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Vergeben und uns versöhnen mit denen, die uns verletzt haben, und Verantwortung übernehmen und Wiedergutmachung dafür leisten, wenn wir andere verletzt haben: nur so wird der Kreislauf der Rache durchbrochen und Heilung  und neue Entfaltung ermöglicht. 

Sich neu entfalten ist die Grundvoraussetzung für die meisten ethischen Überlegungen. Ethische Gebote und Verbote, Warnungen und Empfehlungen sind nur in dem Maße sinnvoll, wie wir individuell und als Mitglieder von Gemeinschaften ein gutes Gedeihen erreichen wollen.

Die große Bedeutung der Vergebung

Vor einigen Jahren schrieb ich ein Buch, in dem ich versuchte, sozialwissenschaftliche Beiträge aus der Wirtschaftswissenschaft und der experimentellen Psychologie mit grundlegenden philosophischen Einsichten darüber zu verbinden, wie man am besten zur Entfaltung kommt. Ich untersuchte unter anderem die Auswirkungen von Einkommen (sowohl absolut als auch relativ), Vergnügen und Befriedigung, Arbeit und Freizeit sowie die Qualität von Institutionen (Familien, religiöse und politische) auf unser gemeinsames Streben nach einem guten Leben. Ich versäumte es jedoch, den unvollkommenen, zerbrechlichen und oft zerbrochenen Zustand der menschlichen Natur, wie er sich in jedem von uns findet und manifestiert, ausreichend zu berücksichtigen. Ich hatte vergessen, den Stellenwert der Vergebung zu berücksichtigen, und ich versuche nun, dieses große Versäumnis zu korrigieren.

Vergebung unterscheidet sich von dem bloßen Ertragen eines Vergehens. Ein Vergehen zu ertragen bedeutet, damit zurecht zu kommen, indem man es ignoriert; es bedeutet, wegzuschauen, sogar bis zu dem Punkt, dass man sich vormacht, das Vergehen sei vielleicht nie geschehen. Vergeben bedeutet dagegen, dem Vergehen und dem Täter direkt ins Auge zu sehen, von Angesicht zu Angesicht, und all das Böse und den Schmerz anzuerkennen, den es verursacht hat. Vergeben tut weh.

Ein weiterer Schritt: Versöhnung

Vergebung unterscheidet sich auch von Versöhnung. Vergebung ist ein innerer Prozess, durch den Menschen mit ihrem Leid und ihrer Bitterkeit zurechtkommen und dadurch in die Lage versetzt werden, ihre Täter in einem positiveren Licht zu sehen. Sie suchen nicht mehr nach Rache, sondern sind nun in der Lage, auf ihr eigenes Leben zu schauen. 

Versöhnung verlangt viel mehr. Sie beinhaltet die Möglichkeit, sich wieder eine gemeinsame Zukunft mit dem Täter vorzustellen und das Vertrauen wiederherzustellen. Daher ist es durchaus verständlich, dass manche Menschen auch nach dem Vergeben nicht bereit sind, den ganzen Weg zur Versöhnung zu gehen.

Es ist möglich zu verzeihen, ohne sich zu versöhnen. Doch obwohl Vergebung und Versöhnung nur verschiedene Etappen auf demselben Weg sein können, ist wohl Versöhnung die schönste Frucht der Vergebung, ihr höchster Ausdruck, ihre Vollkommenheit. Verzichten wir nicht zu leicht auf Versöhnung und berauben wir uns nicht ihrer Vorteile.

Der psychotherapeutische Weg

Die meisten Menschen wenden sich zunächst auf der Suche nach Heilung und innerem Wachstum der Vergebung zu. Psychotherapeuten beschreiben einen zweistufigen Prozess auf dem Weg zu diesem Ziel. Zunächst besteht da das Bedürfnis der Geschädigten, ihre Geschichte in einer sicheren, respektvollen Umgebung zu erzählen, ohne verurteilt zu werden. Das Ziel besteht weniger darin, Mitgefühl oder Ratschläge zu erhalten, als vielmehr die Chance, eine bedrückende Last von ihrer Seele zu nehmen, buchstäblich Luft abzulassen.

