Lesezeit: ≈ 3 Minuten

Ausgehend von einer die Unterschiede zwischen Mann und Frau beachtenden Anthropologie führt Isa Vermehren im zweiten Teil ihres Artikels aus, wie eine Mädchenschule konkret das Selbstverständnis des Mädchens und seine Entwicklung zur reifen Frau fördern kann.

Ihre reiche Erfahrung als Direktorin mehrerer Mädchenschulen gepaart mit feinsinniger Beobachtungsgabe rücken die Mädchenschule in ein inzwischen ungewohntes Licht: nicht „alter Zopf“ mit Rollenklischee, sondern personale Förderung wie Eltern sie sich von einer Schule wünschen.

Vergleich mit Ihresgleichen

Die jahrelange Zugehörigkeit zu einer festen Gruppe Gleichaltriger ermöglicht es den Mädchen, über ihre entscheidenden Entwicklungsjahre hinweg einen unaufhörlichen Vergleich mit anderen, der, wie wir wissen, den wichtigsten Zugang zu Selbsterkenntnis und Selbstdefinition darstellt. Da sich gewöhnlich in dieser Gruppe feste Freundschaften bilden, geht eigentlich alles, was ein Mädchen in diesen Jahren beschäftigt, in dieses vergleichende Sich-miteinander-Austauschen ein: die Entdeckungen bei und in sich selbst, die Erfahrung mit den Eltern, mit Brüdern, mit den ersten und zweiten Freunden. 

Wenn die andere auch andere Erfahrungen macht, so macht sie sie doch aus der gleichen Perspektive des Mädchenseins, die ja eine Grundgegebenheit ist, hinter die nicht zurückgefragt oder -gegriffen werden kann und die eben eine andere Grundgegebenheit ist als die des Jungeseins – sie läuft voraus in eine vage Vorstellung von Frausein, Frauwerdenwollen, für die die Maßstäbe und Richtlinien erst noch erprobt werden müssen.

Reifungsvorsprung zu den Jungen

Wer soll sie geben – der gleichaltrige Junge etwa, der in seiner Entwicklung in diesen Jahren der Pubertät ein bis zwei Jahre hinter den Mädchen zurücksteht? Zu junge oder unterlegene Freunde lösen bei Mädchen hypertrophe Mitleidsgefühle aus, die ihnen ein in sich sehr unsolides Überlegenheitsgefühl geben, hinter dem sie ihre eigene Reifung vernachlässigen: sie sind ja schon so weit, wissen so viel, verstehen alles – und fast nichts davon ist bewährt, sondern hängt an der unreifen Bewunderung durch den zu jungen Freund. 

Mädchen sind da nüchterner miteinander und geben füreinander bessere Maßstäbe ab. Sie unterscheiden bei ihresgleichen sehr sicher zwischen echten Gefühlen und solchen, die nur um der Wirkung willen zur Schau gestellt werden, und reagieren entsprechend.

In den Jahren, in denen Jungen noch ungezähmt wild und/oder faul sind, sind Mädchen ehrgeizig und fleißig; die Aufmerksamkeit der Jungen haftet noch an äußeren Merkmalen, wenn die Mädchen bereits nach inneren Zusammenhängen fragen.

Bei der Vorbereitung von Festen, Überraschungen, Geschenken verwenden Mädchen größere Sorgfalt, gepaart mit liebevollster Geduld für das Detail. Die Wirkung, die davon ausgeht, ist beglückend: man fühlt sich wohl mit dem oder in dem, was sie gemacht haben. Ihre Dekoration ist wirklich Schmuck, Ausschmückung, die festlich stimmt. Jungen sind dafür fast unempfindlich.

