(Foto: Etienne George)

Filmische Qualität:   4 / 5
Regie:Julien Abraham
Darsteller:Frédéric Chau, Medi Sadoun, Julie de Bona, Steve Tran, Bing Yin, Mylène Jampanoï, Clémentine Célairié, Li Heling, Xing Xing Cheng, William Taing
Land, Jahr:Frankreich 2019
Laufzeit:87 Minuten
Genre:
Publikum:ab 12 Jahren
Einschränkungen:
im Kino:7/2019

Der junge Fotograf François (Frédéric Chau) hat sich nach einem zehn Jahre zurückliegenden, heftigen Streit mit seinem Vater Meng (Bing Yin) von seinen asiatischen Wurzeln losgesagt. Als aber seine Freundin Sophie (Julie de Bona) schwanger wird, drängt sie ihn, sich mit seinem Vater zu versöhnen – schließlich soll ihre Tochter wissen, wer ihr Großvater ist. François macht sich zusammen mit seinem Freund Bruno (Medi Sadoun) auf den Weg zum Chinatown von Paris, den 13. Bezirk, in dem er aufgewachsen ist, in den er aber seit einem Jahrzehnt keinen Fuß mehr gesetzt hat.

Von allen möglichen Verwandten wird François überschwänglich begrüßt – nur sein Vater und sein kleiner Bruder Félix (Steve Tran), den er kaum kennt, zeigen kein Interesse am verlorenen Sohn. Die Versöhnung wird schwieriger als zunächst gedacht. Aber bald drängt auch Bruno darauf, denn er hat sich in François´ Jugendfreundin Lisa (Mylène Jampanoï) verguckt.

Das Drehbuch von Regisseur Julien Abraham und Mitautor Kamel Guemra verknüpft nach einer Idee von Hauptdarsteller Frédéric Chau selbst zwei ernste Themen miteinander, die in eine komödiantische Handlung eingepasst werden. Einerseits geht es um das Erforschen der eigenen Identität: François scheint teilweise französischer als jeder Franzose werden zu wollen – was bereits in seinem Vornamen wohl liegt. Dass er dabei seinen „Migrationshintergrund“ beinahe vergessen hätte, zeugt zwar von den Schwierigkeiten, mit einer doppelten kulturellen Identität umzugehen, ist jedoch in dem konkreten Fall auch dem Umstand geschuldet, dass sich François mit seinem Vater richtig verkrachte, als er seinen eigenen Berufsvorstellungen folgte. Damit kommt ein weiterer universeller Gedanke hinzu, eine Familiengeschichte, die vom Meinungsunterschied zwischen den Vorstellungen ehrgeiziger Eltern und den Lebensentwürfen der Kinder erzählt. Zu den komödiantischen Seiten von „Made in China“ zählen insbesondere auch die Fettnäpfchen, in die Bruno beim Werben um Lisa immer wieder tritt.

Interview mit Frédéric Chau, Hauptdarsteller des Filmes „Made in China“ und Ideengeber für dessen Drehbuch

„Made in China“ beruht – wie es heißt – auf einer Idee von Ihnen. Wie viel ist von dieser Idee im fertigen Film übriggeblieben? Wie viel Autobiographisches findet sich darin?

Im fertigen Drehbuch findet sich mehr als achtzig Prozent meiner ursprünglichen Idee wieder. Was die zweite Frage angeht, würde ich auch sagen: achtzig bis neunzig Prozent. Denn ich habe mit den Drehbuch-Mitautoren Kamel Guemra und Julien Abraham ein paar Jahre damit verbracht, die Ideen und Themen, die mir wichtig waren, zu strukturieren: Was bedeutet Elternschaft, was bedeutet Franzose zu sein, wenn man asiatische Wurzeln hat?

Vor kurzem sagte jemand, dass mit der Vaterschaft der Mittelpunkt seiner Welt von sich selbst auf das Kind übergegangen sei. Ist die Vaterschaft für Sie auch eine einschneidende Wendung gewesen?

Ich kann diese Aussage voll und ganz unterschreiben. Seit ich Vater einer Tochter geworden bin, hat sich vieles verändert. Ich sehe Dinge anders, ich setze Prioritäten. Es ist wie ein Motor für mich, weil ich meiner Tochter Antworten geben möchte, wenn sie Fragen stellt. Ich verschwende beispielsweise viel weniger Zeit als früher. Ich entscheide viel schneller. Außerdem ist es mir sehr wichtig, ihr so viel wie möglich weiterzugeben.

