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Vor Jahren hatte ich einmal das Privileg, ein kurzes Vieraugengespräch mit dem Dalai Lama zu führen. Das Oberhaupt der tibetischen Buddhisten war zu Besuch in Japan, wo er sehr viele treue Anhänger hat. Eine japanische buddhistische Organisation hatte zu einem Treffen mit ihm eingeladen. Am Ende der Veranstaltung gab es die Gelegenheit zu jenem kurzen persönlichen Gespräch.

Wie hältst du‘s mit der Religion?

Ich wusste, dass ich die wenige Zeit nicht mit Smalltalk vertun durfte und hatte daher eine präzise Frage vorbereitet: Wie sieht der Dalai Lama die Rolle des Buddhismus im Westen? Kurz zuvor hatte ich von Äußerungen gelesen, die er bei einer ähnlichen Versammlung in Ulan Bator gemacht  und in denen er die kulturelle Verwurzelung des Buddhismus in Asien betont hatte; es sei nicht gut, wenn die Menschen ihre kulturellen Wurzeln vergäßen. Darauf bezog ich mich.

Der Dalai Lama nahm meine Frage freundlich auf und kleidete seine Antwort in eine kleine Geschichte: Vor einiger Zeit habe er in Indien eine Dame aus vornehmer tibetischer Familie getroffen (auch sie lebte dort offenbar im Exil). Sie habe von ihrer Erziehung in einer katholischen Schule berichtet, und dass sie als Christin aufgewachsen sei. „Im nächsten Leben“ aber, so habe sie hinzugefügt, werde sie wieder Buddhistin. Der Dalai Lama beendete seine kurze Erzählung mit jenem  herzlichen Lachen, für das er bekannt und beliebt ist und kommentierte die seltsame Beichte der Dame mit den Worten, da komme doch nun wirklich „alles durcheinander“ und so etwas führe nur zu völliger Verwirrung.

Zwischen Religion und Wellness

Ging es ihm darum, dass die Familie der Dame sich besser an den Mehrheitsglauben der Tibeter gehalten hätte, oder sollte sie nicht vielmehr ihrem christlichen Glauben treu bleiben, der den Gedanken an „Wiedergeburt“ ausschließt? Begrenzte Zeit und diplomatische Höflichkeit verboten hier ein Insistieren. Im dem Gespräch wurde aber schnell deutlich, dass der Dalai Lama nichts von der synkretistischen Selbstbedienungsmentalität in Sachen Spiritualität hält, die im „Westen“ verbreitet ist. So amüsierte er sich über bestimmte „Buddhismus-Kurse für Manager“ und ähnliche, halb der Religion, halb der Wellness-Industrie zuzurechnende Angebote in Amerika und Europa, die mit dem wirklichen buddhistischen Glauben nicht viel zu tun hätten. Zwar freue er sich mit allen, die davon profitierten („wenn es ihnen nützt…“); er war jedoch erkennbar skeptisch, wie gesund die Basis dieser Praktiken sei.

Karussell der Spiritismen


Alle Menschen suchen nach Sinn in ihrem Leben, und deshalb kann es gar nicht ausbleiben, dass  Meditationskurse auch Glaubenssplitter vermitteln, die nach und nach zu unterschiedlichen religiösen Mosaiken zusammengesetzt werden, welche dann ein recht gebrochenes Bild bieten. Da verbinden sich Residuen christlichen Glaubens mit „Buddhismus light“ und in seltenen Fällen auch mit ein wenig Kabbala oder etwas Sufi-Spiritualität. Dabei sind die Übergänge zwischen Wellness und Religion oft fließend. Die meisten Besucher von Yoga-Kursen in Deutschland dürften zwar mehr an ihren Blut-Kreislauf denken, als an einen Kreislauf der Wiedergeburten, und die echten Reinkarnations-Gläubigen in unseren Breiten werden auch kaum ahnen, wie schlecht es um ihre Chancen zur Wiedergeburt als Mensch steht[1].

Auch Reiki- und Meditationskurse bedienen vorrangig psychosomatische Bedürfnisse, allerdings mit starker Neigung zum pantheistisch Religiösen und  Anklängen an eine Art Neo-Animismus[2]. Hinzu kommt der blühende Markt der Horoskope und Spiritismen für verunsicherte Gutgläubige auf der Suche nach Sinn und Transzendenz. In unseren Breiten scheinen viele dieser Angebote vordergründig harmloser Natur zu sein, gefährlich nur für den Geldbeutel[3]. Man darf aber nicht vergessen, wie leicht dadurch der Weg zu tatsächlicher Lebenshilfe und echter Spiritualität versperrt wird, so dass die Betreffenden am Ende oft leer und verzweifelt auf der Strecke bleiben.

