Lesezeit: ≈ 4 Minuten

Den Willen stärken

Die Tapferkeit ist jene Tugend, welche die Leidenschaften des zürnenden Strebevermögens (des Mutes) der Vernunft gemäß vervollkommnet, nämlich als das Anpacken oder In-die-Hand-Nehmen (aggredi) von dem, was zu tun ist, und das Widerstehen und Standhalten (resistere) bezüglich der Schwierigkeiten und andauernden Mühen, um das, was zu tun ist, zu Ende zu führen. Im ersten Fall spielen insbesondere die Tugenden des Mutes und der Kühnheit mit, im zweiten Fall die Geduld und die Beharrlichkeit.

Die dem Starkmut widersprechenden Extreme sind die Furcht vor den Mühen, so daß die gute Handlung verhindert wird (Feigheit), und die Tollkühnheit, die sich unnötigen und unangemessenen Gefahren aussetzt. Tapfere Menschen sind bereit, auch unter Gefahren und Beschwernissen für das Gute und besonders für das der eigenen Überzeugungen entsprechend Gerechte einzutreten, und auch im Leiden zur eigenen und fremden Menschenwürde zu stehen. Die Tapferkeit festigt die Entschlossenheit, Versuchungen zu widerstehen und Hindernisse zu überwinden. Sie befähigt, die Angst – selbst vor dem Tod -– zu besiegen und allen Prüfungen und Verfolgungen die Stirn zu bieten. Die Tugend des Starkmutes schützt vor Verzweiflung und lässt hoffen; und schließlich bewahrt sie vor dem Laster des Zornes und führt zur Sanftmut.

Gemäß Worten des hl. Augustinus ist Starkmut die Liebe, die mit dem festen Blick auf Gott gerichtet alles erduldet, ohne zu leiden. In einer Konsumgesellschaft, in der kleinste Verzichte oder Opfer auf riesigen Widerstand stoßen, ist die Tugend der Tapferkeit besonders dringlich. Doch Gott Vater weiß wie kein anderer um unsere Situation hier auf Erden und schenkt uns deswegen Tapferkeit, wenn wir darum bitten, damit uns die ständige Selbstüberwindung leichter fällt. Der Christ erhält auch als Geschenk des Hl. Geistes die Gabe des Starkmutes, welche die Tugend der Tapferkeit vervollkommnet. Die Gabe des Hl. Geistes gibt dem Menschen die Kraft, angesichts höherer Werte wie beispielsweise der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der geistlichen Berufung oder der ehelichen Treue sich selbst zu überwinden.

Starkmut und Liebe

Der starke Mann wurde stets bewundert und als Modell hingestellt, auch in heidnischen Kulturen. Die Taten der Helden, Denker und Gesetzeslehrer, die – statt ihr Ideal zu verleugnen – jede Art von Entsagungen vorgezogen haben, dienten ganzen Generationen als Referenzpunkte. Doch die christliche Tapferkeit, die alle diese edlen menschlichen Züge in sich enthält, ist viel mehr. Das Christentum entspringt einem höchsten Akt von Starkmut und Liebe, dem Tod Christi am Kreuz, und hat sich kraft des Märtyrerblutes weiterentwickelt. Gerade der Christ sollte tapfer sein, wenn nötig bis zum Extrem. „Das Martyrium, das den Jünger dem Meister in der freien Annahme des Todes für das Heil der Welt ähnlich macht und im Vergießen des Blutes gleichgestaltet, wertet die Kirche als hervorragendes Geschenk und als höchsten

Erweis der Liebe. Wenn es auch wenigen gegeben wird, so müssen doch alle bereit sein, Christus vor den Menschen zu bekennen und ihm in den Verfolgungen, die der Kirche nie fehlen, auf dem Weg des Kreuzes zu folgen“ (Konzilskonstitution Lumen gentium, Nr. 42). Der hl. Ignatius von Antiochien sagte: „Lasst mich ein Fraß der wilden Tiere sein, durch die es möglich ist, zu Gott zu gelangen!“ Die Märtyrer bilden die mit Blut geschriebenen Archive der Wahrheit.

