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Der Zukunft gegenüber entfaltet sich die menschliche Neugier besonders ungebärdig. Unsere technischen Errungenschaften können sie nicht befriedigen, und die Ungeduld dieser Neigung führt viele Menschen zu den Astrologen, Chiromanten und Hellsehern, um dem Schoß dieser neuen Zeitspanne mehr oder weniger Glaubwürdiges zu entreißen.

Man weiß ganz genau um die entscheidende Freiheit der persönlichen und gemeinsamen Geschichte, deren unzugängliche Entwicklung unerforschbar bleibt, und doch ist die Neugierde so gewaltig, dass sogar im Zeitalter des Rationalismus, in einer Epoche ohne Prophetie, der magische, unwissenschaftliche und abergläubische Versuch, die Zukunft im Voraus zu besitzen, Tintenbäche über die Zeitungen und Illustrierten fließen lässt. Die Anziehungskraft der Weissagungen ist nicht verlorengegangen.

Der Mensch ist neugierig. Nicht nur die Kinder, denen das Staunen eine fast grenzenlose Lebendigkeit und Entwicklungsfähigkeit schenkt. Nicht nur die Frauen, deren allseits bekannte Unruhe vor den Lebensfragen des Nächsten und der Menschheit überhaupt so leicht in kleinlichem Geschwätz versandet und geradezu zum Mythos geworden ist. Der Mann ist tatsächlich genau so neugierig wie die Frau, bei der die Beschränkung auf das Anekdotische mit ihrer jahrhundertelangen Verbannung aus den sogenannten männlichen Beschäftigungen und kulturellen Tätigkeiten zu erklären ist.

Aus bekannten soziologischen Forschungen bei verschiedenen primitiven Stämmen der Südseeinseln kennt man die Mundugumor-Frauen, die Häuser bauen, fischen und sich mit freier, aggressiver Sicherheit durch eine gewalttätige, bedrohliche Umwelt bewegen, während ihre Männer zu Hause hocken bleiben, mit den Nachbarn schwätzen, malen, schnitzen und mit ausgesprochen künstlerischem Talent ihre Wohnstätte schmücken.

Im abendländischen – männlichen – Kulturraum konnte sich gerade die Neugier des Mannes entwickeln: Im breiten Bereich des Geistigen, in der Erforschung der Natur und bei der kriegerischen Eroberung unbekannter Länder. Gerade die neugierigsten Männer haben vornehmlich nach dem Wesen der Dinge und der Naturvorgänge gefragt; so entstanden allerlei Weltanschauungen, die das Ihre dazu beigetragen haben, dass sich der Mann im Dunst der Abstraktionen, Begriffe, Worte und künstlichen Vorstellungen verlor.

Geburt der Naturwissenschaften

Die typische Ungeduld und der ebenso typische Stolz des Mannes konnte aber die Begegnung mit dem Geheimnis der Welt nicht ertragen, und so suchte er sich nach und nach Modelle, nach denen die rätselhafte Welt ausgelegt und umgestaltet wurde: Das war die Geburt der modernen Naturwissenschaften – eine Resignation des Geistes, ein Verzicht auf die echteste und edelste Neugier, eine unverständliche „Nüchternheit“, die Robert Musil – unabhängig von den Phänomenologen, die dieselbe Kritik übten – glänzend und paradox beschrieben hat.

Seit der Renaissance gibt es einen Trend, der von der Erforschung der „letzten Wirklichkeit“ der Naturvorgänge – die Dichtern und Mystikern überlassen wird – wegführt und sich allein und einfach der Erforschung der Oberfläche widmet, den nackten Tatsachen nachspürend, die vor uns erscheinen. Das Denken wurde zum Luxus, den man sich nicht erlauben kann. Man bevorzugt das Herrschen, das Besitzen, das Lenken, das Messen. 

Die entscheidenden Fragen

Alles übrige – die entscheidendsten Fragen nach unserem Schicksal, nach Leben und Tod, nach dem Bösen, nach dem Geist, nach Gott – vergisst der neue wissenschaftlich simulierte Ernst geflissentlich.