Oft liegt das Gute doch so nah…

Das bunte Treiben auf dem Markt der echten und falschen spirituellen Möglichkeiten in unserem Land (sogar die organisierten Agnostiker und Atheisten drängen auf diesen Markt) wirkt auf mich wie eine aufgeregte Menschenmenge am Ufer eines breiten, reißenden Flusses, den alle mit diversen, lebhaft angepriesenen Schwimmhilfen und Gummibooten zu überqueren trachten, ohne in der Hektik zu bemerken, dass ganz in der Nähe eine feste Brücke ans andere Ufer führt.

Nehmen wir den guten Rat des Dalai Lama in diesem Sinne ernst und schauen wir wieder einmal auf die eigenen religiösen Wurzeln. Es gibt einen großen Reichtum und eine beeindruckende Vielfalt christlicher Spiritualität, die nur darauf wartet wieder entdeckt zu werden.

Das Rosenkranzgebet ist ganz zu Unrecht in Vergessenheit geraten, dabei ist es eine der seit Jahrhunderten bewährten Formen christlicher Meditation – geistlich bereichernd und auch physiologisch heilsam. Beim Beten des Rosenkranzes[4] betrachten wir Christus und das Heilsgeschehen, verinnerlichen sein Wort und Werk und spüren schließlich seine Nähe. Ähnlich ist es mit dem „Jesusgebet“, das vielleicht protestantische Christen mehr anspricht, aber zum selben Ziel führen will. Es gibt außerdem wundervolle Wallfahrten, Kreuzwegandachten[5], Besinnungstage, Exerzitien, geistliche Musik und natürlich den großartigen Reichtum der Liturgie, mit dem Höhepunkt in der Eucharistiefeier.

Der christliche Glaube war in der Zeit der ersten Christen als „der neue Weg“ bekannt. Er ist eigentlich heute noch (oder wieder) ebenso „neu“ und überraschend, wenn man sich darauf einlässt. Um noch einmal zur Metapher mit der Brücke zurückzukommen: Man kann diese Brücke testen, auch wenn man das andere Ende noch nicht sieht[6]; es fühlt sich gut an, festen Boden unter die Füße zu bekommen! Wie wäre es damit, zum Beispiel nach dem Yogakurs auch einmal bei einer Gemeinde oder einem Kloster ein, zwei Besinnungstage zu belegen? Auch die Seele braucht schließlich Pflege.


[1]Volkstümlich erklärt: Nimm eine Stricknadel und halte sie aufrecht in der einen Hand; lass dann aus der anderen Hand trockene Reiskörner darüber rieseln. Die Wahrscheinlichkeit als Mensch wiedergeboren zu werden, ist in etwa so groß wie die, dass eines der Körner auf der Nadelspitze liegen bleibt. So kann Buddhismus „streng genommen“ aussehen, und selbst bei weniger strenger Auslegung bedarf es immer einer enormen, nicht enden wollenden Anstrengung, deren Ziel eher Auflösung als Erlösung ist. Dagegen erinnern sich Anhänger westlicher Reinkarnationskurse eifrig an vermeintliche „frühere Leben“ als Inka-Prinzessin oder Stammesführer.

[2]Mutter-Erde-Romantik, New Age-Kulte, Pseudo-Engel-Spiritismus etc. zeigen Ähnlichkeiten mit archaischem Animismus. In manchen nordischen Ländern gibt es auch wieder Thor- oder Odin-Statuen (aus „hochwertigem Kunststoff“), wobei der Kult zeitgemäß abgeschwächt wird und sich ökologisch gibt.

[3]In anderen Weltregionen blüht ein oft unmittelbar lebensgefährlicher Aberglaube, in dem vermeintlichen „Hexen“ und „Zauberern“ zwar manchmal großer Einfluss zukommt (z.B. im Voodoo-Kult), häufiger aber Gefahr für Leib und Leben droht. Das findet man in Afrika, der islamischen Welt, in Lateinamerika.

[4]Vgl. Beitrag „Meditation Old School“.

[5]Vgl. Beitrag „Via Crucis“.

[6]Wer mehr darüber wissen will, was am anderen Ende der Brücke zu erwarten ist, kann sich an den Tipps des römischen „Brückenbauers“ (Pontifex) orientieren bzw. an den von ihm approbierten Schriften. Vgl. z.B. das Kompendium zum Katechismus und für junge Leute den YouCat ( http://www.youcat.org/de/home/ ) oder das Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ von Papst Franziskus.