserte, wo auch immer sich das Christentum verbreitete (zuerst im Römischen Reich).[4]

Was ist nun mit Gottvater?

Aber zurück zu der Frage, ob nicht zumindest der Begriff „Gottvater“ ein patriarchalisches Weltbild vermittele oder sogar Gott unzulässigerweise mit geschöpflichen Eigenschaften assoziiere. Diese Frage ist nicht unerheblich, weil sie als Ausrede für das Einschleusen von Gendersprache in Lehre und Liturgie verwendet werden kann – nach dem Motto: Wenn schon „Gottvater“, dann auch „heilige Geistkraft“.

Nun liegt zunächst der Hinweis nahe, dass es bei der bildhaften Rede vom väterlichen Gott nicht um Geschlechterrollen geht, sondern um die liebende Fürsorge dessen, der seine Geschöpfe mit quasi elterlicher Liebe umfängt, wie eine Mutter ihr Kind[5]. Aber das ist nicht das Entscheidende. Die christliche Rede von Gott dem Vater ist nur verständlich aus dem Zusammenhang der Trinitätslehre[6]. Gott ist (und war immer) Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das Vatersein ist also ein innertrinitarisches Geheimnis und hat nichts mit menschlichen Vorstellungen von Geschlecht und Patriarchat zu tun. Sprechen wir von Gott dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, dann geschieht das in der Absicht, das offenbarte Geheimnis der Trinität und der Personalität Gottes fassbar zu machen. Nicht zu verwechseln mit der Zweigeschlechtlichkeit in der geschaffenen Welt.

Menschwerdung

In der katholischen Lehre gibt es kein geschaffenes Wesen, das einen höheren Rang innehat, als die GottesmutterMaria[7], denn Gott der Sohn wurde von dieser  Frau geboren. Für gläubige Katholiken ist deshalb der verehrungswürdigste Mensch aller Zeiten kein Papst und kein Heiliger, kein großer Gelehrter, Prophet oder Wohltäter, sondern diese Frau. Die Menschwerdung[8] Gottes aus der Jungfrau Maria ist die größtmögliche Erhöhung der Frau, die es geben kann. Insofern wird in der Marienverehrung die Würde der Frau in unüberbietbarer Weise bestätigt. Das gibt es in keiner anderen Religion, von säkularistischen Ideologien[9] ganz zu schweigen.


[1]Bilderstürmerei. Das Wort enthält schon einen Hinweis auf die Radikalität dieser Bewegungen, die religiöse Bilder jeder Art zerstören.

[2]In äußerst gewalttätiger Form heute z.B. bei den „Taliban“ und ähnlichen Radikalen verbreitet.

[3]Gen. 1, 27.

[4]Vgl. den Beitrag „Die Kirche und die Frauen“: https://erziehungstrends.info/die-kirche-und-die-frauen

[5]So schon in den Psalmen und bei den Propheten des AT. Vgl. z.B. Jes. 66, 13:  „Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich Euch…“

[6]Vgl. dazu: Katechismus der Katholischen Kirche. Kompendium. München 2005. Zweiter Abschnitt.

[7]Siehe Anm. 4

[8]Mit den religionsgeschichtlich bekannten mythischen Eskapaden diverser Götzen (z.B. in der griechischen Mythologie) zur Erzeugung von Halbgöttern oder Mischwesen, wobei Frauen nur als Objekte der Begierde vorkommen, hat die Inkarnation, die Menschwerdung Gottes, nicht das Geringste gemein.

[9]Dass sich diese Ideologien letztlich immer wieder zum Nachteil der Frauen auswirken, zeigt sich z.B. bei dem aggressiven Vorgehen der radikalen Transgender-Ideologie in ihrem Kampf gegen den „klassischen“ Feminismus.