Die Fastenzeit vor Ostern hat begonnen, und es lohnt sich, darüber nachzudenken, was wir daraus machen. Geht es nur um Verzicht auf Speisen und Getränke? Oder gibt es einen weiteren spirituellen Rahmen?

Papst Leo XIV. gibt uns in seiner Fastenbotschaft[1] eine treffende, für manche Zeitgenossen vielleicht überraschende Antwort: Nutzen wir die Fastenzeit dazu, mehr zuzuhören, weniger scharf zu urteilen und mehr Gemeinschaft zu suchen!

Auch das klassische Fasten als solches ist wieder beliebt geworden, es liegt sogar regelrecht im Trend, wenn auch eher aus diätetischen, als aus spirituellen Gründen (vgl. den Beitrag „Durch die Wüste“[2]).

Und was ist mit den anderen beiden Elementen, die in der abendländischen Tradition zur Fastenzeit gehören: Almosengeben und Beten? Die Spendenbereitschaft ist in Deutschland seit jeher stark ausgeprägt. Wir sprechen natürlich nicht mehr gern von „Almosen“, aber dass wir Menschen in Not helfen sollten, diese christliche Tugend ist – Gott sei Dank – vielen Menschen in Fleisch und Blut übergegangen.

Nur das Beten scheint ein wenig in den Hintergrund zu treten – obwohl doch alle anderen Fasten-Praktiken und Gewohnheiten ihren Sinn und ihr Ziel verlieren, wenn sie nicht vom Gebet begleitet werden.

Wozu beten?

Teil 1: Realität oder Illusion?

Betriebssystem des christlichen Glaubens

Aus historischer Erfahrung wissen wir: man kann den Christen ihren Glauben madig machen oder verfälschen, sie verleumden und aus der Öffentlichkeit verdrängen, man kann christliche Symbole und Erziehung verbieten, Kirchen niederbrennen und Priester verfolgen – die Kirche lebt, solange die Menschen beten[3]. Das Gebet ist gewissermaßen das Betriebssystem, das den Organismus der Kirche am Laufen hält. Was auch immer darin geschieht, karitativ oder in der Verkündigung, in Liturgie und Theologie, im Gemeindeleben und in der Mission, es kann nur „funktionieren“, wenn das „Betriebssystem“ in Ordnung ist[4].

Kulturchristentum auch ohne Gebet?

In unserer weithin säkularisierten Gesellschaft scheint das kaum mehr „anschlussfähig“ zu sein, im Gegenteil: gesellschaftlich gewollt, oder zumindest geduldet, ist nur noch eine Art „Kulturchristentum“, das sich als sozial und kulturell nützlich erweist. Man erfreut sich der „Errungenschaften“ dieser Religion, erkennt vielleicht sogar an, wie groß die Kulturleistung des Christentums ist[5], aber vom spirituellen Kern will man wenig wissen. Auch viele Kirchenmitglieder möchten sich nicht öffentlich beim persönlichen Gebet „erwischen lassen“, so als sei das peinlich. Deshalb ist zum Beispiel das Tischgebet aus der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden, selbst unter gläubigen Christen. Es wird vielfach als „zu viel“ empfunden, oder als „zu privat“.

Dahinter verbirgt sich eine Haltung, die zwar noch „irgendwie“ mit Gott rechnet, theoretisch um die Bedeutung von Kirche und Glauben weiß, aber das alles quasi als gesellschaftliche Veranstaltung begreift, oder als intellektuelle Übung für den Sonntag, während das Alltagsleben in einer gepflegt säkular-neutralen Umgebung zu verlaufen habe. Für das Beten ist dann nur Platz in bestimmten, fest umrissenen und gesellschaftlich „normalen“ Zusammenhängen: In der Kirche, bei offiziellen Feiern, in Ausnahmesituationen, fröhlichen und traurigen. Auf diese Weise lebt man als Christ gewissermaßen ein Doppelleben: eines, das überwiegende, das ganz an das säkularisierte Umfeld angepasst ist, und ein anderes, das christlich ist, sich aber nur noch in „kirchlichen Situationen“ abspielt[6].

Mit dem solcherart zurechtgestutzten Kulturchristentum verhält es sich freilich wie mit einem Strauß Blumen: schön anzusehen und zunächst gut für unsere Stimmung; aber wenn die Verbindung zu den Wurzeln einmal abgeschnitten ist, dann welken sie schnell dahin.

Innerer Monolog oder Gespräch mit Gott?

Aber, so mag man einwenden, gibt es denn eine Alternative? Ist das nicht das Beste, was wir heute noch erhalten können? Manch einer mag sogar sagen, das Beten sei ohnehin Zeitverschwendung, reines Selbstgespräch, womöglich Autosuggestion, oder wie sonst noch die altbekannten, pauschal religionskritischen Einwände lauten mögen. Die damit verknüpfte Neigung zu Agnostizismus und Atheismus, wie sie in unseren westlichen Gesellschaften so weit verbreitet sind, ist freilich historisch gesehen ein bizarrer Ausreißer, eine extreme, materialistische Fehlentwicklung, die der menschlichen Natur widerspricht[7].

