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Bildungs- und Lernerfolge benötigen authentische Lehrkräfte 

Grundlage jeglicher Erziehung ist das leidenschaftliche Verhältnis eines gereiften Menschen zu einem Heranwachsenden im Rahmen eines voraus denkenden Entwurfs. Dabei geht es nicht um die Lebensvorstellungen eines Erwachsenen, sondern um die Entwicklung aller positiven Potentiale eines Kindes bzw. Jugendlichen unter Einschluss von Regelungen zum Umgang mit weniger förderlichen Anlagen. Dieser Bezug ist nachhaltig, wenn innerhalb dieses Geschehens auch ein fairer und ermutigender Wertediskurs stattfindet. Fehlt dieser, gehen auf Dauer wichtig zu tradierende Erfahrungen, Kenntnisse und Verhaltensübereinkünfte verloren.

Letztlich verhindert eine dominante Gleichaltrigen-Orientierung, welche immer stärker zu beobachten ist, eine lebendige Kommunikations-Struktur zwischen den Generationen, unterminiert den Transfer wichtiger kultureller bzw. ideeller Werte und schafft auf Dauer eine Spaltung der Gesellschaft, wie dies der kanadische Entwicklungs-Psychologe Gordon Neufeld zum Ausdruck bringt. Nicht selten unterstützt die ältere Generation diesen Vorgang, meist unbewusst oder aus einem falschen Toleranzverständnis, indem sie sich schweigend dem notwendigen Diskurs entzieht oder sich gar offensiv den Verhaltensweisen, Denkmustern und Normen der Jüngeren anzuschließen sucht.  

Dieses beziehungs-orientierte Lehr-Lern-Verständnis beinhaltet ergänzend eine passgenaue Antwort auf zwei Problembereiche. Einerseits auf den großen Hunger vieler Kinder nach authentischen Bezugspersonen auf dem Hintergrund der ausgeprägten Ich-Bezogenheit und Vereinsamung vieler Kinder innerhalb beziehungsarmer oder gar zerrütteter Familien.

Andererseits verstärkt der zwar notwendige und auch sinnvolle Einsatz medialer Hilfsmittel im Unterricht den Ruf nach „echten Menschen“, um den Einsatz digitaler Techniken innerhalb des schulischen Lern- und Bildungsauftrags wirksam werden zu lassen. Denn für Botschaften wie: „Du bist mir wichtig!“ „Ich traue dir dies zu!“ „Toll, dass du dies geschafft hast!“ „Ich werde dich weiter unterstützen!“ oder zu Mitteilungen von Gefühlen taugt jedenfalls kein Bildschirm-Kontakt. Nur direkte „analoge“ Zuwendungen können die Motivationsbasis schaffen, trotz eigener Trägheit und einer daraus resultierenden Lern-Entwöhnung sowie vieler schädlicher Zeitgeistströmungen ein eigenständiges und selbstverantwortliches Leben erlernen zu wollen. Denn in einer medienaffinen Welt gerät leicht aus dem Blick: Das Herz des Menschen schlägt immer noch analog!

Ein Allround-Curriculum: „Ich kann, ich will, ich werde!“

Die enormen Veränderungen innerhalb globaler Wirtschaftsprozesse mit den Phänomenen Wettbewerbs-, Kosten-, Zeit- und Veränderungs-Druck sowie den sich daraus zwangsläufig ergebenden Unsicherheits-Potenzialen verlangen nach einer angemessenen Vorbereitung, um den alltäglichen Anforderungen des Lebens in Beruf, Partnerschaft, Familie und Gesellschaft gewachsen zu sein. Den Lehrkräften bieten sich dazu folgende Basis-Lernziele im Zusammenwirken mit den Schülerinnen und Schülern an:

Erlernen des Lernens im Sinne der Aneignung: Wie viel Geschick, Anstrengung, Gedächtnisleistung, Übungstraining, Kreativität, Kombinationsfähigkeit und Zeit sind notwendig, um das Ziel X oder Y zu erreichen?

Erlernen des Lernens im Sinne der Handhabung: Auf welche Weise finde ich heraus, was wo und wie funktioniert?

