Lesezeit: ≈ 3 Minuten

Das Geheimnis des Rosenkranzes

Rosenkränze sind inzwischen als modisches Accessoire wieder häufiger zu sehen, manchmal nur als aparter Halsschmuck, manchmal durchaus mit einem diskreten religiösen Hintergrund. Es lohnt sich, sie einmal im ursprünglichen Sinne zu verwenden, denn dieses kontemplative Gebet hat die Eigenschaft, heilsam und ermutigend zu wirken, wenn wir unsere Sorgen, Ängste und Nöte – oder auch unsere Freude, Begeisterung und Dankbarkeit – mit hinein nehmen.

Das Geheimnis liegt darin, dass bei dieser jahrhundertalten Meditation nicht die innere Leere das Ziel ist (1) – eine Leere, die kurzzeitig beruhigend wirken mag, aber durch die unvermeidliche Rückkehr in die Realität kaum von Dauer ist. Ziel des Rosenkranzgebets ist nicht die Leere, sondern die Fülle – Fülle im guten, freudigen, heilsamen Sinne. Das Geheimnis des Rosenkranzes liegt in seinem inhaltlichen Reichtum, in seiner Verwurzelung in der Wirklichkeit, in einem Glauben, der historisch fundiert ist und nicht auf philosophischer Spekulation beruht.

Die vier Teile

Die Rosenkranz-Meditation als Ganze führt in vier Teilen mit jeweils fünf Sätzen von Gebeten durch das Leben Jesu Christi, von der Geburt und Kindheit über sein irdisches Wirken bis hin zur Passion und Auferstehung; es ist also ein auf Christus zentriertes Gebet, das gewissermaßen in Zwiesprache mit seiner Mutter Maria gebetet wird. Man kann den Rosenkranz als Ganzen beten, oder einzelne Teile auswählen (z.B. weil sie uns gerade besonders ansprechen, oder einfach weil wir nicht mehr Zeit haben). Das kontemplative Element liegt zunächst in der vielfachen Wiederholung des Ave Maria und des Vaterunser – beides Grundgebete der Christenheit. Als äußerliche Konzentrations- bzw. Meditationshilfe kann eine Kette mit Gebetsperlen den Betenden helfen, im Fluss der Gedanken zu bleiben; man lässt die meist hölzernen oder gläsernen Perlen einzeln durch die Finger gleiten und muss sich nicht auf Abläufe oder Rhythmen konzentrieren, sondern kann sich ganz auf die Inhalte einlassen.

Meditative Erfahrung

Natürlich muss man weder einen physischen Rosenkranz in der Hand halten, noch gleich alle Teile sorgsam in bestimmter Abfolge nacheinander beten. Das meditative Gebet ist überaus vielseitig und alles andere als starr. Jeder Einzelne kann seine Gebets- bzw. Meditationspraxis an seine Lebenswirklichkeit anpassen. So kann man mit dem Betrachten eines einzelnen Ereignisses aus dem Leben Jesu beginnen, zum Beispiel einem, das uns in einer speziellen Lebenssituation anspricht: Wenn wir Angst haben und vor einer schweren Entscheidung oder Prüfung stehen, dann kann uns ein Thema aus der Passion Jesu helfen; sind wir dankbar und glücklich über etwas, das wir mit unseren Kindern oder Geschwistern erleben, dann bietet sich eine Episode um Geburt und Kindheit Jesu an. Es ist erstaunlich, wie die Vergegenwärtigung des Lebens Jesu oder seiner Passion helfen kann, unsere eigenen Nöte in Perspektive zu setzen und ihre Schwere und Sinnlosigkeit abzustreifen.

An kaum einer anderen Stelle im Glaubensleben eines Christen wird so deutlich wie hier geradezu mit Händen greifbar, dass es wirklich stimmt: „Wer glaubt, ist nie allein“ (2). Und diese Erfahrung ist überaus tröstlich. Auch unsere Freude gewinnt an Tiefe und hält länger an, wenn wir sie in unsere betende Meditation mit hineinnehmen – eine Erfahrung, die Christen vieler Generationen immer und immer wieder gemacht haben. Wenn die anfängliche Befangenheit einmal überwunden ist, eröffnet das Rosenkranzgebet eine phänomenale – von vielen Betenden zunächst kaum erwartete – Lebendigkeit und Leichtigkeit.

Den Rosenkranz wagen

Man kann den Rosenkranz allein beten, in der Kirche, zuhause, auf einer Wanderung; man kann ihn aber auch in Gemeinschaft mit anderen beten, in der Gemeinde, in der Familie, im Freundeskreis. Wenn er in einer Gruppe – oder auch nur von zwei Menschen – gebetet wird, ist es üblich, die einzelnen Teile abwechselnd, in einem bestimmten Rhythmus zu sprechen. Manchmal wird man aber auch die Stille des inneren Gebets suchen; und in allen Fällen – allein, zu zweit, oder in der Gruppe gebetet – eröffnet dieses Gebet einen weiten meditativen Raum der Gotteserfahrung und einen Resonanzraum für Freude und Zuversicht.

Jeder kann und soll das für sich selbst entdecken, aber es ist doch hilfreich, sich zuvor ein wenig zu orientieren. Man könnte z.B. einen Pfarrer oder jeden mit der Praxis des Gebets vertrauten Christen fragen (Risiken oder Nebenwirkungen sind übrigens mit Sicherheit ausgeschlossen). Es gibt auch eine Vielzahl guter und lesenswerter Einführungen in das Rosenkranzgebet, in seinen Aufbau, verschiedene Formen und ihren historischen Hintergrund (3), sowie spirituelle Hilfen und theologische Vertiefungen (4). Das alles kann ich hier nicht vorweg nehmen; ich will nur dazu ermuntern, den Schritt einfach einmal zu machen. Es lohnt sich.


Anmerkungen

(1) Wie bei vielen buddhistisch angehauchten Meditationsangeboten.
(2) Papst Benedikt XVI.
(3) Zu Aufbau und Geschichte des Rosenkranzes: Heinrich Janssen, Perlen des Gebets. Der Rosenkranz – Hinführung und geistliche Deutung. Topos Verlag 2011.
(4) Vgl. die wunderbaren Meditationen zum Rosenkranz: Josémaria Escrivá de Balaguer. Der Rosenkranz. Adamas Verlag 1976.


Der Freudenreiche Rosenkranz mit Papst Benedikt XVI.