Von dem großen Philosophen, Theologen und Kirchenlehrer Augustinus stammt der Literatur gewordene Seufzer: „Geschaffen hast du uns auf dich hin, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“[8]. Darin ist eine tiefe spirituelle und anthropologische Wahrheit ausgedrückt. Vergisst oder verdrängt man diese Seite des menschlichen Wesens, dann fehlt uns etwas, auch wenn wir es nicht benennen können, und das – wie jede Art der Verdrängung – trägt nicht zu unserem Glück bei, kann uns vielmehr unglücklich und sogar krank machen[9].

Glaube und Vernunft

Hüten wir uns vor falschen Alternativen! Es ging nie darum, sich zwischen Glaube und Vernunft zu entscheiden. Auch die Vernunft ist eine Gottesgabe, derer wir uns zu bedienen haben, das wussten die Christen eigentlich schon immer, und die großen Theologen der Kirchengeschichte haben es immer wieder betont, von Thomas von Aquin bis Johannes Paull II.[10] und Joseph Ratzinger. Glaube und Vernunft brauchen einander[11] – eine blinder Glaube, der die Vernunft verwirft, ist ebenso defizitär, wie ein szientistisches Leugnen jeder Transzendenz. Gelebten Glauben gibt es aber nun mal nicht ohne das Gebet, wovon nicht nur sämtliche Heilige Zeugnis ablegen, sondern ausweislich des Neuen Testaments auch schon Jesus Christus selbst.

Aktion und Kontemplation

Es gibt noch ein etwas abgewandeltes Argument gegen das Gebet, eines, das man in gewissem Umfang sogar in kirchennahen Kreisen finden kann: Müssen wir nicht handeln, statt zu beten? Ist nicht Aktion gefordert in unserer konfliktgeladenen Welt, mit all ihrem Elend? Aktion statt Kontemplation? Handeln statt Beten? Als ob das ein Gegensatz wäre…

Wir tragen Verantwortung für unser Leben und Handeln, und wir tun, was wir können. Das gehört zu unserem Wesen, und Beten ist nicht die Verlängerung des menschlichen Handelns, es ersetzt auch nicht die Eigenverantwortung. Das so missverstanden Gebet wäre quasi ein Akt der Magie, ein Instrument, das wir einsetzen, um Ziele zu erreichen.

Die Stimme Gottes

In Wahrheit aber ist das Gebet in erster Linie Ausdruck einer lebendigen Beziehung, der Beziehung zu dem uns liebenden Gott. Das Gebet ist – in allen seinen vielfältigen Formen – weder ein Monolog, noch eine abzuleistende Pflicht; es ist Austausch, Dialog im Wortsinne[12]. Aber eine Antwort werden wir darin erst dann vernehmen, wenn es uns gelingt, die lärmenden Stör- und Hintergrundgeräusche abzuschalten, die so oft die Stimme Gottes übertönen. In diesem Sinne lohnt es sich, die vielen schönen Formen des christlichen Gebetes einmal näher zu betrachten und jene besonders einzuüben, die uns diesem Ziel persönlich näher bringen.

Bild: Christus in der Wüste – Ivan Kramskoi, 1872 – Tretjakow-Galerie, Moskau

(Wird fortgesetzt)


[1]https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2026-02/papst-leo-xiv-fastenbotschaft-2026-wortlaut-deutsch.html

[2]https://erziehungstrends.info/durch-die-wueste

[3]Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür sind die „verborgenen Christen“ in Japan, die vom Ende des 16. bis Ende des 19. Jahrhunderts unter schwersten Verfolgungen und in vollständiger Isolation ausharrten und ihren katholischen Glauben bewahrten.

[4]Papst Benedikt XVI. sprach davon, dass auch die Kirchen „durchbetet“ sein sollten, nicht nur während der Hl. Messe, sondern durchgängig. Das ist der eigentliche Sinn und Zweck von Sakralbauten, nicht die „Event-Location“ Kulturkirche.

[5]Ein besonders krasses Beispiel ist der bekannte radikal atheistische Publizist Dawkins, der neuerdings den kulturellen Wert des Christentums erkannt zu haben scheint.

[6]Vgl. dazu bei St. Josefmaria: https://opusdei.org/de/article/im-geist-und-in-der-wahrheit-die-einheit-des-leben/

[7]Vgl. dazu auch Bischof Robert Barron: https://www.youtube.com/watch?v=00rSltdHWPw

[8]Augustinus, Bekenntnisse.

[9]Es ist medizinisch nachweisbar, dass religiöse Menschen im Schnitt deutlich glücklicher und stressresistenter sind als Atheisten, mit messbaren Auswirkungen bis in die Physiologie.

[10]Vgl. die Enzyklika „Fides et Ratio“ von Papst St. Johannes Paul II.: https://www.vatican.va/content/john-paul-ii/de/encyclicals/documents/hf_jp-ii_enc_14091998_fides-et-ratio.html

[11]Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., hat sein ganzes Lebenswerk gewissermaßen der Aufgabe gewidmet, die enge und notwendige Verbindung von Glaube und Vernunft aufzuzeigen.

[12]Altgr. διάλογος (diálogos) – von διά (dia), „durch“ / „vermittelst“, und λόγος (Logos), „Wort“ / „Gespräch“.