Lesezeit: ≈ 3 Minuten


Die Aussicht auf ein Weihnachtsfest mit eingeschränkten Feiermöglichkeiten bewegt die Gemüter. Nach der Absage diverser öffentlicher Veranstaltungen scheint es so, als würden die Festlichkeiten in diesem Jahr recht intime Angelegenheiten, eventuell sogar mit Besuchsbeschränkungen aller Art.

Doch was soll geschehen, wenn sich Familien über Abstandsregeln hinweg setzen? Politiker, die Verstöße mit harter Hand sanktionieren wollen, sollten sich daran erinnern, dass schon einmal Weihnachten ausfallen sollte.

Im Jahre 1647 wurden im englischen Königreich, inclusive Wales, Schottland und Irland die Weihnachtsfeierlichkeiten untersagt, was nicht besonders gut ankam. Nach einem totalen Bann aller Festivitäten, von Dekorationen bis hin zu Zusammenkünften, brach im ganzen Land eine Rebellion aus. Während einige Menschen zum Ausdruck ihrer Missachtung die üblichen Stechpalmen (Holly) aufhingen, ergingen sich Andere in radikaleren Protestformen, was zu historischen Konsequenzen führte.

Weihnachten ist abgesagt

Im Jahre 1647, hatte das Parlament den Bürgerkrieg in England, Schottland und Irland gewonnen, König Charles wurde in Hampton Court gefangen gesetzt. Die englische Kirche wurde abgeschafft und durch ein Presbyterianisches System ersetzt.

Die Protestantische Reformation restrukturierte die Kirchen der britischen Inseln und alle Feiertage, auch Weihnachten, wurden abgeschafft.

Die üblichen Feierlichkeiten während der 12 Weihnachtstage (vom 25. Dezember bis zum 5. Januar) wurden als unannehmbar eingestuft. Läden mussten selbst am Weihnachtstag geöffnet bleiben. Weihnachtsdekorationen aller Art, Stechpalmen, Efeu und andere immergrüne Gewächse waren untersagt. Andere Traditionen, wie Festessen und der Genuss von Alkohol, der gewöhnlich immer in Strömen floss, wurden ebenfalls verboten.

Der Weihnachtstag ging allerding nicht, wie gewünscht, ruhig vorüber. Menschen in ganz England, Schottland und Irland missachteten die Regeln. In Norwich wurde dem Bürgermeister eine Petition vorgelegt, Weihnachten in traditioneller Form zu gestatten. Zwar konnte er es öffentlich nicht erlauben, doch ignorierte er alle illegalen Festlichkeiten in der Stadt.

In Canterbury wurde das übliche Weihnachts-Fußballspiel abgehalten und alle Haustüren waren mit festlichem Grün geschmückt. Über die 12 Weihnachtstage verbreiteten sich die Feiern in ganz Kent, sodass diese durch bewaffnete Kräfte unterbunden werden mussten.

Selbst mitten in Westminster wurde gefeiert, sodass es zur Verhaftung der Gemeindevorsteher von St. Margaret (einer Kirche, die zur Westminster Abbey gehört) kam, weil sie dem Feiern nicht Einhalt gebieten konnten. Die Londoner Straßen waren mit Grünzeug geschmückt und alle Läden geschlossen. Der Bürgermeister von London wurde beschimpft, als er mit einem kampferprobten Veteranen Regiment die Weihnachtsdekoration herunterreißen wollte. 

Ipswich und Bury St Edmunds in Suffolk feierten Weihnachten besonders deftig. Junge Männer mit stachelbewehrten Keulen patrouillierten durch die Straßen um alle Ladenbesitzer zu „überzeugen“, ihre Läden geschlossen zu halten.

