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Klugheit ist eine menschliche Tugend, die „die praktische Vernunft bereit macht, in jeder Lage unser wahres Gut zu erfassen und die richtigen Mittel zu wählen, um es zu erlangen“

Gut gemeint reicht nicht

Spätestens seit Thomas von Aquin wird der Klugheit eine herausgehobene Stellung unter den Kardinaltugenden beigemessen. Das ist auch dem gesunden Menschenverstand leicht zugänglich, denn wie stünde man da, wenn alles redliche Bemühen um gerechtes und maßvolles Handeln, so tapfer es auch vertreten wäre, am Ende daran scheiterte, dass Fehleinschätzungen doch alles zunichte machten? Mit anderen Worten: Nur „gut gemeint“ reicht nicht.

Nun gehen zwar die philosophischen Erwägungen eines Thomas von Aquin weit über solche alltagsphilosophischen Spruchweisheiten hinaus. Dennoch scheint es mir zulässig zu sein, hier die Brücke zum Umgangssprachlichen bzw. zur Volksweisheit zu schlagen, denn gerade die Tugenden haben immer einen direkten Bezug zur vielberufenen „Lebenswirklichkeit“ der Menschen, zur Erfahrung der „conditio humana“[2].

Klugheit und Wirklichkeit

Doch es steckt mehr in dieser Vorrangstellung der Klugheit unter den vier Kardinaltugenden, etwas das tiefer reicht als Alltagsweisheit und Empirie. Die Verwirklichung des Guten setzt das Wissen um die Wirklichkeit voraus, und diese wurzelt in der ursprünglich guten Schöpfungsordnung. Nur  wer dieser Wahrheit gemäß handelt, handelt auch „klug“ im Sinne der Tugend.

Der Philosoph Josef Pieper verweist darauf, dass „nur wer klug sei, auch gerecht, tapfer und maßvoll sein könne; und dass der gute Mensch gut sei kraft seiner Klugheit“[3] Das ist eine Erkenntnis, die nicht unbedingt unserer Intuition entspricht, da das „landläufige“ Verständnis von Klugheit eher pragmatisch ist und auf ein moralisch neutrales „Know How“ zielt.

Der Zweck heiligt die Mittel nicht

Klugheit im Sinne der Kardinaltugend ist aber nicht zu verwechseln mit Gerissenheit, „machiavellistischen“ Tricks, oder einem kalt berechnenden „der Zweck heiligt die Mittel“. Ein in dieser Hinsicht einschlägiges, vielfach Talleyrand[4] zugeschriebenes Aperçu zeigt mit geradezu brutaler Deutlichkeit auf, was ein rein utilitaristisches Verständnis von Klugheit impliziert: Mit Bezug auf eine moralisch verwerfliche politische Entscheidung soll er gesagt haben „C’est pire qu’un crime, c’est une faute!“[5] Der Zynismus der Macht scheint hier durch, ein kalter Pragmatismus, welcher – sich frei jeglicher höherer Verantwortung wähnend – nur auf das  Erfolgreiche aus ist, ganz vom sittlich Gebotenen absehend.

Ohne Wahrheit keine Klugheit

Aber es ist nicht nur die zynische Berechnung des a-religiösen Machtpolitikers, die der Tugend der Klugheit widerspricht. Es gibt auch religiös gefasste Abweichungen, die mit der Tugend unvereinbar sind, weil sie die notwendige Verankerung der Klugheit in der Wahrheit aufheben und damit letztlich einer Art religiös verbrämtem Utilitarismus den Weg bereiten. Das gilt z.B. für religiös motivierte (meist sektiererische) Behauptungen eines Sonderrechts, das eine bestimmte Gruppe von allgemein anerkannten moralischen Grundsätzen dispensiert – und sei es nur teilweise oder zeitweise.[6]  

Etwas Ähnliches findet sich auch in dem vor allem im schiitische Islam verbreiteten Prinzip der „Taqiya“, des kalkulierten Sich-Verstellens und Verbergens eigener Absichten und sogar der eigenen Religion (in bestimmten Situationen). Auch das entspricht nicht dem, was mit Klugheit als Tugend gemeint ist.

Das „Absehen von sich selbst“

In dem einen Fall wird das als verwerflich erkannte Tun nicht abgelehnt, weil es verwerflich ist, sondern nur (und nur solange) seine Nebenwirkungen den eigenen Zielen schaden; im anderen wird ein Ausnahmerecht vom sittlich Gebotenen postuliert, ein Sonderrecht für die eigene Gruppe. Klugheit als Tugend setzt aber voraus, dass wir von uns selbst absehen[7] und auf der Grundlage sachlicher Erkenntnis der Wirklichkeit, der guten Schöpfungsordnung, handeln.

