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All animals are equal, but some are not…

Es fällt schwer in diesen Zeiten nicht an George Orwell zu denken. Dabei geht es mir weniger um die zur Eindämmung der Pandemie anscheinend notwendigen Erhebungen und Überwachungen, Einschränkungen und Kontrollen, als um jene sonderbaren Randphänomene, die sich nur beiläufig in den Medien finden. Es sind wenige Fälle, aber höchst beunruhigende.

Da werden in Paris und Berlin fast gleichzeitig traditionell katholische Kirchengemeinden angezeigt, mit Polizeikontrollen überzogen und in einem Fall sogar mit Strafzahlungen belastet. Auslöser: Anzeigen von „Anwohnern“, die Orgelklänge vernommen zu haben glaubten und sofort eilfertig die Staatsmacht mobilisierten, um die mögliche Abhaltung von Gottesdiensten im Keim zu ersticken. In beiden Fällen (keineswegs den einzigen; sie sind hier nur wegen ihrer besonderen Schwere beispielhaft genannt) waren die Denunziationen gegenstandslos, aber höchst wirksam.  Dass sich die Gemeinden in Wirklichkeit an alle Regeln gehalten hatten, half ihnen nicht. Beide gelten in ihrem Umfeld nun als verantwortungslos und als potenziell sozial schädlich.

Noch vor kurzem hätte ich es für wenig wahrscheinlich gehalten, dass das „Modell A“ der anti-katholischen Propaganda (vgl. Teil 3) so schnell wieder aufgegriffen werden könnte. Wer hätte aber auch gedacht, dass in unseren Gesellschaften, in denen ein sich liberal und tolerant gebender Zeitgeist den Ton angibt, dessen vorgebliches Ziel der Schutz der Schwachen und Minderheiten zu sein schien, so leicht dieser Ungeist wieder aufblühen konnte? Erneut gilt: Traditionelle Katholiken müssen im Zweifel – in Umkehr der Beweislast – immer neu beweisen, dass sie jetzt gerade einmal nicht schuldig sind…

Die Situation erinnert mich an ein Erlebnis, das ich vor etlichen Jahren in einem besonders streng muslimischen Land hatte. In einem Gespräch fragte ich einen Offiziellen, warum man denn so vielen Menschen das Beten verbiete. Auf die verblüfften Blicke des sich äußerst fromm gebenden Beamten erläuterte ich meine rhetorisch verkleidete Frage: Es gehe mir um die Christen im Lande, denen der Bau von Kirchen und die Abhaltung öffentlicher Gottesdienste verboten sei. Darauf schüttelte mein Gesprächspartner ungnädig den Kopf und blickte mich wie einen dummen Schuljungen an, dem das elementarste Wissen fehlte: Das sei doch völlig gegenstandslos – niemand verbiete es den Genannten, in ihren Häusern privat zu beten und ihre Religion zu leben. Nur öffentliche religiöse Veranstaltungen seien eben in seinem Land den Angehörigen der Mehrheitsreligion vorbehalten, schon weil sonst der soziale Friede akut gefährdet werde. Dafür müsse ich doch Verständnis haben! Schließlich gehe es um Frieden und Sicherheit! Ob ich mir vorstellen könnte, was sonst alles passieren könnte?

Gläubige Katholiken sind per definitionem nicht diejenigen, die lautstark auf ihre Rechte pochen und aggressiv in öffentliche Debatten eingreifen. Ein wenig mehr Nachdruck im Verteidigen der verfassungsmäßig „garantierten“ Religionsfreiheit stünde uns aber allen gut zu Gesicht. Vorauseilendes Wohlverhalten ist jedenfalls keine Tugend – auch nicht in einem Rechtsstaat.  Damit verdient man sich nicht Respekt, sondern bestenfalls mitleidiges Schulterzucken; und die Wiederzulassung öffentlicher Gottesdienste hat in der Diskussion um mögliche Lockerungen des „Lockdowns“ ohnehin die geringstmögliche Priorität.

Wie geht es nun weiter? Was sollen wir tun?

In jeder Krise steckt auch eine Chance; wir müssen sie nur ergreifen:

  • Selten haben Katholiken die Gelegenheit, einer säkularisierten Gesellschaft zu erklären, dass die Feier der Eucharistie das Herz und die Mitte ihres Glaubens ist – und dass es deshalb mit gemütlichen Hauskreisen nicht getan ist. Viele werden das seltsam finden, aber sie werden künftig „Katholisch“ immer mit „Eucharistie“ in Verbindung bringen.
  • Viele Katholiken denken kaum mehr über die Hl. Messe nach und haben sich unmerklich einem bloß noch symbolischen Verständnis der Eucharistie angenähert. Wann, wenn nicht jetzt besteht die Chance, die Eucharistie auch den Gläubigen wieder näher zu bringen? Sei es in Predigtreihen oder Hirtenworten, in Artikeln oder„Podcasts“, vor allem aber in der regelmäßigen Öffnung der Kirchen zur Anbetung des Altarsakraments, denn dieses ist das Merkmal des Katholischen schlechthin.
  • Auch in der Ökumene und für die Rolle der Kirchen in der Gesellschaft kann aus der Krise etwas Positives erwachsen. Sitzen Christen aller Konfessionen nicht längst „im selben Boot“, bei immer heftigerem Gegenwind? Machen wir die Kirchen wieder sichtbar in der Gesellschaft, nicht nur als gesellschaftliche Großgruppen und Religionsgemeinschaften unter anderen, sondern ganz konkret auch die Kirchengebäude. Sie sind vor aller Augen bleibende Zeugnisse der christlichen Prägung unserer Kultur. Sobald es wieder geht, muss ein regelrechter „Run“ auf unsere Kirchen einsetzen, und künftig sollten wir dort immer mehr Präsenz zeigen.

Lassen wir die Kirche nicht nur im Dorf, sondern rücken wir sie wieder in den Mittelpunkt!