Die Regeln unter Einsatz von Waffengewalt zu brechen, geschah nicht einfach so zum Spaß, sondern war politisches Handeln. Die Dinge hatten sich geändert und so war es ebenso ein Aufstand gegen die „neue Normalität“, wie gegen die Unterdrückung weihnachtlicher Freude. Die Menschen waren einfach der Einschränkungen und der finanziellen Schwierigkeiten überdrüssig, die ihnen das Presbyterianische System und die Folgen des Bürgerkriegs beschert hatten

Ein schlimmer Weihnachts-Katzenjammer

Die Nachwirkungen der Streiks in Norwich waren die dramatischsten. Der Bürgermeister wurde im April 1648 nach London einbestellt, um sein Unvermögen, die Weihnachts-Partys zu unterbinden, zu erklären, doch eine große Menschenmenge verriegelte die Stadttore, um seine Verhaftung zu verhindern. Wieder wurden bewaffnete Kräfte aufgeboten, worauf in den folgenden Auseinandersetzungen das Pulvermagazin der Stadt explodierte und mindestens 40 Menschen zu Tode kamen.

Norwich war kein Einzelfall. In Kent wurde per Gerichtsbeschluss entschieden, dass alle Weihnachtsfeiernden sich dem Gesetz zu beugen hätten, was zu einer ausufernden Rebellion gegen das Parlament führte. Royalisten machten sich den Unmut der Bevölkerung zu Nutze und begannen die Proteste zu organisieren. 

In der Folge führten die Einschränkungen 1647 und 1648 zu Aufständen, diese wiederum zu Rebellionen, wodurch es zu einem zweiten Bürgerkrieg im Sommer kam. König Charles wurde vor Gericht gestellt und nachdem er den Prozess verloren hatte, exekutiert. Dies endete wiederum in einer Revolution, in deren Gefolge Britannien und Irland zur Republik wurden, -alles wegen Weihnachten.

Zu Weihnachten in diesem Jahr macht sich die Polizei bereit, alle COVID Regeln durchzusetzen und illegale Zusammenkünfte zu unterbinden. Wiewohl die Pandemie die Dinge verändert und Regelwidrigkeiten die Sicherheit bedrohen, sollten die Politiker schon davon lernen, was passieren kann, wenn Weihnachten einfach untersagt wird.

Wie im Jahre 1647, so haben auch heute viele Bürger die Nase voll von den Anordnungen der Regierung. Viele erlitten auch finanzielle Schwierigkeiten als Folge der COVID-Regularien. Es gibt sicher Einige, die gegen die Vorstellung Sturm laufen, ein miserables Jahr auch noch mit Einschränkungen beim gemütlichen familiären Beisammensein zu beenden.Solch eine Situation muss behutsam gehandhabt werden. Es gab schon Zivilen Widerstand gegen sog. Lockdowns. Es scheint, als könne man im kommenden Jahr über einen Impfstoff verfügen, doch was das Land wirklich nicht braucht, ist sozialen Unfrieden. Noch einmal: die Regierung muss das Gesundheitsrisiko gegen andere soziale Herausforderungen abwägen, die mit der Pandemie einhergehen.


Ins Deutsche übertragen von Horst Niederehe.

Dieser Beitrag wurde unter “Creative Commons license” von The Conversation publiziert Hier der Origiginal Beitrag.

Vorheriger ArtikelDie Kirche und die Sklaverei
Nächster ArtikelPsychologie des Alltags: Dienen
Martyn Bennett
Professor Bennett ist Spezialist für Britische Geschichte der Frühen Neuzeit. Er hat eine Reihe von Büchern über die Bürgerkriege und eine Biographie über Oliver Cromwell veröffentlicht. Professor Bennett hat eine Reihe international anerkannter, maßgeblicher Werke über die Bürgerkriege und Revolutionen geschrieben. Seine Arbeit zeichnet sich dadurch aus, dass er lokale und regionale Quellen nutzt, um sich ein umfassendes Bild von den Auswirkungen von Krieg und Revolution auf den britischen Inseln zu machen.