Das Mitteilen hilft den Betroffenen, ihren Schmerz in Worte zu fassen und sich davon zu distanzieren. Als nächstes ist das Bemühen zu nennen, den Standpunkt des Täters zu berücksichtigen, die eigene Perspektive zu erweitern, um zumindest einen Einblick in die moralische Komplexität hinter verletzenden Entscheidungen und Handlungen zu erhalten. Ziel ist es, Raum für Empathie zu schaffen, ohne den Täter aus der Verantwortung zu entlassen oder die Schuld auf das Opfer abzuwälzen.

Was jedoch tendenziell übersehen wird, ist die gegenseitige Abhängigkeit für ihren Erfolg zwischen der Vergebung des Geschädigten und der „Selbstvergebung“ des Angreifers. Beide müssen, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen, wieder zusammengeführt werden. Um „Selbstvergebung“ zu erreichen, beschreiben Psychotherapeuten das Durchlaufen verschiedener Phasen: Verantwortung, Reue, Wiederherstellung und Erneuerung. Verantwortung bedeutet, sich persönlich zur Schuld zu bekennen; Reue, die Schuld anzunehmen; Wiederherstellung, den Schaden wieder gut zu machen; und Erneuerung, das Leben neu zu beginnen. In der Tat hat jede Phase ihre eigenen Herausforderungen, ich will mich nur auf die letzten beiden konzentrieren.

Wiederherstellung und Erneuerung

Die Wiederherstellung beginnt mit einer demütigen Bitte um Verzeihung. Manchmal ist eine vollständige Wiederherstellung, eine strenge Vergeltung, nicht möglich; die Toten können beispielsweise nicht wieder zum Leben erweckt werden, und bestimmte Verluste können nicht angemessen kompensiert werden. Beide Parteien müssen realistisch genug sein, dies anzuerkennen. Andernfalls besteht die einzige Möglichkeit darin, in eine bodenlose Spirale der Rache zu geraten.

Deshalb müssen sowohl Opfer als auch Angreifer ihre Hoffnungen auf die Möglichkeit einer Erneuerung setzen, wenn sich die Angreifer von nun an feierlich verpflichten, unabhängig vom eigenen Wohlbefinden auf das Wohl der Opfer wiedergutmachend hinzuarbeiten. Erneuerung befähigt die Angreifer, an die Stelle von Rachegelüsten Gedanken des Mitgefühls zu setzen, während sie den Tätern erlauben, die Selbstverurteilung aufzugeben und ihre Selbstachtung wiederzuerlangen.

In ihrer Zukunftsorientierung ist Erneuerung kaum von Versöhnung zu unterscheiden. Wie Arendt in Anlehnung an die Lehren Jesu bemerkte, ist Rache reaktiv, absolut von vergangenen Übeln bestimmt, während Vergebung (ohne die Vergangenheit zu ignorieren oder auszulöschen) den Opfern und Angreifern erlaubt,  ganz neu zu handeln, und ihnen die Freiheit gibt, die Zukunft neu zu gestalten. Versöhnung ist nichts anderes, als diese Zukunft gemeinsam aufzubauen und den ehemaligen Feind in einen treuen und lieben Freund zu verwandeln. 

Vielleicht gibt es nichts, was wir – schwache und gebrechliche Menschen, die wir trotz bester Absichten sind – in unseren Familien, Organisationen und Gemeinschaften mehr benötigen als Vergebung. Anstatt Empörung über Vergehen zuzulassen oder uns abschätzig zu behandeln und herauszufordern, sollten wir unsere Chancen auf Versöhnung nutzen. Das ist nicht nur die Möglichkeit, „das Böse im Überfluss des Guten zu ersticken“, sondern es ist auch eine unabdingbare Voraussetzung für ein ethisches Leben und das Gedeihen in einer nicht idealen Welt.