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Erfüllung in der Liebe – das ist das Kernthema dieser Artikelfolge. Was aber ist Liebe? Kann man sie auf ein Wohlgefühl – insbesondere sexueller Art – reduzieren? Torelló zeigt, dass zur Liebe auch die Bereitschaft zum Verzicht unabdingbar ist, andernfalls bleibt sie nur Eigenliebe.

Erfüllung in der Liebe

Zur affektbeladenen Utopie des angeblichen sexuellen Glücks gehört jedoch gerade die Entkoppelung des Geschlechtsverkehrs von der Fortpflanzung. Erst wenn man diese Abtrennung – gegen alle Einsicht in die Natur und den göttlichen Plan – zum Hauptgesetz der menschlichen Liebe erhebt, sind der „Sexualrevolution“ Tür und Tor geöffnet. Die Projekte eines Wilhelm Reich, des surrealistischen Manifestes 1947, die wissenschaftlich getarnte Ideologie des Komforts und die seit eh und je als Banner der Mündigkeit geschwungene Befreiung der Sexualität von Tabus und repressiver Moral, die nun immer mit Verspätung- verschiedentlich die „Neue Linke“ rührend in kirchlichen Kreisen von allen Dächern pfeifen, beruhen alle auf diesem Prinzip der mehr oder weniger künstlichen Entkoppelung der geschlechtlichen Vereinigung von der Fortpflanzung.

Folgen

Daraus ergeben sich nicht nur Empfängnisverhütung und sogar Abtreibung als „fundamentale Menschenrechte“, sondern auch die Lebensgemeinschaft von Homosexuellen, der Partnertausch und die Abschaffung der institutionellen Ehe, der Familie und (ganz allgemein) der strukturierten Gesellschaft. Ehe, Familie und Gesellschaft gründen sich nämlich justament darauf, dass die mannigfaltigen Erscheinungen der Enthaltsamkeit menschlich und daher möglich sind. Wenn Enthaltsamkeit abgewertet und als Feind des Glücks verpönt wird, und dieses Glück beinahe zur Gänze auf sexuelle Befriedigung reduziert wird, dann brechen die Fundamente von Ehe, Familie und Gesellschaft zusammen.

Begierde beherrschen

Enthaltsamkeit bedeutet, dass man die Begierde nach jedem beliebigen Mitmenschen beherrschen kann, und dass die Gesellschaft nicht mehr von der Anarchie bedroht ist. Enthaltsamkeit bedeutet, dass die Eltern, die ein weiteres Kind nicht verantworten können, nicht unbedingt zu Verhütungsmitteln greifen müssen, sondern die sexuellen Beziehungen in Frieden und ohne Beeinträchtigung der Liebeseinheit einschränken und sogar aufheben können, allem Gerede über Gesundheit und „Mystik des Leibes“ zum Trotz. Enthaltsamkeit hat mit Technik so wenig zu tun wie die sexuelle Befriedigung: Beide haben ihren Sitz nicht in leiblichen Organen sondern in der geistigen Einstellung der Ich-Du-Hingabe.

Haltung der Antikonzeption

Enthaltsamkeit muss allerdings immer Ausdruck (Austragung) verstehender Liebe sein. Sie darf nicht zu einer „Methode“ der Begrenzung der Fruchtbarkeit werden, sonst erweist sie sich, wie alle Verhütungsmittel, als neurotisierend und letzten Endes als Gefährdung der Liebe und der Ehe. Die egozentrische Grundhaltung der Antikonzeption ist stets die Folge einer falschen Wertskala, nach der die Aufmerksamkeit so stark auf das Geschlechtliche gerichtet ist, dass der ganzheitliche Wert der Person nicht mehr wahrgenommen wird. Die egozentrische Grundhaltung birgt eine psychologische Ambivalenz in sich: Mut zum Sex – Angst vor dem Kind, Ja zum sexuellen Zusammenleben und Nein zu dessen Folgen. Diese Ambivalenz führt bekanntlich zu Reaktionsneurosen, wie sie die ärztliche Erfahrung zeigt: bei Frauen hauptsächlich zu Frigidität, Anorgasmie, Ekel und Depression; bei Männern hauptsächlich zu erhöhter Aggressivität oder Neurasthenie und Bindungsangst (und daher häufigerer Untreue).

