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Im ethischen Quodlibet der pluralistischen Gesellschaft – Werte, Regeln, Konventionen

Ein häufig zitiertes Diktum über die Grundlagen der demokratischen Gesellschaft lautet, dass „der freiheitliche säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er nicht selbst garantieren kann“ [1]. Regelmäßig werden aber in Politik und Medien ethische Fragen diskutiert und auch entschieden, auf der Grundlage von „Werten“ – sei es in der Bioethik (Embryonenschutz, Abtreibung), bei der Umdeutung von Verfassungsartikeln (Definition der Ehe, Zulassung von Euthanasie), oder bei der Wertung oder Priorisierung von Grundrechten (Stichwort „Pandemie-Lockdown“). Je pluraler und säkularer die gesellschaftlich akzeptierten Normen sind, und je schneller sie sich im öffentlichen Diskurs ändern, desto schwieriger ist es zu erkennen, auf welchen „Werten“ unsere Werturteile denn überhaupt basieren.

Immerhin scheint es aber ein Grundgerüst von Verhaltensweisen und Einstellungen zu geben, über die im Wesentlichen noch Einvernehmen herrscht, unabhängig von politischen Überzeugungen im Allgemeinen und ethischen Positionen im Besonderen. Könnte es sein, dass es dabei um grundlegende „Tugenden“ geht, ohne die keine Gesellschaft bestehen kann? Der Begriff mag unmodern und sogar unpopulär klingen, aber in der Sache führt kein Weg daran vorbei. Wenn man sich über bestimmte Tugenden einig ist, dann kann man friedlich zusammen leben, auch wenn es sonst  nicht viel Gemeinsamkeit gibt.

Tugendlehren gehörten deshalb seit alters zum Grundbestand philosophischen und staatsrechtlichen Denkens – von Aristoteles und dem römischen Philosophen Seneca über die Hochscholastik des Mittelalters (Thomas von Aquin) bis Immanuel Kant. Auch im 20. Jahrhundert waren die Tugenden keineswegs vergessen; eine neuere, zeitgenössische und jedenfalls höchst zeitgemäße Abhandlung schrieb der Philosoph Josef Pieper.[2] Aber um was für Tugenden geht es überhaupt? Und können wir uns einfach so auf ihren Fortbestand verlassen, auch wenn es in unseren pluralistischen Gesellschaften immer schwieriger wird, Grundwerte zu formulieren? Können abstrakte Regeln und Konventionen an ihre Stelle treten? Und wie lange werden die halten?

Gute Tugend, böse Tugend?

Je abstrakter, formaler und quasi wertneutraler Tugenden formuliert sind, desto ambivalenter werden sie. Ein berühmtes – wenn auch in seiner Wirkung ein wenig überbewertetes – Beispiel gibt schon der Fürstenspiegel des Niccolò Machiavelli[3], ein Werk, das eine Art speziellen „Tugend“-Katalogs für erfolgreiche Herrscher enthielt. In mancherlei Hinsicht formulierte Machiavelli expressis verbis, was ganz offensichtlich – wenn auch uneingestanden – schon immer zu den goldenen Verhaltensregeln erfolgreicher Machthaber gehörte. Nicht viel anderes verbirgt sich hinter dem umgangssprachlichen Diktum, dass Politik „ein schmutziges Geschäft“ sei – eine für demokratische Gesellschaften allerdings nicht förderliche Einschätzung.

Stärker noch kommt die mögliche Ambivalenz von Tugenden zum Ausdruck, wenn man zwischen primären und sekundären unterscheidet. Berühmt-berüchtigt ist die Kritik eines Politikers (und Parteifreundes) des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt an dessen Äußerungen zu Tugenden wie Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit und Standhaftigkeit: Diese seien nur „Sekundärtugenden“, und damit könne man „auch ein KZ betreiben“[4].

Es ist leicht erkennbar, dass hier ein banalisierter Tugend-Begriff verwendet wird, der vom ursprünglichen Sinn des Wortes ablenkt. Das beweist schon ein einfacher grammatikalisch-semantischer Test: In adjektivischer bzw. adverbialer Ausdrucksweise wird deutlich, was eigentlich gemeint ist: Eine „tugendhafte“ Handlungsweise setzt das moralisch Gute des Tuns voraus. Es würde niemand einem sorgfältig vorgehenden und pünktlichen Verbrecher „tugendhaftes“ Handeln attestieren. Das Spiel mit den grammatischen Formen bzw. Varianten zeigt, dass es im Falle des Tugendbegriffs die Form nicht ohne den Inhalt gibt. Während die abgeleiteten „Sekundärtugenden“ als solche wertneutral sind, Instrumente quasi, die so oder anders erfolgreich eingesetzt werden können, bleibt doch der Rückbezug des Tugend-Begriffs auf das Gute unleugbar.

