Lesezeit: ≈ 3 Minuten

(Bild: universum film)

Filmische Qualität:   5 / 5
Regie:Susanne Bier
Darsteller:Mads Mikkelsen, Rolf Lassgård, Sidse Babett Knudsen, Stine Fischer Christensen, Christian Tafdrup
Land, Jahr:Dänemark / Schweden 2006
Laufzeit:119 Minuten
Genre:Dramen
Publikum:ab 16 Jahren
Einschränkungen:Explizite sexuelle Szenen
im Kino:1/2007
Auf DVD:8/2007

In ihrem letzten Spielfilm „Brothers – Zwischen Brüdern“ (siehe Filmarchiv) behandelte die dänische Regisseurin Susanne Bier universelle Fragen wie Einsamkeit, Schuld und Vergebung. Von der „Dogma“-Bewegung beeinflusst, die 1995 von Lars von Trier und zwei weiteren dänischen Regisseuren ins Leben gerufen wurde, und die für Authentizität im Film eintritt, fingen Susanne Biers mit der Handkamera aufgenommene, grobkörnige, verwackelte Bilder die wackeligen Gefühle der Hauptakteure ein. Weil sie ihre Kamera stets auf die Darsteller in Großaufnahme richtete, schaffte sie eine ungemein dichte Atmosphäre. Das aufrüttelnde Drama um Hoffnung auf Erlösung bezog freilich zum größten Teil seine Wucht aus dem Drehbuch eines der anregendsten Autoren im heutigen Kino: Anders Thomas Jensen.

In ihrer neuen Arbeit „Nach der Hochzeit“ („Efter Brylluppet / After the Wedding“) verfilmt Susanne Bier erneut ein Drehbuch von Anders Thomas Jensen. Wie in den meisten seiner Drehbücher entwirft der dänische Autor erneut vom Schicksal gezeichnete Figuren auf der Suche nach Erlösung von der eigenen Vergangenheit. Charaktere, die sich von den klischeebeladenen Abziehbildern des Hollywood-Kinos wohltuend abheben, die vielmehr an die Romanfiguren eines Dostojewski erinnern.

Im Mittelpunkt von „Nach der Hochzeit“ steht Jacob (Mads Mikkelsen), der seit zwei Jahrzehnten in Indien lebt, wo er ein Waisenhaus leitet. Als ein reicher dänischer Geschäftsmann der wohltätigen Einrichtung eine großzügige Spende in Aussicht stellt, knüpft er sie an eine Bedingung: Jacob muss den Spendenvertrag in Dänemark persönlich unterschreiben. So lernt der widerwillig in sein Heimatland reisende Jacob den Selfmademan Jørgen (Rolf Lassgård) kennen, der sich allerdings nicht sonderlich bemüht, die Angelegenheit schnell unter Dach und Fach zu bringen. Stattdessen lädt er Jacob zur Hochzeit seiner Tochter Anna (Stine Fischer Christensen) ein.

Kaum betritt Jacob die kleine Kapelle, in der die Hochzeit bereits begonnen hat, trifft ihn der verblüffte Blick von Annas Mutter, Jørgens Frau Helene (Sidse Babett Knudsen). Das Wiedersehen mit seiner Jugendliebe Helene bleibt indes nicht die einzige Überraschung für Jacob auf der Hochzeit. Denn dort erfährt er auch, dass Jørgen gar nicht Annas leiblicher Vater ist –die ihn zunächst beschleichende Vorahnung wird zur Gewissheit: Anna ist seine Tochter, denn als ihn Helene in Indien verließ, war sie mit ihr schwanger. Jacob wird mit sich widersprechenden Gefühlen konfrontiert. Eines will er auf jeden Fall klären: Hat Jørgen dies alles womöglich bewusst inszeniert? Und wozu?

Nach dem in warmen Farben und Panoramablicken fotografierten Prolog in Indien kehrt Susanne Bier im Hauptteil ihres Filmes zu denselben Stilmitteln zurück, die sie bereits in „Brothers“ eingesetzt hatte. Das visuelle Konzept mit der Handkamera und den Großaufnahme der Figuren, die eine emotionale Nähe zu ihnen schafft, setzt deren Konflikte in Bilder um. Die zurückhaltende Filmmusik unterstreicht die intensiven Gefühle dieser Menschen aus Fleisch und Blut.

Arbeitet das Drehbuch die Charaktere fein heraus, so steht die Inszenierung Susanne Biers ganz im Dienst der Darstellung. Dadurch wird die Katharsis, die diese Menschen vollführen, mit großer Intensität deutlich. Die hervorragende Schauspielkunst der drei Hauptakteure, allen voran von Mads Mikkelsen, der hier an seine außergewöhnliche Schauspielleistung in „Adams Äpfel“ (siehe Filmarchiv) anknüpfen kann, verleiht „Nach der Hochzeit“ eine selten gesehene Glaubwürdigkeit. Aber auch Rolf Lassgård gelingt es als Jørgen, ohne jegliche Melodramatik eine emotionale Tiefe offen zu legen, die der Zuschauer dem herrischen Geschäftsmann anfangs kaum zugetraut hätte.

Wie bereits in den Filmen, bei denen Anders Thomas Jensen selbst Regie geführt hat (vor allem „Flickering Lights“ 2000 und dem bereits erwähnten „Adams Äpfel“), gelingt es dem Gespann Bier-Jensen mit kräftiger Unterstützung des Kameramannes Morten Søborg, allgemein gültige menschliche Fragen aufzuwerfen: Wie der Mensch eine belastende Vergangenheit bewältigen, wie er von der Schuld erlöst werden kann, um ein neues Leben zu beginnen. Regisseurin Susanne Bier schafft es mit scheinbarer Leichtigkeit und entlässt den Zuschauer mit erneuerter Hoffnung. Durch seine gelungene Verknüpfung von formaler Brillanz und existentiellen Fragen erweist sich „Nach der Hochzeit“ als vollendete Filmkunst.