Kommen wir zu François, den Sie im Film darstellen. Für François bedeutet die bevorstehende Geburt seines ersten Kindes, sich die Frage zu stellen: „Was soll ich sagen, wenn mein Kind nach seinen Wurzeln fragt?“ Damit verbunden, stellt er sich die Frage, wie die Beziehung zu seinem Vater weitergehen soll …

Er ist unheimlich glücklich, als seine Frau ihm sagt, dass er Vater wird. Dann stellt er sich ganz schnell Fragen: Wie soll er seinem Kind erklären, wo es herkommt? Was ist mit dem asiatischen Teil der Familie, den er im Streit verlassen hat? Seine Frau sagt: „Dass Du Dich mit Deinem Vater verkracht hast, ist die eine Geschichte. Aber ich will nicht, dass unsere Tochter nicht weiß, wer ihr Großvater ist. Ich will nicht, dass unsere Tochter ihre asiatische Familie nicht kennt.“ Sie ist also diejenige, die ihn dazu bringt, in den 13. Pariser Bezirk zurückzugehen, in dem er aufgewachsen ist. Sie zwingt ihn geradezu, sich mit seinen Wurzeln wieder auseinanderzusetzen.

Kann es sein, dass François wie viele andere aus seiner Generation so sehr versucht hat, sich in die französische Gesellschaft zu integrieren, dass seine Wurzeln in den Hintergrund getreten sind? 

Ich möchte nicht verallgemeinern. Ich habe den Weg von François gezeigt, das ist sein Weg. Andere haben vielleicht andere Wege zurückgelegt. Jeder trifft seine eigene Wahl. Es gibt bestimmt welche, die ihre Wurzeln ablegen. Einige haben nicht einmal das Bedürfnis, diese Wurzeln wiederzufinden. Einige leiden vielleicht darunter, und andere leiden nicht darunter. Ich kann nur über das reden, was ich kenne. Ich bin davon überzeugt, dass nur, wenn man sich selbst akzeptiert, dann auch glücklich werden kann. Ich persönlich habe jetzt meine beiden Identitäten angenommen, und ich bin glücklich damit. Dies ist meiner Meinung nach eine Bereicherung. 

Können Sie dies konkretisieren? 

Ich will eine Geschichte erzählen. Ich habe einen Zeitungsartikel über die Wirtschaft in den Vereinigten Staaten gelesen. Dort hieß es, dass für die ganz großen Firmen wie Microsoft, Apple, Facebook … beim Einstellen von jungen Menschen ein ganz wichtiges Kriterium ist, ob sie mehrere Nationalitäten, mehrere Identitäten haben. Denn sie haben festgestellt, dass diejenigen, die mehrere Identitäten haben, anders ticken, anders denken als jemand, der dieselbe Ausbildung hat, dem aber dieser Hintergrund fehlt, und deshalb eine „monolithische“ Denkweise besitzt. 

Der deutsche Verleih macht Werbung für „Made in China“, indem er auf die „Monsieur Claude“-Filme hinweist, in denen Sie eine Hauptrolle spielen, und der Sie in Deutschland bekannt gemacht haben. Dazu kommt, dass auch Medi Sadoun, der in „Made in China“ eine wichtige Nebenrolle hat, ebenfalls in Deutschland aus den „Monsieur Claude“-Filmen bekannt ist. Handelt es sich dabei um einen Werbetrick, oder was hat „Made in China“ mit diesen Filmen zu tun? 

Der Humor von „Made in China“ unterscheidet sich sehr stark vom Humor in den „Monsieur Claude“-Filmen. Der einzige Grund, warum Medi Sadoun in meinem Film mitspielt, ist, dass wir Freunde geworden sind. Wir haben uns bei den Dreharbeiten zum ersten „Monsieur Claude“-Film (Monsieur Claude und seine Töchter) kennengelernt. Interessant ist es aber, dass Medi (Sadoun) wirklich im 13. Pariser Bezirk lebt. Er ist dort aufgewachsen, hat dort sein ganzes Leben gelebt, weshalb er dieses „Chinatown“ besser kennt als ich. Wir sind sehr enge Freunde geworden, und es war ganz selbstverständlich, dass er in meinem neuen Film mitspielt.

Wie sieht Ihre Zukunft aus? Möchten Sie im Komödiengenre weiter arbeiten? 

Ich möchte nicht so gerne in Schubladen denken. Als nächstes habe ich gerade einen Thriller mit dem Titel „Le traducteur“ („Der Übersetzer“) abgedreht, der in Frankreich im Dezember in die Kinos kommt. Der Film, an dem ich im Moment schreibe, ist ein Film über die Familie. Denn die Familie ist für mich ein unerschöpfliches Thema.