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Die ersten Wochen der Ausbildungszeit gehen rasch vorüber und es nahen die Ostertage. „Zwei Wochen Ferien!“ – die ersten neidischen Spötter melden sich zu Wort. Der „Brückentag“ vor dem 1. Mai tut sein Übriges, wenn man ein beliebtes Vorurteil bestätigt wissen will: „Lehrer haben vormittags Recht und nachmittags frei“ – herrlich, dieses Leben! „Wann gehen wir Tennis spielen?“ Ein erster Blick hinter die Kulissen bereitet den Referendar dann aber doch auf die Realität vor.

Die Brillen der Ausbilder

Kaum einer der Kollegen hat oder ist in den Ferien wirklich „frei“. Gerade in diesem Jahr, wo die Ministerien wieder einmal landauf, landab Neuerungen einführen und so auf diverse nationale Bildungskataströphchen reagieren, stehen den geduldigen Staatsdienern die Schweißperlen auf der Stirn. Meine unmittelbare Tischnachbarin, eine engagierte junge Frau, die Kette raucht und nach einem abenteuerlichen Ausflug an die Gesamtschule wieder in ruhigere Gymnasialgefilde zurückgekehrt ist, bereitet nebenbei noch zwei Klassenfahrten vor. Auf eine will sie mich direkt mitnehmen. Ich lehne dankend ab: „Ich bekomme doch bald Besuch und muss mich gut vorbereiten!“

Der erste Unterrichtsbesuch

Mein Fachleiter Dr. Mayer will sich ein Bild von mir machen. Auch den Hauptseminarleiter Dr. Raiffeisen bitte ich gleich mit dazu. Bei meiner Kollegin durfte ich bereits Nachbesprechungsluft schnuppern. Im Fach Sport konnte sie glänzen – die Brille des Fachleiters war ordentlich geputzt. Die Tage vor meinem ersten Unterrichtsbesuch sind von Unsicherheit und Spannung gekennzeichnet. Vom Kollegium erhält man mitleidige Blicke, aufmunternde Kommentare und ganz viel Kaffee.

Besorgt erkundigt man sich nach dem Befinden, den Stunden, die man schlafen konnte, dem Thema, das man behandeln will. Die Mittelstufenklasse, welche Teil der Show werden wird, kennt mich seit gut vier Wochen. Ihr eigentlicher Deutschlehrer ist ein geradliniger Mann mit „klarer Ansage“. Bei ihm herrscht Ordnung wie in den 50er Jahren. Gelernt wird auch, und zwar reichlich. Die Jungen und Mädchen freuen sich dennoch, dass mal ein jüngerer Lehrer vor ihnen steht. Mich nehmen sie nicht nur an, sondern auch noch für voll. Die Generalprobe gelingt, jetzt können die Besucher kommen.

Meine erste Vorführstunde läuft ganz ordentlich ab. Zwar kann ich meinen Plan nicht ganz einhalten und vergesse auch noch, die Hausaufgaben vor dem Klingeln zu stellen, doch insgesamt bin ich unmittelbar nach Ende der Stunde zufrieden. Aber welche Brillen werden meine Ausbilder aufgezogen haben? Was wird mich wohl erwarten? Alle verlassen das Klassenzimmer mit Pokerface. Nur ich versuche, mit einem entspannten Lächeln und flapsigen Bemerkungen die Stimmung zu meinen Gunsten aufzulockern. 

Und dann die Nachbesprechung

Ich setze mich, meine Kollegin hat den Nachbesprechungstisch gedeckt: es gibt frischen Kaffee, Wasser und süßes Knabberzeug. Der Hauptseminarleiter zückt den Protokollstift und dann geht es los. Das Hohe Gericht tagt. Und putzt die Brillen. Schnell gehe ich nochmal das im Seminar Gelernte durch: Subjektivität, Konstruieren der Wirklichkeit, Wahrnehmungsbrillen, Halo-Effekt, Rosenthal — wie war das nochmal? Inhaltliche Brille, formale Brille, sozio-emotionale Brille, Leitungsbrille, puh! Ich bin bereit für das Urteil.

Zunächst fragt man mich nach meinem Eindruck. Keine Ahnung, was ich sagen soll. Wer schaufelt sich schon gern sein eigenes Grab? Und zu viel Eigenlob könnte wie eine Provokation aufgefasst werden. Nun ja, ich war ganz zufrieden, nur am Ende der Stunde wurde es etwas unstrukturiert. Wahrscheinlich war meine Planung daneben oder meine Linie nicht eindeutig genug. Die Schüler waren auch nicht so aktiv. Vielleicht hätte ich sie mehr mit einbeziehen müssen.

Glücklicherweise sehen das meine Ausbilder nicht so. Sie haben heute die sozio-emotionale Leitungsbrille auf. Und durch die sah mein Unterricht ganz ordentlich aus: gutes Verhältnis zu den Schülern, klare, verspielte Sprache, souveränes Auftreten, Lächeln und Loben, all das fällt den Beobachtern diesmal überaus positiv auf. Ich bin erleichtert, gieße Kaffee nach. Meiner Kollegin fällt ebenfalls ein Stein vom Herzen. Es ist ein bisschen wie nach der ersten Fahrstunde, wenn man so etwa 17 ist. Man weiß genau, dass man in diesem Stil noch nicht die Prüfung am Ende bestehen würde, aber alle scheinen erst einmal froh zu sein, dass man den Gang einlegen konnte und bei rot gebremst hat. Es wird mir eine erfolgreiche Zukunft prognostiziert, wenn die Entwicklung so weitergeht.

Große Anteilnahme

Ich hätte nach diesem Erlebnis gern die Sektkorken knallen lassen, aber dafür reicht weder mein eigenes noch das Budget der Schule. Als der ganze Spuk vorüber ist, stürzt das Kollegium auf mich ein: wie war´s? Alles gut gelaufen? Waren die lieb zu dir? Die Fragen sind ernst gemeint, die Anteilnahme ist nicht gespielt oder geheuchelt. Alle scheinen noch aus eigener Erfahrung zu wissen, wie man sich als kleiner, mieser Studienreferendar so fühlt, so ganz allein vor dem Hohen Gericht. Erleichterung macht sich auch bei meinen Kollegen breit. Sowohl ich als auch meine Kollegin sind angekommen im Referendariat. Es geht munter weiter.

Zu den anderen Teilen der Artikelserie

Teil 1
Teil 3
Teil 4