Besonderheiten der „Evaseele“

Mädchen haben ihre eigenen Heimlichkeiten: Kleinigkeiten der Beobachtung, der Empfindung, in denen sich ihre Evaseele kundtut – lange Zeit hindurch nur der Gleichaltrigen verständlich und von ihr mit der richtigen Wertschätzung bedacht. Lehrer sind ein unerschöpfliches Übungsfeld für die Beobachtung menschlicher Eigentümlichkeiten und deren Interpretation.

Mädchen introvertieren früher und intensiver als Jungen und bedürfen dabei anderer Medien und Hilfestellungen. Tatsächlich spielt bei diesem Prozess, der ja zugleich auch der der beginnenden Ablösung von den Eltern ist, die Schule eine große Rolle, sei es, dass sie dem einzelnen Mädchen hilfreiche Begegnung bereitstellt, oder eine Erfolgserfahrung, die zur Stabilisierung des selbst entworfenen Bildes beiträgt – wie etwa eine Fachleistung oder ein bemerkenswerter sozialer Einsatz in der Klassengemeinschaft oder dergleichen.

Auf alle Fälle verlaufen diese Risiken und Bewährungen in dem überschaubaren zweitorigen Spannungsfeld: ich suche mich, und die anderen, die mir von der Art her vertraut sind – oder auch die Situation, die ich mit ihnen gemeinsam habe -, helfen mir dabei. Eine dritte Beziehung, die zu dem anderen, dem von seiner Art und seinem Wesen anderen, die Beziehung zu seinem Ja oder Nein, die einen zusätzlichen mich an gänzlich anderer Stelle treffenden Wert hat, diese Beziehung steht noch aus, mit Recht: denn ich selber „stehe ja noch aus“, bin noch nicht fertig, habe in dem Sinne noch kein Gesicht, weiß noch nicht, wen oder was ich meine, wenn ich „Ich“ sage, bin noch auf der Suche nach mir und meiner Art – kann noch keine Nähe gewähren.

(wird fortgesetzt)

Vorheriger ArtikelKinder brauchen Vorbilder (2)
Nächster ArtikelAlles Steht Kopf
Isa Vermehren
Isa Vermehren (* 21. April 1918 in Lübeck; † 15. Juli 2009 in Bonn) wurde als Tochter liberaler protestantischer Eltern geboren. Sie besuchte das Gymnasium Ernestinenschule. Schon als 15-Jährige trat sie mit ihrer Ziehharmonika in Werner Fincks politischem Kabarett "Katakombe" in Berlin als "Agathe" auf und trug politisch umgetextete Seemannslieder vor – ihr regimekritisches Lied "Eine Seefahrt, die ist lustig", in dem sie Nazi-Größen karikierte. Ebenso war sie Schauspielerin in UFA-Filmen und bei der Truppenbetreuung an der Front. Nach dieser Zeit holte das Abitur auf einer Abendschule nach. 1938 konvertierte sie zum katholischen Glauben. Da ihr Bruder Erich Vermehren Mitglied der "Abwehr", des militärischen Geheimdienstes der deutschen Wehrmacht, unter Admiral Wilhelm Canaris war und sich im Januar 1944 absetzte, griff Goebbels zum Mittel der Sippenhaft und ließ Isa Vermehren verhaften. Sie kam nacheinander in die Konzentrationslager Ravensbrück, Buchenwald und Dachau. Am 4. Mai 1945 wurde sie in Südtirol, wohin sie als Mitglied des Geiseltransports verschleppt worden war, befreit. Nach dieser Leidenszeit stellte sich die gläubige Christin die Sinnfrage: "Worauf hinaus willst Du mit mir, lieber Gott, bei diesen unüberhörbaren, unübersehbaren Umbauarbeiten in meinem Allerinnersten? Und die Antwort kam eigentlich schnell und unverwechselbar klar: es soll mir nur noch gehen um ein Sein für andere, Sein mit ihnen, Sein in Chris­tus und durch Christus und mit Christus als Kraft und Quelle für das Sein für andere im Strom seiner Liebe." (OR 20. April 2018, S.3)