Das „Tugendhafte“ der Klugheit in dem hier gemeinten Sinne ergibt sich aus dem Zusammenhang mit den anderen menschlichen und vor allem den theologischen Tugenden. Ohne Rück-Bindung an das sittlich Gute würde aus Klugheit bloße Cleverness, Schlitzohrigkeit, bestenfalls „Bauernschläue“.

Wie „geht“ Klugheit?

Es gibt drei Voraussetzungen für ein Handeln, das der Tugend der Klugheit gerecht wird. Im Rückgriff auf Augustinus und Thomas von Aquin sind das: Memoria (geschultes Gedächtnis), Docilitas (sich etwas sagen lassen)  und Solertia(vollendetes Können).[8] Ein geschultes, „seinstreues“ (J. Pieper) Gedächtnis schließt verfälschte Erinnerung aus und macht immun gegen „Fake News“.

Die Bereitschaft zuzuhören und nicht rechthaberisch zu sein, schützt vor allzu selbstgewissen gedanklichen Kurzschlüssen und „self fulfilling prophecies“. Und eine höhere Form von Schlagfertigkeit, ein rechtes Einordnen von Geschehnissen und Argumenten und die Fähigkeit  zur angemessenen Reaktion darauf, macht uns erst handlungsfähig.

Was heißt das in der Praxis?

Die Tugend der Klugheit lebt in seinem Privatleben, in Familie und Beruf, wer auch einmal eine Grobheit oder Unwahrheit unbeantwortet lässt, wohl wissend, dass die Vernunft in hitzigem Streit selten oder nie triumphiert.

Dazu gehört freilich auch – und zwar zwingend – nach bestem Wissen und Vermögen schon entstandenes oder entstehendes Unrecht bzw. drohende Schäden durch das Fehlverhalten Anderer nach Glättung der Wogen doch noch richtig zu stellen[9].

Die Tugend der Klugheit lebt ebenfalls, wer in Gesellschaft und Politik – wissend um die Folgen einer drohenden Maßnahme oder Entscheidung[10], die verwerflich ist oder solche Folgen haben kann – ohne zu zögern und frühzeitig seinen Einfluss geltend macht, um Verbündete zu finden, gute Argumente zu verbreiten und öffentliche Aufmerksamkeit zu wecken, damit es erst gar nicht zur Fehlentscheidung kommt.

Und schließlich lebt die Tugend der Klugheit auch, wer ganz einfach in allen Lebensbereichen – bei der Partnerwahl und in der Kindererziehung, in der Karriereplanung und im gesellschaftlichen Engagement – nicht nur kalt berechnend jeden Vorteil nutzt, sondern Klugheit nur nach Maßgabe der anderen Tugenden[11] einsetzt – und zwar um so mehr, je stärker und einflussreicher die eigene Position ist.


[1]Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1806.

[2]Existentielle Grundbefindlichkeit des Menschen; theologisch gesehen des „gefallenen Menschen“.

[3]Josef Pieper: Das Viergespann. Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß. München 1964. S. 15.

[4]Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, 1754-1838, französischer Außenminister unter Napoleon I.

[5]„Das ist schlimmer als ein Verbrechen, es ist ein Fehler!“

[6]Papst Benedikt XVI. hat sehr treffend, freilich in anderem Zusammenhang, davon gesprochen, dass es „Pathologien von Religion“ gibt.

[7]J. Pieper, a.a.O. S. 39.

[8]J. Pieper, a.a.O. S. 29 ff.

[9]Hier kommt zugleich die Tugend der Gerechtigkeit ins Spiel.

[10]Zum Beispiel wenn es in Schule oder Kindergarten um die Durchsetzung verwerflicher ideologischer Konzepte geht, die dem Kindeswohl schaden. Hier kann schnell auch die Tugend der Tapferkeit mit ins Spiel kommen, herrscht in solchen Fällen doch oft ein starker Konformitätsdruck, mit der unterschwelligen Androhung sozialer und karrieremäßiger „Strafen“.

[11]Hier spielt die Tugend des „Maßes“ mit.


Zum Bild: Perugia, Collegio del Cambio, Sala delle Udienze, Klugheit und Gerichtigkeit und berühmte Männer der Antike (Fabius Maximus, Socrates, Numa Pompilius, Camillus, Pittacus, Trajan) – Die Ausmalung des Sala dell’Udienza (Sitzungs- oder Audienzsaal) im Renaissancestil führte Pietro Vannucci, Il Perugino genannt, von 1496 bis 1500 aus, vermutlich unter Mitarbeit des jungen Raffael.