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In der Corona-Krise haben fast alle Bundesländer das Sitzenbleiben aufgehoben. Alle Schüler werden, wenn sie es wollen, in die nächsthöhere Klasse versetzt, auch wenn ihnen die Wiederholung einer Klasse gut täte.  

Im Durchschnitt über alle Schularten und –stufen gerechnet wiederholen ca. 2% eines Jahrgangs eine Klasse, das sind ca. 150.000 Schüler, wobei signifikant die Jungen in der Überzahl sind.

Es ist davon auszugehen, dass ab dem nächsten Jahr die Diskussion um Sinn oder Unsinn des Sitzenbleibens neu auflebt. Diese Auseinandersetzung nach dem Für und Wider sollte sich an den Fakten und dem Wohl der Schüler orientierten, nicht an ideologischen Schönfärbereien ohne Realitätsbezug.

Die Aufgabe der Schule

Schule hat in erster Linie die Aufgabe, den Schülern ein Wissensfundament für ihren späteren Beruf zu vermitteln und ihre Persönlichkeit so auszubilden, dass sie zu selbständig denkenden und handelnden Menschen in ihrem Leben werden können. In den Landesverfassungen ist dies unter den Bildungs- und Erziehungszielen zusammengefasst.

Um festzustellen, ob man ein Ziel erreicht hat, muss man die Möglichkeit haben, die eigene Leistung an den Zielvorgaben zu messen, und bei Noch-Nicht-Erreichen des Zieles muss die Möglichkeit eines erneuten Versuchs gegeben sein. Das Sitzenbleiben, d.h. das Wiederholen des Stoffes einer Klassenstufe, in der man das Ziel nicht erreicht hat, ist eine Möglichkeit dazu. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Sitzenbleiben für viele Schüler in diesem Sinne hilfreich ist.

Was uns der gesunde Menschenverstand lehrt

Jeder hat es in der eigenen Kindheit erlebt und kann es vielleicht auch an eigenen Kindern erneut feststellen: Für Kinder ist der Anreiz, etwas zu leisten, gefordert zu werden, sich zu verbessern, etwas dazu zu lernen, etwas ganz Entscheidendes. Jeder Wettkampf lebt davon und macht Kindern auch deshalb Freude: sich mit den eigenen, früheren Leistungen und denen der anderen zu messen. Die meisten kindlichen Spiele enthalten diese Spannung, die offensichtlich der natürlichen Neigung des Menschen entspricht. Nimmt man diesen Anreiz weg, fehlt die Motivation sich anzustrengen. Es geht daher an der Wirklichkeit des Menschen vorbei, wenn man glaubt, Schüler alleine von der Sache her motivieren zu können.

Selbst uns Erwachsenen fällt das oft schwer. Machen wir doch oft die Erfahrung, dass wir leistungsstärker sind, wenn wir unter Zeit- oder anderem Druck stehen. Offensichtlich gehört es zu unserem Menschsein, dass wir nicht immer gemäß unserer Erkenntnis handeln, sondern von Bequemlichkeit, Lust etc. beeinflusst werden. Das ist aber bei Schülern nicht anders. Daher kann ihnen auch als Motivation helfen: Wenn du dich nicht anstrengst, bleibst du sitzen.

Vorbereitung auf die Lebenswirklichkeit

Den Kindern vorzugaukeln, dass das eigene Verhalten keine Konsequenzen hat, bedeutet, sie für das Leben untauglich zu machen, weil unsere Lebenswirklichkeit nun einmal anders aussieht. Das Leben wird sie dann lehren, dass man nicht immer in Watte eingepackt wird, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben, in der sich nur diejenigen bewähren werden, die bereit sind, ihr bestes zu geben. Warum sollen den Kindern diese Einsichten vorenthalten werden?

Das Leben wird sie dann lehren, dass man nicht immer in Watte eingepackt wird.

Wenn für das Nicht-Erreichen des Klassenziels ausschließlich den Lehrern die Schuld gegeben wird, werden diese Jugendlichen in ihrem späteren Leben für Misserfolge die Schuld auch immer bei anderen, bei den Umständen etc. suchen. Natürlich werden gute Lehrer immer versuchen, alle Fähigkeiten der Schüler optimal zu fördern. Aber der Schulalltag lehrt, dass die Schüler auch bereit sein müssen, dabei mitzuwirken. Und manche Schüler sind eben nicht oder nicht immer dazu bereit. Dann müssen sie erfahren, dass das für sie Konsequenzen hat, z.B. dadurch dass sie Sitzenbleiben.

Es geht aber nicht um Bestrafung sondern um Einübung in die Wirklichkeit

In den Diskussionen wird das von den Gegnern des Sitzenbleibens als Bestrafung angesehen. Es geht aber nicht um Bestrafung sondern um Einübung in die Wirklichkeit: Wenn ich nicht lerne, kann ich nicht weiterkommen. Wenn ich mich nicht anstrenge, werde ich sitzen bleiben. So ist es im wirklichen Leben auch. Und darauf soll die Schule vorbereiten, sonst verfehlt sie ihr Ziel.

Das Argument der Gegner, dass die 2% Wiederholer einer Klasse alle einen psychischen Schaden davontragen, entbehrt jeder Sachlichkeit, wie aus den Biographien sitzengebliebener Politiker, Wissenschaftler, Showmaster etc. hervorgeht. Dazu gehören Menschen, die im Leben viel geleistet haben, angesehen sind und es zu etwas gebracht haben: Von Otto von Bismarck bis Thomas Gottschalk, von Thomas Mann bis Edmund Stoiber, von Peer Steinbrück bis Mehmet Scholl – alle drehten Eine Ehrenrunde. 

Leider gibt es keine Statistik darüber, wie viele Schüler ihre Leistung verbessert haben, um einem Sitzenbleiben zu entgehen. „Blaue Briefe“, früher als Warnung verschickt, haben viele Schülern zu einem Leistungsschub motiviert. Die Erkenntnis, dass man ohne Anstrengung kein Ziel erreichen kann, gehört zu den wichtigen Lebenserfahrungen. Und die sollte man Schülern nicht vorenthalten.