Dichter und Mystiker fragen sich immer noch unermüdlich: Warum das Leid? Warum das Blühen und Welken der Schönheit? Warum bekämpfen die Menschen einander? Warum ist die Wahrheit so schwer zu fassen? Warum die Berge und Täler, warum so viele Vögel in der Luft, so viele bunte Fische in den unbekannten Tiefen des Meeres, so viel lebentragender Blütenstaub verschwenderisch zerstreut? Warum die Naturgesetze? Wie kommt es, dass die Steine nicht trinken, die Bäume nicht beten und die Wurzeln nicht singen? Warum das Geheimnis der Sprachen, die immer neue Geheimnisse hervorbringen?

Warum unsere ständige Unruhe, die ewige, unaufhaltsame Bewegung der Gedanken und die Verflechtung der Gefühle, deren unentwirrbarer Knäuel einen Faden entlässt, der die zerbrechlichen Spitzen eines unbekannten, fabelhaften Gewandes webt? Warum dieses Rätsel der menschlichen Handlung, diese barocke Verarmung, dieses Sich-Ergeben vor der Fülle der Wirklichkeit und dieses Sich-auf-das-Einzelne-Verlassen, das uns den Verzicht auf tausende und tausende Lebensmöglichkeiten aufzwingt? Und nur ein einzigartiges, einmaliges Ich für ein so altes, so flatterhaftes Spiel, so unmittelbar und so weitsehnend, so arm und so reich zugleich?

„Das Leben ist nichts anderes als ein Oxydations- und Verbrennungsprozess“, behauptete mit der Überlegenheit der positivistischen Denkungsart ein Wiener Professor. Worauf sich im Hörsaal die Stimme eines Burschen erhob – der später als Psychiater Prof. Frankl bekannt werden sollte -: „Und dann … was für einen Sinn hat das Leben?“

Flucht ins Modell

„Im Kampf ums Leben gibt es keine denkerischen Sentimentalitäten, sondern nur den Wunsch, den Gegner auf dem kürzesten und tatsächlichsten Wege umzubringen; da ist jedermann Positivist … Sieht man andererseits zu, welche Eigenschaften es sind, die zu Entdeckungen führen, so gewahrt man Freiheit vor übernommener Rücksicht und Hemmung, Mut, ebensoviel Unternehmungs- und Zerstörungslust, Ausschluss moralischer Überlegungen, geduldiges Feilschen um den kleinsten Vorteil, zähes Warten auf dem Wege zum Ziel, falls es sein muss, und eine Verehrung für Maß und Zahl, die der schärfste Ausdruck des Misstrauens gegen alles Ungewisse ist; mit anderen Worten, man erblickt nichts anderes als eben die alten Jäger-, Soldaten- und Händlerlaster, die hier bloß ins Geistige übertragen und in Tugenden umgedeutet worden sind.“ So die unbarmherzigen Worte des großen Österreichers Robert Musil in seinem „Mann ohne Eigenschaften“.

Und auch der widerspenstige Schüler Sartres Merleau Ponty hat Ähnliches gesagt: „Die Wissenschaft manipuliert die Dinge, statt sie zu bewohnen.“ So lässt sich auf den Naturwissenschaftler – der nicht mehr mit dem Phänomen Welt zusammenstoßen möchte und sich deshalb entscheidet, sie nach einem Modell zu rekonstruieren, das er sich von ihr gemacht hat – der Vorwurf Kierkegaards anwenden: „Sie errichten Gedankenpaläste, aber wohnen in der Hundehütte nebenan.“ Hundehütte – nicht weil ungemütlich oder unkomfortabel, sondern Hundehütte als etwas Untermenschliches schlechthin.

Alles am Menschen ist neugierig

Das Auge – dieser Bahnbrecher der Neugier – wird durch die „Dioptrique“ (Lehre von der Lichtbrechung) Descartes’ keineswegs erklärt. Es ist viel mehr als ein höchst genauer Fotoapparat, es sieht allein, was es schaut, seine Tätigkeit hängt von seiner Selbstbewegung ab, es besitzt das Sichtbare – aber allein von der Ferne, es öffnet den Gegenstand zur Welt.

