Lesezeit: ≈ 3 Minuten

„Ich liebe dich, weil du du bist“ bedeutet: „Ich erkenne, wer du bist; ich erfasse dich in deinem unverwechselbaren Wesenskern – und ich bejahe dich so, wie du bist.“ Eheliche Liebe (wie überhaupt jede Liebe) hat zunächst einmal mit Erkenntnis zu tun: Nur wenn ich jemanden kenne, dann kann ich ihn lieben. Und wenn ich ihn liebe, dann möchte ich ihn immer mehr kennenlernen.

Erkennen des anderen

Umgekehrt gilt auch, daß ich Freude daran habe, wenn der, von dem ich mich geliebt weiß, immer besser mich kennenlernt. Deshalb suchen Liebende das Gespräch und die Gegenwart der geliebten Person, in immer intensiverer Form. Es hat einen tiefen Sinn, daß die Bibel die geschlechtliche Gemeinschaft „erkennen“ nennt.

Wir kennen den anderen und kennen ihn doch wieder nicht, denn jeder Mensch ist ein unergründliches Geheimnis. Je weiter wir in die Tiefe unseres eigenen Seins oder das eines anderen Menschen hineingehen, umso mehr entzieht sich uns das, was wir erkennen möchten. Trotzdem hält die Liebe den Wunsch wach, in den innersten Wesenskern des anderen einzudringen. Und nur sie kann uns – wenigstens ein Stück weit – offenbaren, wie der andere wirklich ist.

Wahre Liebe macht sehend

Wahre Liebe macht sehend, nicht blind. Wenn ich jemanden gern habe, dann merke ich zum Beispiel, daß er sich ärgert, auch wenn er es zu überspielen versucht. Dann kann ich auch tiefer blicken und erfassen, daß der andere Angst hat oder sich schuldig fühlt. Sein Ärger ist also nur Ausdruck eigener Unzufriedenheit. Ich sehe in dem anderen dann den verängstigten und verwirrten, den leidenden und nicht den erbosten Menschen. Liebe führt zum Verständnis.

Am Beginn einer Ehe ist es wohl nur sehr unvollkommen möglich, den anderen zu erkennen, wie er wirklich ist – und die Entwicklung vorauszusehen, die er nehmen wird. Dazu braucht es Jahre des Miteinanders. Die Erkenntnis, die man mit der Zeit erwirbt, kann schmerzlich, aber auch befreiend sein. Vielleicht entspricht der andere nicht meinen ersten Eindrücken, nicht meinem Traumbild. Ich sehe immer mehr auch seine Grenzen und Schwächen, seine Fehler und Unvollkommenheiten.

Das Traumbild

Doch je mehr ich mich von meinem Traumbild löse, desto tiefer erfasse ich auch die Einmaligkeit des anderen Menschen. (Jeder lebende Mensch ist ein Original; Phantasieprodukte dagegen sind höchst stereotyp, wofür die Kitschromane serienmäßig Beweise liefern.) Ich kann mir bewußt machen, daß der andere so ist, wie niemand vor ihm war und niemand nach ihm sein wird. Mit der Zeit erfasse ich dann immer mehr auch seine tiefsten Möglichkeiten. Ich erfasse also nicht nur, wie er ist, sondern auch, wie er sein kann und sein soll, wie seine Vollendung, seine tatsächliche „Selbstverwirklichung“ aussehen könnte.

Mir wird immer klarer, wie Gott ihn von Ewigkeit her gewollt hat und für alle Ewigkeit haben möchte. Daher gehört der Himmel auf irgendeine Weise zu jeder wahren Liebe mit dazu. Der Himmel ist hier als jener Ort zu begreifen, an dem alles vollkommen verwirklicht ist. Je mehr ich jemanden liebe, desto tiefer schaue ich in ihn hinein und desto mehr ahne ich etwas von seiner endgültigen Vollendung. Auch in diesem Sinne bringt die Liebe gewissermaßen den Himmel auf die Erde.

Die Realität

Das Erkennen des anderen soll uns natürlich nicht aus dem Leben entführen; es soll uns tief darin verankern. Je mehr ich erfasse, wie ein anderer ist und sein soll, desto mehr muß meine Liebe zu ihm wachsen. Ist dies nicht der Fall, so wird die Erkenntnis wieder schwinden, und es bleibt nur die enttäuschte und resignierte Erinnerung an ein Scheinbild, an eine Illusion. In dem Maße aber, in dem meine Liebe zunimmt, spüre ich den Wunsch, daß der andere möglichst gut, möglichst vollkommen, möglichst „er selber“ sei, und ich werde bereit, ihm dabei zu helfen. Ich sehe immer mehr, daß meine persönliche Verwirklichung darin besteht, dem anderen zu seiner Verwirklichung zu verhelfen.

Vorheriger ArtikelEltern sollten Alternativen zu politisch korrekter Erziehung anbieten
Nächster ArtikelEin guter Rat vom Dalai Lama
Jutta Burggraf (* 1952 in Hildesheim; † 5. November 2010 in Pamplona) war eine deutsche Theologin. Burggraf erhielt 1996 einen Ruf auf die Professur für Ekklesiologie, insbesondere für Theologie der Schöpfung, ökumenische Theologie und feministische Theologie an der Universität Navarra. Burggraf war auf der 7. Ordentlichen Bischofssynode, die vom 1. bis 30. Oktober 1987 in Rom stattfand, als Expertin geladen und hat an der Vorbereitung des Apostolischen Schreibens Christifideles laici zur „Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt“ von Papst Johannes Paul II. mitgewirkt. Sie war seit 1996 korrespondierendes Mitglied der Pontificia Accademia Mariana Internazionale (PAMI). --- „Sie war zeitlebens eine Kämpfernatur; sie war verantwortungsbewusst, arbeitsam, zäh. Sie liebte das einfache Leben, freute sich an der Freizeit und hatte einen Sinn für alles Schöne. Sie war ihren Freundinnen eine echte Freundin.“ So hat Prälat Rafael Salvador, der Vikar der Delegation des Opus Dei in Pamplona, Spanien, Jutta Burggraf charakterisiert, die am 5. November nach schwerer, mit Gottvertrauen getragener Krankheit von uns gegangen ist.