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(Foto: Pandora)

Filmische Qualität:   5 / 5
Regie:Terrence Malick
Darsteller:August Diehl, Valerie Pachner, Maria Simon, Tobias Moretti, Bruno Ganz, Matthias Schoenaerts, Karin Neuhäuser, Ulrich Matthes, Martin Wuttke, Franz Rogowski
Land, Jahr:Deutschland, USA 2019
Laufzeit:173 Minuten
Genre:
Publikum:ab 12 Jahren
Einschränkungen:
im Kino:1/2020
Auf DVD:8/2020

Terrence Malicks Spielfilm über Franz Jägerstätter „Ein verborgenes Leben“, der auf den Internationalen Filmfestspielen Cannes uraufgeführt wurde, startet nun im regulären Kinoprogramm. Der 75-jährige Regisseur zeigte als der Episkopalkirche angehörender, gläubiger Christ schon immer ein besonderes Interesse für die Transzendenz. Insbesondere in „The Tree of Life“ bietet Terrence Malick ein Loblied auf die Schöpfung, auf die Vater- und Mutterschaft sowie auf die Suche nach Gott. Nun widmet er sich dem von der katholischen Kirche seliggesprochenen, österreichischen Bauern Franz Jägerstätter, der am 20. Mai 1907 in St. Radegund in der Nähe von Salzburg geboren, im Juli 1943 wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt und am 9. August 1943 hingerichtet wurde.

Unterlegt von Choralmusik beginnt „Ein verborgenes Leben“ mit der Ankunft Adolf Hitlers in Nürnberg. Bilder, die der Zuschauer insbesondere aus Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“ (1935) kennt. Nach einem Schnitt ? Terrence Malick setzt häufig einen „springenden Schnitt“ ein, um einen längeren Zeitraum zu überspringen ? arbeitet Franz Jägerstätter (August Diehl) zusammen mit seiner Frau Franziska, genannt Fani (Valerie Pachner) in der Natur im österreichischen Dorf St. Radegund. Es ist das Jahr 1939, also ein Jahr nach dem „Anschluss“ Österreichs. 

Im Jahre 1940 wird Jägerstätter zum Militärdienst einberufen. Der Regisseur verdeutlicht die große Liebe zwischen Franz und seiner Frau Fani, indem er aus dem von Erna Putz als Buch herausgebrachten Briefwechsel zwischen den Eheleuten mit einem weiteren Stilmittel zitiert, das Malick immer wieder einsetzt, mit der Off-Stimme. Immer wieder wechselt der Film von einem (Kaserne) zum andern Handlungsort (Bauernhof) hin- und her. In der Kaserne lernt Jägerstätter den gleichgesinnten Waldland (Franz Rogowski) kennen. Bald wird Franz als „unabkömmlich“ eingestuft, und kann nach wenigen Tagen auf den Hof zurückkehren. Allerdings mit dem festen Vorsatz, einer etwaigen weiteren Einberufung nicht mehr Folge zu leisten.

Als Franz Jägerstätter erneut einberufen wird, erklärt er deshalb am 1. März 1943 bei der Stammkompanie in Enns, dass er auf Grund seiner religiösen Einstellung den Wehrdienst mit der Waffe ablehne. Jägerstätter wird in das Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis im Linzer Ursulinenhof gebracht, Anfang Mai nach Berlin-Tegel überstellt. Am 6. Juli 1943 wird Franz Jägerstätter wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode verurteilt und am 9. August 1943 im Zuchthaus Brandenburg an der Havel hingerichtet. 

Damit gehört Franz Jägerstätter zu den wenigen Menschen, die aus religiösen Gründen den Treueeid auf Hitler verweigerten, und diese Weigerung mit dem Leben bezahlten. Dazu zählen Zeugen Jehovas („Bibelforscher“), Siebenten-Tags-Adventisten, Hermann Stöhr und Martin Gauger von der Bekennenden Kirche sowie etwa 20 katholische Christen, von denen der Pallottinerpater und Mitglied der Schönstattbewegung Franz Reinisch, dessen Seligsprechungsprozess im Gange ist, der Bekannteste sein dürfte. 

Terrence Malick führt Franz Jägerstätter als ganz normalen Familienvater ein: Die Liebe zu seiner Frau und zu seinen drei Töchtern geht mit ganz gewöhnlichen Alltagsfreuden sowie mit der Arbeit als Bauer einher, zu der dann auch der unentgeltlich verrichtete Küsterdienst in seiner Pfarrkirche kommt. Denn Franz war insbesondere durch seine Frau Franziska „Fani“, geb. Schwaninger (1913-2013) dem katholischen Glauben nähergekommen.

Neben Authentizität ? viele Innenaufnahmen erfolgten in Jägerstätters Haus, in dem Fanis Stickereien immer noch an den Wänden hängen, in die Tonspur wurden während der Produktion eingefangene Töne und Geräusche aufgenommen ? legt Terrence Malick besonderen Wert auf die Naturverbundenheit seiner Protagonisten, ebenfalls ein immer wiederkehrendes Element in seinen Filmen. Kameramann Jörg Widmer liefert dazu Bilder von poetischer Eleganz, kombiniert mit der fahrenden Kamera und den Bildern in leichter Untersicht, die zu den Markenzeichen Terrence Malicks gehören.

„Ein verborgenes Leben“ zeigt vor allem einen Franz Jägerstätter, der seinem Gewissen folgt. Dabei handelte er ähnlich Franz Reinisch, der geschrieben hatte: „Sooft ich auch mein Gewissen überprüfe, ich kann zu keinem anderen Urteil kommen. Und gegen mein Gewissen kann und will ich mit Gottes Gnade nicht handeln.“ Franz hatte 1938 einen Traum, den er als Warnung vor dem Nationalsozialismus deutete. Deshalb stimmte Jägerstätter als Einziger in St. Radegund gegen den „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich.

In den Mittelpunkt seines Filmes stellt Terrence Malick den inneren Kampf Franz Jägerstätters und sein Festhalten an einer Gewissensentscheidung trotz des Unverständnisses der anderen Dorfbewohner und der Konsequenzen, die eine solche Entscheidung mit sich bringt. Deshalb zeigt „Ein verborgenes Leben“ etliche Parallelen zu Fred Zinnemanns „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“ (1966) über Thomas Morus. Auch der zurückgetretene Lordkanzler Heinrichs VIII. von England vermochte aus Gewissensgründen nicht, den Eid auf den vom Parlament verabschiedeten „Act of Succession“ abzuleisten, obwohl er von Freunden dazu gedrängt wurde, und ihm die Konsequenzen bewusst waren.

Gut 400 Jahre nach Thomas Morus weigerte sich auch Franz Jägerstätter, einem staatlichen Gesetz seine Zustimmung zu geben, das im Gegensatz zu den göttlichen Gesetzen steht. Mit ganz eigenen Stilmitteln ist Terrence Malick eine Art Neuauflage von Fred Zinnemanns Klassiker über Thomas Morus gelungen.

Nicht mehr zum Gegenstand von „Ein verborgenes Leben“ gehört aber die „Nachgeschichte“: Franz Jägerstätter wurde am 26. Oktober 2007 seliggesprochen. Seine damals 94-jährige Frau Franziska konnte noch an der Feier teilnehmen ? sie starb 2013 in St. Radegund.