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Zur Illustration von „Gottvater“ wird in Büchern und in den Medien gern das berühmte Fresko von Michelangelo aus der Sixtinischen Kapelle (1) verwendet. Vom großen künstlerischen Wert abgesehen ist darin viel Wahres enthalten – wird Gott doch mit menschlichem Antlitz und in seiner Zuwendung zum Menschen dargestellt.

Im Schöpfungsakt zeigt sich Gott nicht als kosmischer Mechaniker oder Zauberer, als ferne und unheimliche Macht oder als unpersönliches Prinzip, sondern als einen dem Menschen von Anfang an zugewandten und damit nahen Gott – Mensch und Gott quasi Auge in Auge. Damit steckt in diesem Fresko eine Menge Theologie, es zeigt die gute Schöpfung, den paradiesischen Zustand, das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, wie es eigentlich sein sollte.

Bildersprache

Nicht immer wird allerdings die Bildsprache des Michelangelo so verstanden, denn allzu oft konzentriert sich der Blick des zeitgenössischen Betrachters auf etwas anderes, banales, auf Bart und Haarfarbe. Wird nicht Gott wieder als alter Mann dargestellt, also als Patriarch, mithin genderpolitisch inkorrekt? Vielleicht waren es auch Missverständnisse wie dieses, die in der Kirchengeschichte immer wieder bilderfeindliche Strömungen genährt haben. Diese waren selten so stark wie z.B. im Islam (2); Christus, den Gekreuzigten, aber auch den Auferstandenen darzustellen, gehört schließlich zum Kern christlicher Ikonographie aller Zeiten. Dennoch ist jede Darstellung von Gott dem Vater zumindest dann problematisch, wenn die Bildsprache nicht mehr richtig verstanden wird (3).

Worum es im ersten Satz des Credo geht, wenn er von Gott dem Vater spricht, wird erst deutlich, wenn man den Satz als Ganzes versteht: Der allmächtige Schöpfer aller Dinge – und des Menschen – ist eben wie ein liebender Vater im besten Sinne, nicht eine abstrakte schöpferische „Macht“, keine unpersönliche Erstursache, sondern Einer, der den Menschen als sein Gegenüber will, als sein „Ebenbild“ in dem Sinne, dass auch der Mensch verstehen und lieben kann.

Naturwissenschaft und Glaube widersprechen sich nicht

Das Credo sagt nichts darüber aus, wie Gott den Himmel und die Erde erschaffen hat. Hier ist reichlich Raum für Urknall und Quantenphysik und auch für eine Evolutionstheorie, die noch nicht zur Ideologie mutiert ist. Naturwissenschaft und Glaube widersprechen sich nicht; die Naturwissenschaft beschreibt die materielle Welt wie sie ist und sich entwickelt. Im Credo bekennen wir, dass sie ohne Gott nicht wäre und keinen Bestand hätte.

Astrophysik und Kosmologie sind eigentlich wunderbare Wegweiser zum Glauben und nicht in die Gegenrichtung. Mehr als im unmittelbar anschaulichen Umfeld unseres Alltagslebens führen sie zu „letzten Fragen“: Was „vor“ dem Urknall war, woher die Natur-„Gesetze“ kamen, die selbst der hartgesottene Atheist im Moment der Entstehung des Weltalls wie selbstverständlich voraussetzt. Solche und etliche andere Grundsatzfragen kann man einfach verdrängen. Aber wer sich ihnen offen und ehrlich stellt, ist erschüttert von der Evidenz des Transzendenten, des unsere dingliche Anschauung überschreitenden Seins des Schöpfers.

Wer ist Gott?

Aber was ist es mit der Allmacht Gottes? Warum wird der Vater und Schöpfer auch als der Allmächtige bekannt? Dahinter kann man ein allgemeines Wissen des Menschen, des Geschöpfes, von der Größe Gottes vermuten – das wäre sozusagen ein religionspsychologischer Befund. Aber mir scheint noch mehr darin zu stecken.

In urtümlichen Kulten und Religionen wird oft ein hauptberuflicher Schöpfergott vorgestellt, der – mal mehr, mal weniger – auch väterliche Züge tragen kann, häufiger jedoch fern und unnahbar ist. Es handelt sich dann um einen guten Techniker, „Demiurgen“, einen praktisch veranlagten Alleskönner oder Superzauberer, dem das Bastelwerk seiner Schöpfung im Weiteren gleichgültig zu sein scheint. Er kann aber auch ein machtbesessener Marionettenspieler sein, für den die seine Schöpfung bevölkernden Wesen nur Spielzeuge sind. Diesen Göttergestalten sind dann oft genug diverse andere Götter an die Seite und entgegen gestellt.

Der Eine

Mit dem christlichen Gottesbild hat das nichts zu tun. Das Bekenntnis zum allmächtigen Gott ist zugleich eines zum Einen Gott. Ihn bekennt nachdrücklich schon das jüdische „Sch’má Jisrael“ (s.o.). Es gibt keinen Götter-Olymp und keine Abstufungen verschiedener Gottheiten, sondern nur den Einen. Das wäre ein religionswissenschaftlicher Befund, einer der zugleich die Zusammengehörigkeit von Altem und Neuem Testament belegt.

Aber die ganze Wahrheit zeigt sich erst, wenn man alle drei Begriffe zusammen nimmt: Gott ist nicht nur der Schöpfer, er ist auch der einzige Gott, der trotz seiner Allmacht auch Vater ist, sich dem Menschen als seinem Ebenbild zuwendet und dessen Vater-Sein implizit bereits auf die Trinität verweist (4).

Anmerkungen

1 Vatikanische Museen

2 Eine extreme Form der Bilderfeindlichkeit im Christentum gab es im 8. und 9. Jh. im Byzantinischen Reich („Ikonoklasmus“). Auch in der Reformation gab es „Bilderstürmer“.

3 Michelangelo hätte sicher verständnislos den Kopf geschüttelt, wenn man ihm vorgeworfen hätte, bei ihm sei Gott „ein alter Mann“.

4 Schon der erste Satz des Credo stellt uns also im Kern das vollständige christliche Gottesbild vor Augen. Er spiegelt zugleich die Erfahrung wider, dass der Allmächtige seine Schöpfung ernst nimmt, nicht auf seiner Allmacht beharrt und einfach alles Widrige zunichte macht, sondern den Menschen Freiheit gibt und ihnen ein liebendes Gegenüber ist.