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Mit dieser Aussage bekennen wir zunächst ausdrücklich, was implizit schon im Bekenntnis zu Gott dem Vater enthalten war: Er ist nicht ein ferner, übermächtiger, unnahbarer, sondern ein naher, liebender, zugewandter Gott, der es sozusagen in seiner Allmacht nicht aushält, sondern auf uns zugeht – bis dahin, dass er selbst Mensch wurde (1).

Das ist ein so unerhörtes Geschehen, dass es eigentlich alles auf den Kopf stellt, was Menschen bis dahin über Gott wussten oder zu wissen glaubten. Es hat die Menschheitsgeschichte grundlegend verändert; ganz zu Recht richtet sich unsere Zeitrechnung danach.

Gott und Mensch

Mit unserem von einem populärwissenschaftlichen Weltbild geprägten Vorverständnis ist diese Radikalität des Geschehens nicht immer leicht vereinbar. Da kann Jesus zwar als historisch bedeutende Prophetengestalt akzeptiert werden, als begabter Prediger, wie es damals andere gab, vielleicht auch als religiöses Genie mit einem besonders „guten Draht“ zu Gott, oder zumindest als moralisches Vorbild (2).

Nur dass er zugleich Mensch und Gott ist, will sich nicht so recht ins wohltemperierte, mehrheitsfähige Weltbild einfügen (3). Da ist höchstens Platz für „role models“ und Idole. Aber weder Sokrates noch Gandhi, weder Aristoteles noch Albert Schweitzer können wir als „unseren Herrn“ ansprechen. In Jesus begegnen wir nicht einem Prediger und Wohltäter mit besonderer Nähe zu Gott, sondern ihm selbst (4).

Kein Pseudo-Mensch

Neben der Reduktion des Jesus Christus auf den „Nur“-Menschen gab es oft auch das Gegenteil, die Uminterpretation der Menschwerdung als reinen Schein. Aber Jesus ist auch kein Schein- oder Pseudo-Mensch, kein Geist oder Alien, der sich in menschlicher Verkleidung unter die Leute mischt und sie über sein wahres Sein täuscht – das Credo legt Wert darauf, dass er von einer Frau geboren wurde (noch dazu unter recht bescheidenen, fast allzu menschlichen Verhältnissen). Das war seinerzeit etwas Unerhörtes, geradezu „Skandalöses“, das man sich nicht vorstellen wollte: Gott wird Mensch – mit der ganzen, handfesten Körperlichkeit?

Das in unserer Sprache heute ungebräuchliche Wort vom „eingeborenen“ Sohn Gottes drückt nicht nur aus, dass Jesus überhaupt als Mensch geboren wurde und dass er der einzige Sohn ist, sondern auch, dass diese Menschwerdung Gottes ohne Beispiel und unwiederholbar ist. Jesus ist nicht ein Geschöpf, wie andere (nur mit höheren Ansprüchen) und schon gar nicht ein Halbgott wie diverse Gestalten der antiken Mythologie (5); und der Hinweis auf das Wirken des Heiligen Geistes schließt jede Vergleichbarkeit mit der Zeugung von Göttersöhnen und anderen Mischwesen aus, die man vielfach in der Religionsgeschichte findet.

Jungfrauengeburt

Auch die Geburt durch die Jungfrau Maria ist nicht zuletzt deshalb so wichtig und zu Recht im Credo enthalten. Die Jungfrauengeburt ist weder Ausdruck frühchristlicher Prüderie, noch ist sie die Voraussetzung der Göttlichkeit Jesu (6). Aber sie belegt überdeutlich, dass die Menschwerdung Gottes nun wirklich gar nichts mit den wüsten, anthropomorphen Ausflügen antiker Göttergestalten ins Reich menschlicher Körperlichkeit zu tun hat, wie wir sie in Mythen und Dichtungen vieler Kulturen finden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Geburt Jesu durch Maria, die Jungfrau, in allen Konfessionen stets hoch geachtet wurde; in diesem Punkt herrscht Einigkeit auch mit frommen Muslimen.

Natürlich hat es eine Weile gedauert, bis die frühen Christen für all das in unserem Credo enthaltene Glaubens-Wissen die richtigen Bekenntnis-Worte und schließlich auch ausformulierte theologische Erklärungen fanden. Aber schon vor der schriftlichen Fixierung der Bekenntnisse war der Glaube der Apostel und ihrer Nachfolger in allen diesen Punkten eindeutig und dabei so überwältigend, dass demgegenüber der antike Götter-Olymp als klägliches Schauspiel menschlicher Einbildung schnell verblasste – allen Nöten und Verfolgungen der frühen Christen zum Trotz. Und diese Nähe zum wahren Geschehen um Jesus Christus macht das Credo auch nach zweitausend Jahren noch genau so eindringlich wie zur Zeit der Apostel, nach denen es benannt ist. In Jesus ist die Person des liebenden Gottes endlich greifbar, sichtbar und fühlbar geworden.


Anmerkungen

1) An keiner Stelle der Menschheitsgeschichte bzw. der Geschichte Gottes mit den Menschen wird zugleich so deutlich, welchen Ernst die Aussage der Schöpfungsgeschichte hat, dass Gott den Menschen „nach seinem Bilde“ schuf – und wie ernst Gott das Sein des Menschen nimmt.

2) Dass es den „historischen Jesus“ gab, bestreitet kein ernst zu nehmender Forscher, nicht einmal mehr stramme Atheisten. Die historischen Quellen sind überwältigend und eindeutig; keine Schrift der Antike ist so gründlich, kritisch und unparteiisch von Wissenschaftlern erforscht worden wie die Bibel.

3) Dabei ist dieses unerhörte „sowohl-als-auch“ mit unserem naturwissenschaftlichen Wissen besser vereinbar, als mit dem naiven mechanistischen Weltbild der Aufklärungszeit. Wir wissen z.B., dass das Licht zugleich Wellen- und Teilchen-Charakter hat. Warum – um einen etwas gewagten Vergleich anzustellen – sollte es uns nicht möglich sein, zumindest rein intellektuell nachzuvollziehen, dass Jesus zugleich Gott und Mensch ist?

4) Vgl. Joh. 14, 8 ff: Auf die Bitte des Philippus „Herr, zeige uns den Vater“, antwortet Jesus: „Schon so lange bin ich bei Euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus?“ Hier zeigt sich auch, dass die Rede von Jesus als unserem „Bruder“ leicht missverständlich sein kann.

5) Vgl. hierzu z.B. Joseph Ratzinger: Einführung in das Christentum. Vorlesungen über das apostolische Glaubensbekenntnis.München 1968 (Neuausgabe 2000). S. 200 ff.

6) Vgl. dazu J. Ratzinger / Benedikt XVI.: Salz der Erde / Gott und die Welt. München 2006. S. 556 ff.