Diese Reaktionen erscheinen in zunehmendem Ausmaß dort, wo die gegenseitige Hingabe dem gefeierten Eigengehalt der Sexualität geopfert wird. Das zeigen deutlich die wissenschaftlichen Beobachtungen von vielen Ehepaaren, welche Gebrauch von Antikonzeptiva machen, während die periodische Enthaltsamkeit sich immer mehr als eine Schule der personalen Liebe, der Mannigfaltigkeit und der Dynamik der zärtlichen Liebeserweise und einer fortschreitenden Freiheit vom ichhaften Begehren offenbart. Wer somit dem Rhythmus der Natur folgt, entdeckt allmählich den wahrhaft tiefen rhythmischen Charakter des Reifungsprozesses der Persönlichkeit durch den Reifungsprozess der Ganzhingabe, oder, wie es die große Hildegard von Bingen sagen würde, „der Mensch entdeckt, dass in seinen Lenden eine Art von Vernunft erblüht“ (21).

Kind – Frucht der Liebe

Das Kind ist die Frucht der Liebe, zwar nicht in einem biologischen Sinn als Folge der manipulierten geschlechtlichen Vereinigung, wohl aber als die reife Blüte der freien, vollständigen Hingabe. Wenn diese aus gerechtfertigten Gründen des gut geformten Gewissens ihre natürliche Frucht nicht erreichen kann, vermag sie sich auf die Spitze des Geistes zurückzuziehen und eine echte Vollendung durch die Enthaltsamkeit zu finden, so dass das Menschlichste der ehelichen Gemeinschaft aufrechterhalten bleibt. Die Enthaltsamkeit -die Tugend!-, die keine Technik ist, besitzt allein die Fähigkeit, die menschliche Einheit des Paares immer von neuem herzustellen.

Das Kind schafft auf eine einmalige Weise die Einheit der Eltern, indem es -wie schon erwähnt- gemeinsame und personale Hingabe fordert. Es befreit die Liebe am besten von egozentrischen, zerstörerischen Zügen. Das Kind ist es, das die Partner zur Einheit beruft, nicht eine unpersönliche Begierde, nicht blinder Zufall oder einige aus dem „topos uranios“ platonischer Entelechien herabgeplatzte Gefühle. Sagen wir es auch mit Hildegard von Bingen: „Die Kraft des Ewigen, die das Kind aus dem Mutterleib herausleitet, macht erst eigentlich Mann und Frau so zu einem einzigen Leib.“(22) Und wenn nach göttlicher Vorsehung nicht das Kind, dann kann ein Dienst an der Gesellschaft, an der Kirche oder einfach das gemeinsam getragene Kreuz die Ehepartner innigst verbinden.

Ehe ist kein „Garten der Lüste“

Denn das Kreuz ist gegenwärtig in allen Schichten des Persönlichen und des Gemeinschaftlichen: als Versagen der Vernunft, die den Partner nie völlig verstehen kann; der andere bleibt immer ein anderer, schattenhaft, Person, und das ist ein Kreuz, dieses Erkennen und doch niemals ganz erkennen, als quälende Unersättlichkeit des Herzens, das seine grundsätzliche Einsamkeit über kurz oder lang erfahren muss, als irrationales Begehren des Leibes gegen Verstand, Gewissen und sogar Gefühl. Das Kreuz der Selbstentsagung wurde von Christus selbst auf die Schultern aller Christen gelegt und zwar als unbedingte Voraussetzung der Erfüllung des Hauptgebotes der Liebe.

Die Ehe ist, wie Johann Nestroy sagte, kein „Privatletitzerl“, die Ehe ist kein utopischer Garten der Lüste, wo Gesetz und Sittlichkeit kein Wort zu reden hätten. Wenn man auch mit Abraham a Santa Clara nicht behaupten muss: „Das Land der Venus heißt so, weil es voll Weh und harter Nuss ist“, so müssen dennoch dort, wo Menschen im Spiel sind, jede Einseitigkeit, jede Ichhaftigkeit, jede fanatische Verabsolutierung und alle Zwangsideen und -handlungen ständig überwunden werden. Deshalb muss dem Schutz der Ordnung, der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Verantwortung, der Wertschätzung des anderen und der Liebe pausenlos Aufmerksamkeit geschenkt werden. Wo Menschen sind, müssen Maß und Zucht herrschen, welche im Bereich des Sexuellen einen Namen haben, den heute fast niemand mehr in den Mund zu nehmen wagt: Keuschheit.

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Anmerkungen
(21) 21 Hildegard von Bingen, Geheimnis der Liebe, Olten 1957, S.89
(22) Hildegard von Bingen, aaO. S.62

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Johannes B. Torelló
* 7. November 1920 in Barcelona; † 15. August 2011 in Wien - war ein aus Spanien stammender österreichischer Geistlicher und römisch-katholischer Theologe sowie weltbekannter Neurologe und Psychiater. - Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen). Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.: Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.