Von seinem ganzen Leib und von seiner ganzen Seele her ist der Mensch neugierig: Sein Dasein ist wortwörtlich ein Da-Sein, außerhalb seiner selbst, bei den Dingen, weltoffen. Seine Existenz ist lebendige, leibhaftige Neugier, die man von Kindheit an vorsichtig und liebevoll erziehen sollte, damit sie keiner Entartung unterliege. Die Zeitlichkeit, die Geschichtlichkeit unseres Daseins stimuliert, schürt die Neugier gleich wirksam wie das Rätselhafte, das Unberechenbare, das Sprunghafte. Alles am Menschen – Sinnesorgane, Vernunft, Herz – ist neugierig, kontaktsüchtig, strebt nicht nur nach Erkenntnis, sondern auch nach Vereinigung, nach Einheit.

Pathologie der Neugierde

„Neugier“ ist ein so ungeschicktes Wort, das uns viel mehr an den Sündenfall denken lässt als an die Unruhe des Herzens bei den Heiligen. Die Neugier steht in Wirklichkeit dem Stolz Adams und Evas ganz entgegen: Sie ist und kann nur geschöpflich sein – niemals göttlich -, demütig und zugleich hartnäckig, nicht nach dem Modischen – der letzten Neuheit und Neuigkeit – verlangend, sondern nach dem Verborgenen, in dem alles Leben wohnt und sich entfaltet.

Sie bleibt echt und nobel allein dann, wenn sie auf Beherrschen verzichtet und die reine Schau vorzieht. Sie strebt nicht nach den Sicherheitsmaßnahmen der astrologischen Kenntnisse, sondern nach der exponierten Beschaulichkeit des dunklen Glaubens. Sie erlaubt sich keine trockene Intellektualisierung – sie muss Liebe sein, die sich nur in der unersättlichen, unenttäuschbaren Erforschung des Mysteriums des Du treu, glücklich und immer neu entwickeln kann.

Gleichzeitig verbietet sie sich das Steckenbleiben ihres Drängens im engen Bezirk der Leiblichkeit, dessen deutlichstes Ausdruckszeichen die sexuelle Neugier ist. Diese ist (außer im Fall des Erwachens der Geschlechtlichkeit) das Relikt jener wahren, geistigen Neugier, deren Größe und weitatmender Lebensraum hier durch monotone und zwanghafte Wiederholungen ersetzt wird. Man darf annehmen, dass es sich hierbei um jene steckengebliebene Neugier handelt, die aus der Schwermut (im alten Sinne des Begriffes) herrührt, die die Unfähigkeit des Geistes ausdrückt, sich zu erheben.

Zur Pathologie der Neugierde gehört nicht nur die Einengung und Verstockung im Raum des Sexuellen und Sinnlichen, sondern auch ihre Hemmung, die man als Gleichgültigkeit, Verschlossenheit, Kontaktlosigkeit oder als Entfremdung des Ich der Welt, den Menschen und den Dingen gegenüber bezeichnen kann, und die sich nicht selten als bescheidene Loslösung verkleidet, obgleich sie in der Tat dämonische Kälte darstellt. „Der Teufel ist die personifizierte Kälte“ (Katharina von Genua).

Es gibt auch die Kälte des beruflichen Handelns: die professionelle Objektivität der Ärzte, die mathematische Distanzierung der Soziologen – die sich jetzt ganz unbefangen im Labyrinth des Strukturalismus tummeln -, die durch und durch rationalisierte Grausamkeit der Technokraten aller Art von Planungssystemen usw.: Ihnen allen ist allein die „Wärme“ der Berufung zum Teilhaben am realen Leben entgegenzusetzen, von der die wahren „Menschenfreunde“ immer erfüllt waren.