Erlernen des Lernens im Sinne der Wirkung: Was führt zu welchen technischen, ökonomischen, biologischen, ökologischen, finanziellen und psychischen Reaktionen?

Erlernen des Lernens im Sinne der Verantwortung: Welche Anwendungen bzw. Entscheidungen fördern, behindern bzw. verhindern das Zusammenleben? 

Das Bemühen, sich selbst und andere wirkungsvoll zu führen, ist eine täglich neue Herausforderung. Sie baut darauf, ein möglichst tragfähiges Selbstkonzept entwickelt zu haben. Dazu benötigen die Heranwachsenden wichtige und verlässliche Bezugspersonen, welche ihnen, so Carl Rogers, möglichst umfangreich bedingungslose Liebe, Wertschätzung, Echtheit, Interesse, Autonomie, Anregung, Unterstützung, Sicherheit, Geborgenheit entgegenbringen und  sich selbst und anderen halbwegs gewachsen sind.

So wichtig eine ausgeprägte Selbstführungsfähigkeit auch ist, wir werden immer neu – und meist restlos unerwartet – mit unseren „inneren Begrenztheiten“ konfrontiert werden, wie dies der Individual-Psychologe Alfred Ader vor ca. 100 Jahren verdeutlichte. Diese Erfahrung ist am ehesten in Demut anzunehmen. Gleichzeitig ist immer neu viel Mut, Elan und Kraft notwendig, sich dennoch weiterzuentwickeln.

Der Gefahr, uns dabei zu überschätzen, kann durch ein Aufgreifen eines Impulses von Janusz Korczak, dem durch seinen selbstlosen Einsatz für Kinder im Warschauer Getto bekannt gewordenen Arzt und Pädagogen, begegnet werden: „Du kannst den anderen nur so weit bringen, wie du selbst gekommen bist.“ Erst wenn wir als Lehrkräfte den Unterricht lebensnah, inspirierend, mitreißend und glaubwürdig gestalten, werden sich auch die uns anvertrauten Schüler beherzt mit externen und internen Widerständen auseinandersetzen können bzw. wollen, Neues wagen und innovativ ihren Lebensweg gehen. So können anstelle von Gleichgültigkeit, Resignation oder einer sich stark ausbreitenden Ohne-mich-Haltung kontinuierlich Stärke, Widerstandskraft und soziale Verantwortung wachsen. Das ist der in die Zukunft weisende Bildungsauftrag der Schule. 

Die Geschwindigkeit des Wandels verlangt, dass sich Lehrkräfte und Schüler in einer neuen Achtsamkeit begegnen, welche dem Postulat verpflichtet ist, aufeinander angewiesen zu sein. Worauf es daher heute mehr denn je ankommt, ist, dass möglichst alle Schülerinnen und Schüler  die Erfahrung machen, nicht wie ein Rädchen innerhalb einer Maschine zu funktionieren, sondern sich als selbst regelnde Mitwirkende in das Geschehen einer zunehmend flexiblen zu gestaltenden Organisation einzubringen. Dazu sind Lehrkräfte als Identifikations-Personen erforderlich, die bereit und befähigt sind, ihre Schülerschaft überzeugend hinter sich zu bringen und mitzunehmen zu können. 

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Dr. Albert Wunsch ist Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler, Diplom Pädagoge und Diplom Sozialpädagoge. Bevor er 2004 eine Lehrtätigkeit an der Katholischen Hochschule NRW in Köln (Bereich Sozialwesen) begann, leitete er ca. 25 Jahre das Katholische Jugendamt in Neuss. Im Jahre 2013 begann er eine hauptamtliche Lehrtätigkeit an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Essen / Neuss. Außerdem hat er seit vielen Jahren einen Lehrauftrag an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf und arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater sowie als Supervisor und Konflikt-Coach (DGSv). Er ist Vater von 2 Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern. Seine Bücher: Die Verwöhnungsfalle (auch in Korea und China erschienen), Abschied von der Spaßpädagogik, Boxenstopp für Paare und Mit mehr Selbst zum stabilen ICH - Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung, lösten ein starkes Medienecho aus und machten ihn im deutschen Sprachbereich sehr bekannt.