Tugendhaftigkeit galt schon als moralische Grundlage und typisches Kennzeichen der römischen Republik, und „klassische“ Tugendlehren lassen sich in der Regel bis in die Antike zurückverfolgen, bis zu Plato oder Aristoteles. Voll ausgereift erscheint der Begriff dann im europäischen Hochmittelalter[5], in der Form, die auch heute noch die Grundlage unseres Tugendbegriffs bildet[6]. Hier wollen diese Überlegungen ansetzen. Dabei ist es nicht mein Bestreben, eine Tugendlehre zu referieren oder gar neu zu erstellen; auch geht es mir nicht um Vollständigkeit und eine philosophiegeschichtlich erschöpfende Darstellung. Vielmehr möchte ich nur ein paar Denkanstöße oder Anregungengeben, um zu zeigen, dass es hier nicht um etwas Museales und Überholtes geht, sondern um zentrale Aspekte des Menschseins, die uns ganz direkt  angehen und mehr denn je unser Leben betreffen. Und deshalb lohnt es sich, sie wieder zu entdecken.

Sieben – die Zahl der Fülle.

Es gibt keine abschließende, verbindliche oder alles umfassende Definition und enumerative Auflistung von Tugenden. Im Laufe der Geschichte hat es immer neue Ansätze gegeben, leicht veränderte oder erweiterte Tugend-Kataloge. Doch scheint mir die klassische Zusammenstellung der vier sog. „Kardinaltugenden“ und der drei „göttlichen Tugenden“ nach wie vor überzeugend zu sein. Dabei geht es mir weniger um die „magische“ Zahl Sieben, die stets für Vollständigkeit oder Fülle steht, als um die innere Ausgewogenheit dieses Katalogs, in dem sich buchstäblich Jahrtausende menschlicher Erfahrung widerspiegeln (in den vier Grundtugenden), aber auch deren ins Transzendente führende Überhöhung und Vollendung durch die „göttlichen“ bzw. „theologischen“ Tugenden. Auch als sich säkular fühlender bzw. areligiöser Mensch sollte man bei den  epitheta ornantia „göttlich“ oder „theologisch“ nicht erschrecken. So notwendig aus theologischer Sicht der spirituelle Bezug dieser drei Tugenden auch ist, lässt sich bei genauerem Hinsehen nicht leugnen, dass sie zunächst etwas ganz Existenzielles ausdrücken, das jeden Menschen betrifft, ganz unabhängig von seinem Glauben oder seiner Religionszugehörigkeit. Erst zusammen mit den drei theologischen Tugenden sind die vier weltlichen Tugenden vollständig. Beide Tugendkataloge gehören innerlich zusammen und setzen einander voraus.

Aber gehen wir der Reihe nach vor.

Vier Kardinaltugenden – ganz ohne Klerikalismus.

Der Begriff „Kardinaltugenden“ bedeutet nichts anderes, als dass diese die Dreh- und Angelpunkte sittlichen Handelns bezeichnen. „Kardinal“ kommt vom lateinischen Wort cardo, das genau dies bezeichnet – den Dreh- und Angelpunkt, die Türangel[7]. Und in der Tat, die vier weltlichen Tugenden KlugheitGerechtigkeitTapferkeit und Maß sind nicht nur wünschenswerte, sondern notwendige Voraussetzungen sowohl für ein geregeltes Zusammenleben von Menschen, als auch für ein gelingendes Leben des Einzelnen. Ob sie auch hinreichende Voraussetzungen sind, das wird noch zu klären sein.

(wird fortgesetzt)


[1]Der Ausdruck wurde geprägt von dem 2019 verstorbenen Staatsrechtler Ernst-Wolfgang  Böckenförde. Zum Thema insgesamt vgl. auch die sehr erhellenden Ausführungen von Martin Rhonheimer: Christentum und säkularer Staat. Geschichte – Gegenwart – Zukunft. Freiburg 2012. Passim.

[2]Josef Pieper, 1904-1997. Sein Buch „Über die Tugenden. Klugheit-Gerechtigkeit-Tapferkeit- Maß“ erschien zuerst 1954, wurde 2004 erneut aufgelegt und bietet noch heute eine klassische Einführung zum Thema.

[3]Niccolò Machiavelli, 1469-1527. Sein Hauptwerk: „Il Principe“.

[4]Oskar Lafontaine, nach einer von der Zeitschrift „Stern“ verbreiteten Meldung vom 15.07.1982.

[5]Damit ist nicht gesagt, dass ähnliche Konzepte nicht auch in anderen Kulturkreisen in ähnlicher Weise entwickelt wurden, autochthon, oder im Austausch mit westlichem Denken. So gibt es beispielsweise einige  interessante Parallelen zwischen konfuzianischem Denken und der europäischen Naturrechtslehre.

[6]Aus der umfangreichen philosophischen und theologischen Literatur sei – über das schon genannte Werk von Josef Pieper (s.o.) auch auf Romano Guardini verwiesen, dessen Werk „Tugenden. Meditationen über Gestalten sittlichen Lebens“ ebenfalls über historische und philosophiegeschichtliche Ansätze hinaus führt und zeigt, wie Tugend gelebt werden kann.

[7]Das Adjektiv „cardinalis“ bedeutet auch „wichtig“ bzw. herausgehoben. Die Kardinäle der Römisch-Katholischen Kirche werden entsprechend auch mit Bezug auf die römischen Hauptkirchen so genannt.