Forschung und Glaube

Nicht primitive Angst vor dem wissenschaftlichen Fortschritt lenkt die tief in uns verankerte Neugierde, die sich stets nach den wirklichen Gründen des menschlichen Schicksals sehnt und zum engagierten Teilhaben führt, auch wenn sie zugleich die Überwindung jeder naiven Befriedigung in sich schließt. Der ideale Neugierige wäre jener Mensch, der alle Wissenschaften beherrscht und weiterentwickelt, gleichzeitig aber das Unbegreifliche, Unsagbare, Unzugängliche der Schöpfung nie aus den Augen verliert.

Der Glaube setzt nicht nur dem menschlichen Wissen seine Grenze; er ist auch mächtigster Antrieb für das allgemeine, unstillbare Forschen. Der Glaube sagt uns, was das Numinose der Welt offenbart, ohne dabei die Anziehungskraft der göttlichen Spuren auszulöschen. Und gerade wenn man – dank dem herabgestiegenen Licht des Glaubens – weiß, dass im Menschen und in der Umwelt alles von Gott spricht, alles Gott erwähnt, ist die Neugier zum Stachel des menschlichen Geistes geworden.

„Fides quaerens intellectum“ (der nach Erkenntnis strebende Glaube) war bereits im Mittelalter die am meisten akzeptierte Definition der Theologie: höchste Ausdrucksform der Unruhe des menschlichen Herzens, der menschlichen Neugier. Trotzdem bleibt ein altes Vorurteil weiter verbreitet, nach welchem Glaube und Gotteslehre dem Menschen jede Lust am Leben, am Suchen und Handeln nehmen.

Studium – Bremse der Neugier

Sich von den Vorurteilen leiten zu lassen, ist aber nichts weiter als eine alteingeführte, faule Neigung zu Bequemlichkeit und falschen menschlichen Rücksichten: „Das Vorurteil ist eine Mauer, von der sich noch alle Köpfe, die gegen sie ang’rennt sind, mit blutige Köpf’ zurückgezogen haben“ (Nestroy).

Es ist Tatsache: Der Glaube setzt die dialektische Lebendigkeit des Menschen in Bewegung. Er fördert die Neugier, den Einsatz, das Wagnis des abenteuerlichsten Forschens und Handelns, wenn aber Forschung und Engagement vom Glauben geprägt sind, dann werden sie sich auch beugen können vor dem Tor zum Mysterium. Die alte „Studiositas“ wird vom Aquinaten als Bremse und Maß der „Curiositas“ dargestellt. Kein Studium ohne Neugierde, aber auch keine würdige Neugier ohne ein vom Glauben geformtes Studium. Tänzerische, anmutige Schritte über die Schwellen der Zeit – in Vertrauen und Gelassenheit, lebendig und doch gemessen – können nur jene Menschen tun, deren Glaube die Neugier anspornt und sie gleichzeitig bescheiden bleiben lässt.

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Johannes B. Torelló
* 7. November 1920 in Barcelona; † 15. August 2011 in Wien - war ein aus Spanien stammender österreichischer Geistlicher und römisch-katholischer Theologe sowie weltbekannter Neurologe und Psychiater. - Zahlreiche Werke über Themen des Grenzgebietes Psychiatrie-Seelsorge-Spiritualität. Mehrmals übersetzt wurden zwei Bücher: „Psicanalisi e confessione“ und „Psicologia Abierta“ (auf Deutsch ursprünglich als Essays in der Wiener Monatsschrift „Analyse“ erschienen). Andere Titel von Vorträgen, Aufsätzen usw.: Medizin, Krankheit, Sünde; Zölibat und Persönlichkeit; Was ist Berufung? Die Welt erneuern (Laienspiritualität); Über die Persönlichkeit der ungeborenen Menschen; Erziehung und Tugend; Glauben am Krankenbett; Arzt-Sein: Soziale Rolle oder personaler Auftrag? Die innere Strukturschwäche des Vaters in der heutigen Familie; Echte und falsche Erscheinungen; Schuld und Schuldgefühle; Die Familie, Nährboden der Persönlichkeitsentwicklung; Neurose und Spiritualität; Über den Trost; Lebensqualität in der Medizin.