Der hl. Polykarp sagte vor seinem Tod: „Herr allmächtiger Gott, ich preise dich, weil du mich dieses Tages und dieser Stunde gewürdigt hast, zur Zahl deiner Blutzeugen zu gehören. Du hast dein Versprechen gehalten, Gott der Treue und Wahrheit.“ Im zweiten Buch der Makkabäer lesen wir vom greisen Eleasar, der es vorzieht zu sterben, statt das Gesetz Gottes zu verletzen: „Ich will jetzt mannhaft mein Leben einsetzen und mich des Alters würdig zeigen. Der Jugend aber hinterlasse ich ein edles Beispiel, wie man mutig und heldenhaft für die ehrwürdigen und heiligen Gesetze eines schönen Todes stirbt.“

Das Feld der Tapferkeit

Die hl. Theresia von Ávila schreibt in ihrer Lebensbeschreibung: „Ich behaupte, ein unvollkommener Mensch habe dazu, den Weg der Vollkommenheit zu gehen, mehr Tapferkeit nötig als dazu, plötzlich Märtyrer zu werden“ (Vida, 31,18). Für gewöhnlich werden wir unserem täglichen Kreuz in kleinen Widerwärtigkeiten begegnen, wie sie bei der Arbeit oder im Zusammenleben auftreten.

In unvorhergesehenen Ereignissen, im schwierigen Charakter eines Mitarbeiters, in der Hektik einer kurzfristigen Änderung unserer Pläne, in Unannehmlichkeiten wie Hitze, Kälte oder Lärm, im mangelnden Verständnis für unsere Absichten, in einer Unpässlichkeit. „Wir können solche alltäglichen Beschwerlichkeiten großherzig und mutig ertragen, gleichsam als Gegengabe für den Herrn – und ohne Klagen; denn wer klagt, gibt zu erkennen, dass er eigentlich das Kreuz zurückweist.

Durch die bereitwillige Annahme der Widerwärtigkeiten werden Bußfertigkeiten, Geduld, Nächstenliebe, Verständnis und andere Tugenden gefördert, wir kommen Gott näher. Nehmen wir sie aber nur widerwillig an, dann werden sie zum Anlass für Empörung, Ungeduld und Mutlosigkeit. Für viele Menschen endet der Tag dann freudlos“ (Francisco F. Carjaval, Meditationen I, S. 15 f.).

Dies ist leicht gesagt, denn sowohl innere wie äußere Schwierigkeiten stellen sich dem Tun des Guten entgegen. Die inneren sind unsere eigenen Unvollkommenheiten. Der Mensch, der sich auf dem Weg zur Tugend befindet, erfährt in sich die Tatsache, daß die Neigungen seines Willens und seiner Sinne vielmals gegen die Vernunft rebellieren. „Äußere Schwierigkeiten sind oft andere Menschen oder Strukturen der Ungerechtigkeit in der Gesellschaft.

Um die sokratische Maxime ,Lieber Unrecht erleiden als Unrecht tun’ in die Tat umzusetzen, bedarf es des Starkmutes. Ohne Starkmut gibt es keine Gerechtigkeit“ (Rhonheimer, Die Perspektive der Moral, S. 214). Der hl. Paulus schreibt den Korinthern: „die wir auf alle Weise bedrängt, aber nicht erdrückt werden, hilflos sind, doch nicht verzweifeln, verfolgt sind, doch nicht verlassen, niedergeworfen, doch nicht verloren.“

In einer Rede im Jahr 1978 sagte Papst Johannes Paul II., dass der Mensch von Natur aus die Gefahr, die Unannehmlichkeiten und das Leiden fürchte. Deshalb sei es nötig, nicht nur auf den Schlachtfeldern starke Menschen zu suchen, sondern auch in den Gängen der Spitäler und neben den Krankenbetten: „Ich möchte all jenen unbekannten Tapferen Ehrerbietung darbringen. Und allen, die den Mut haben, ,nein’ oder ,ja’ zu sagen, wenn etwas schwer fällt.